Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Onkel Abraham und der Dieb
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 1)
- Language
- German
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731 732 ONKEL ABRAHAM UND DER DIEB. Von Con st antin Brunn er. Nachdruck verboten. Mein alter Onkel Abraham, der Schwede, ist es wohl wert, dass man einmal öffentlich von ihm spricht. Er hat schätzenswerte Eigenschaften und ist ein Original. Ein Original nicht allein im Reden, sondern auch sein Lehen hat er aus originaler Kraft geführt als ein allezeit selbstsicherer, humoristischer Mann, und ist der Stammhalter einer ausgebreiteten und angeschenen Familie geworden. Er geht ins vierundneunzigste Jahr, ist aber von solchem Kern und Mark, dass ers noch mit manchem von den Jungen aufnimmt. Ganz unvermindert ist seine Lebensenergie; und wenn's darauf ankäme, war er immer noch der kleine Napoleon, der er immer gewesen ist. Er wohnt in Stockholm, wo ihn jeder kennt und liebt; alljährlich zu seinem Geburtstage bringen die Zeitungen sein Bild. Meinem Onkel Abraham ist sein Alter ein Stolz und eine Lust — nur zweierlei erfüllt ihn mit noch mehr Lust und Stolz: sein Judentum und sein Schwedentum. Ich traf den Onkel Abraham, als ich ihn End- Juni besuchte, in bester Aufgelegtheit; dennoch bei hauptete er, es wolle nicht mehr so recht. ,,Nein, nein. Du glaubst mir nicht, und ich kanns dir nicht beweisen. Warum nicht? Weil ich dir nicht vor Augen bringen kann, wie ich vor siebzig Jahrengewesen bin. Wrenn ich das könnte, würdest du eben sehen, wie ich mich verändert habe. Nun, im ganzen bin ich zufrieden, sehr zufrieden. Wo lebt man auch besser als in meinem dreimal herrlichen Stockholm! Die Schönheit der Stadt und die gute Luft erhält mich. Ich gehe jeden Tag spazieren in der schönen Stadt und in der guten Luft. Man braucht nicht zu reisen, wenn man in diesem gesegneten Stockholm wohnt; ich will auch nicht mein* viel reisen, nur nächstens nach Kopenhagen zu meiner Bernhardine und Florentine, und dann zu dir nach Berlin — du hast doch gewiss eine Schiefertafel: ich muss dir einmal wieder Aeffchen draufmalen wie damals, als du noch klein warst und immer schriest: ,Abelam, Aeffchen, Aeffchen, Aeffchen.'' Ich werde vorsichtig reisen, immer die Nächte durch, damit ich nicht so lange auf Reisen bin. Vorsicht ist die einzige Lcbcnsregel für den alten Menschen. Ich bin sehr vorsichtig in allem, rauche auch nur einmal täglich — nämlich von morgens früh, wenn ich aufstehe, bis ich zu Bett gehe. Eigentlich hab ich, die Nächte abgerechnet, nur einmal in meinem Leben geraucht.*''' Und dann kam Onkel Abraham auf sein Leben zu sprechen und erzählte mir so Schönes so schön, dass ich ganz gebannt und tief ergriffen Stunden lang zuhörte. Könnte man's so aufschreiben, wie er es mitteilt, so lebendig, anschaulich, eindringlich, es wäre ein Kunstwerk biographischer Mitteilung. Ich will nur eine kleine Episode wiederzugegeben suchen, die übrigens den ganzen Onkel Abraham zeigt: „Ich komme eines Tages zusammen mit meinem Kompagnon in unser Kontor (er hatte eine Leinen- Grosshandlung), und da steht mein lieber Johanson und stopft sich f^cid m dem Augenblick ein Dutzend Taschentücher in die Brust. Mein Kompagnon, ein überaus hitziger Mann, auf ihn zu, versetzt ihm eine ungeheuerlichste Ohrfeige und will ihn der Polizei überliefern. ,Nein, mein Lieber,' sage ich, ,das nun nicht; das wäre nicht gerecht. Dir hast ihm jetzt schon seine Strafe gegeben, und niemand soll doppelt bestraft werden für das Gleiche/ ,Aber raus auf der Stolle mit ihm./ brüllt mein Kompagnon. ,Auch nicht, sage ich; ,Johanson ist noch jung, er wird es nicht wieder tun/ ,Er wird es immer wieder tun/ sagt mein Kompagnon. Johanson aber verschwört sich hoch und heilig ,Nie wieder', und wir lassen ihn im Geschäft. Nicht lange danach — mein Kompagnon war auf einer Reise — wird mir zugesteckt, Johanson stiehlt, was er kann, wie ein Rabe. Ich konnte, mochte es nicht glauben, — es galt, dass ich mich überzeuge. Nicht wahr? — Ich nehme einen Funfkronensehein, schreibe mit Kopiertinte auf die eine Seite: „Ich bekräftige mit meiner Unterschrift, dass ich diesen Fünfkromnschein heute, den ..... gestohlen habe. Johanson', und lege ihn mit der andern Seite nach oben, auf den Fussboclen eines Zimmers, das ich durch ein kleines Fensterchen aus einem Nebenzimm.er beobachten kann. Mein Johanson kommt, sieht, sieht sich um, knittert mit einer Bewegung den Schein zusammen und schiebt ihn in seine Westentasche. Nun betrete ich das Zimmer und fange an: ,Mein guter Johanson, besinnst du dich noch darauf, dass du uns vor einiger Zeit ein Dutzend Taschentücher gestohlen hast?' — ,Ja, ich hatte mich vergessen; ich bin doch sonst der ehrlichste Mensch/' — .Das freut mich zu hören, mein guter Johanson, und darum tut mir etwas so leid, mein guter Johanson.' — ,Was denn?' — ,Dass sie sagen, du stiehlst immer noch weiter wie ein Rabe.' — ,Ich? Ich stehlen? Da will ich auf der Stelle in den Boden sinken, wenn ich auch nur das Geringste genommen habe! Ich und stehlen!' — ,Nun, mein guter Johanson, man muss auch nicht immer gleich so starke Worte gebrauchen. Stehlen — pfui! -Aber — man findet mal was und steckt es zu sich. Finden ist doch nicht stehlen, wie? Man findet mal was auf der Eisenbahn, auf dem Schiff, auf der Strasscnbahn, auf der Strasse, in einem Hause, auf der Treppe, in einem Zimmer, auf einem Tisch, unter einem Tisch, auf dem Fussboclen — irgendwo. Hast du niemals Geld gefunden, ich weiss nicht wo, und zu dir gesteckt?' — ,Niemals, niemals. Wenn ich Geld gefunden und zu mir gesteckt hätte, müsst ich doch welches haben!' — ,Nun, mein guter Johanson, es müsst ja nicht heute gewesen sein, aber es scheint heute gewesen zu sein, und du hast also das Geld bei dir?' — ,Keine Oere habe ich bei mir, keine Oere.' — ,Das tut mir sehr leid, mein guter Johanson, zu hören, dass du gar kein Geld bei dir hast. Mir wäre viel lieber gewesen zuhören, dass du Geld bei dir hast. Sieh mal, mein guter Johanson, ich bin doch immer gut gegen dich gewesen, — besinne dich doch mal, mir zuliebe, ob du nicht doch violleicht Geld bei dir hast. Wieviel Geld hast