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Ost und West · 1911-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1911) · p. Seite 747 - 748

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1911)
Article
Feitele Zakkik's Leben und Tod
Date
1911-08-01
Page
Seite 747 - 748 (sequence 5)
Language
German
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747 Feitele Zaddik's Leihen und Tod. 748 Feitele zitterte, ward immer schamroter und verlegener. Endlich rückte er stotternd mit der Sprache heraus: „Ich war 25 Jahre Militär, Hochwohlgeboren." Der Polizei-Vorsteher, die Polizisten und die drei Juden sprangen fast entsetzt auf, die Juden zuckten zusammen und einer von ihnen rief instinktiv mitleidsvoll aus: „A Soi?" Der Polizei-Vorsteher erholte sich aber bald von seinem ersten Staunen, schaute mit erzwungenem Argwohn Feitele an und fuhr mit dem Verhör fort: „Hast du Papiere?" „Ja, Hochwohlgeboren." Ueber Feitele kam dann eine merkwürdige Ruhe, als hätte er sich selbst überwunden. Er griff mit grosser Sicherheit in seine Busentasche und holte ein ganzes Bündel zerfetzter Papiere heraus, die er rasch auf den Kanzleitisch legte. Der Polizei-Vorsteher griff mit sichtbarer Neugierde nach dem Papierbündel, nahm ein sorgsam zusammengelegtes Papier aus der Mitte hervor, schlug es auf und las zum Entsetzen der Anwesenden unwillkürlich laut seinen Inhalt vor. Darin hiess es: Regiment Nr.? Kommando Nr.? Im Namen des Kaisers aller Russen! Wir, Vorsteher der Regimentskanzlei des Regiments Nr.? bescheinigen hiermit, dass Iwan Muska Abramilow, geboren? aus? russisch-orthodoxer Konfession, 25 Jahre in Treue und Hingabe als Gemeiner und später als Unteroffizier seinem Kaiser gedient, dass er sich während seiner 25jährigen Dienstzeit nie etwas hat zu schulden kommen lassen, was ihm hierdurch urkundlich bescheinigt wird. Der Oberst des Regiments. Für das Bezirkskommando. Der Polizist las dieses Schriftstück nicht ohne innere Bewegung; die Juden wurden kreidebleich. Alle Anwesenden waren enttäuscht, sogar die Polizisten. Nun versteht sich," fuhr Reb Schlome erregt fort, „Feitele war ein Nikolaus-Soldat, wie andere auch. In seiner Jugend haben ihn die Agenten gefangen, er war Waise, und, nachdem sie ihn getauft hatten, steckten sie ihn unter die Soldaten, weit, weit, in Sibirien oder in Astrachan. Aber Feitele war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik. Die ganzen 25 Jahre belebte ihn nur eine Hoffnung: zum Glauben seiner Väter zurückkehren zu können. Diese Hoffnung gab ihm Kraft und Mut zu leiden, so viel zu leiden. Als sie ihn zwölfjährig getauft hatten, wusste er noch nicht viel; er war ein Kind. Und als jüdisches Kind unter Christen gekommen, tief in Russland, wo man keinen Juden sieht, hatte er Sehnsucht nach Juden, und er hoffte immer. — Ja, er war ein Zaddik, ein wirklicher Zaddik. Aber ich will euch von seinem unglücklichen Ende erzählen. .. . Der Polizei-Vorsteher fand sich bald wieder in seine Tyrannenrolle und rief, als wäre nichts geschehen: „Du Schurke, du Hund, du Verräter — warte nur. Du bist als Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche zu den Juden gegangen. — Du Verräter, du Judas, du Elender. — Warte nur, warte--" Und zu den Juden sich wendend, sagte er aufgeregt: „Er gehört uns, er ist unser, hier habt ihr nichts zu suchen — er ist kein Jude — ihr könnt gehen." Die Juden mussten natürlich fortgehen. Feitele gehörte nun einmal ihnen. — Sie konnten ihm nicht helfen.---- Feitele Zaddik ist in Untersuchungshaft genommen worden, da, wie ihr wisst, der Austritt aus der russisch-orthodoxen Kirche mit schwerem Kerker bestraft wird. Jetzt hatte er gar keinen, der sich seiner annehmen konnte. Er war „Christ" und der Polizei auf Tod und Leben ausgeliefert. Feitele sah die Freiheit nicht mehr. Alt und gebrochen, körperlich geschwächt, erlebte er nicht seine Verurteilung. Er hielt es im feuchten Kerker bei Kost aus Wasser und Brot nicht lange aus. An einem kalten, regnerischen Oktobermorgen sah man einen kleinen, ärmlichen Leichenwagen mit einem aus halb verfaulten Brettern gezimmerten Sarg durch die Stadt zum christlichen Friedhof fahren, von einem abgerissenen Polizisten und einem grossen Hund begleitet. „Feitele Zaddik" hat so auf dem christlichen Friedhof in dem Verbrecherwinkel seine letzte Ruhestätte gefunden. Die Juden schwiegen. Einige seufzten traurig. Nur Michel der Bader rief bewegt: „Armer Feitele, nicht einmal in jüdischer Erde begraben, nicht einmal zu ,Kewer Jisroel' gekommen!" CHIEF-RABBI DB: HERMANN ADLER. *,__«—« « .„! Nachdruck verboten. Mit dem Ableben von Dr. Adler, Oberrabbiner Sprecher. Dem Mann und geistlichen Führer, dem der Juden des britischen Reiches, verliert die Londoner leider infolge innerer Kämpfe in der englischen Juden- „United Synagogue" ihr kluges geistliches Oberhaupt, lieit kein ruhiger Lebensabend nach fünfzigjähriger die Juden im britischen Reiche ihren vornehmen mühevoller Arbeit vergönnt war, trauert die ganze taktvollen Vertreter und Führer, die Juden in Judenheit nach, weil er sein langes und taten- Osteuropa ihren einflußreichen und energischen Fürreiches Leben in den Dienst der Judenheit gestellt

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