Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1911)
- Article
- Jozef Israels
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 715 - 716 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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715 L. Pilichowski, Paris: Jozef Israels. 716 mit der Bemerkung, dass ihm meine Visitenkarte sehr gefalle, und sagte, dass ihm mein Name nicht fremd sei; er erinnere sich gut an eines meiner Bilder, das er auf einer Ausstellung gesehen habe. Er sprach mit fast jugendlicher Beweglichkeit, Palette und Pinsel in der Hand, vor seiner Staffelei. Es war eine Ueberraschung für mich, der ich ja wusste, dass Israels in den Achtzigern sei und so oft gehört hatte, dass er alt sei. Begreiflicherweise war ich überglücklich, ein Wort der Anerkennung von einem so grossen „Rabbi" der Malkunst zu hören. Er fragte mich weiter, ob ich nur Juden male, und als ich ihm antwortete, auch Himmel, Erde und Heiden, je nach meiner Laune, war er mit der Antwort sehr zufrieden. Er sei kürzlich gelegentlich einer Reise in Berlin von Journalisten gefragt worden, ob er jüdischer Maler sei, und habe geantwortet: „Ein Jude, aber holländischer Maler, male auch gerne Juden, da sie so malerisch sind." . . . „Haben Sie meinen „Thor aschreib er" gesehen? Das war ein Modell! Ich bin ihm auf meiner Reise nach Spanien begegnet. Haben Sie übrigens mein Buch über Spanien gelesen?" und ich glaubte seiner Frage zu entnehmen, class er grossen Wert auf dieses Werk lege. Der Meister bat mich nun um die Erlaubnis, weiter malen zu dürfen, da er das Bild, an dem er eben arbeite, zu einer Ausstellung fertigbringen müsse, und lud mich ein, indessen seine Werkstätte zu besichtigen. Wie glücklich war ich hierüber! Hier konnte ich herausfinden, wie so manches Werk des grossen Meisters seinen Anfang genommen hatte. Ich sah gezeichnete und gemalte Skizzen und Studien zu seinen Meisterwerken und konnte feststellen, mit welchem Eifer und Ernst sie durchgearbeitet waren! Eine Aquarellstudie zu dem so berühmten Gemälde „Der Sohn des alten Volkes", das eine Zierde des Amsterdamer Rijks-Muzeums ist, wies eine ganz andere Komposition auf als das Bild selbst. Unter anderem war noch eine Jünglingschar darauf. Ueberhaupt, wie da überall die wunderbaren grauen Töne leuchteten, die Meister Israels so persönlich geschaffen hat, und die wahre Farbendichtungen sind. Ueberall Proben, Versuche, unvollständige Bilder und Studien; Probeabzüge von seinen meisterhaften Radierungen, mit einem Worte eine Atmosphäre von ernstem Denken, wahrem „Ruach Hakodesch" und intensiver Arbeit. Was mich aber am meisten interessierte und mich immer wieder zwang, mein Auge, obzwar diskret und verstohlen, hinzuwenden, das war das Bild, an dem Israels eben malte. Es stellte eine holländische Frau vor einem Hause sitzend dar. Im Vordergründe einige Bäume, durch deren Zweige ein grosser Flecken Sonne die Frau beleuchtet, und auf der Seite des Bildes ein Brunnen, vor dem weisse Tauben hin und her fliegen. . . . Wio reizend in der Farbe, wie jugendlich in der Malweise! Und „weisse Täubchen" in der Seele eines kleinen gebückten Männchens, welche Antithese! . . . Ich werde den bezaubernden Eindruck dieses Bildchens und noch einiger anderer gerade um diese Zeit gemalter Skizzen Israels nie vergessen. Ich hatte das Empfinden, dass er immer jünger werde und wünschte, dass er Tizians Alter erreiche und uns immer neue Wunder seiner erhabenen Kunst zeige. Es wrar mir ein Trost, zu wissen, dass nicht alle Künstler „alt Werden", wenn ihr Leben bergab zu schreiten beginnt. Ich kenne nur noch ein ähnliches Beispiel unter den modernen Künstlern: den vor einigen Jahren verstorbenen französischen Maler Puvis de Chavanncs, der erst in den sechziger Jahren seines Lebens seine so über alles erhabene Meisterschaft zum Ausdruck brachte und eine der grössten Künstlerindividualitäten aller Zeiten wurde. Wie ich so in Nachsinnen und Bewunderung dastand, fragte mich Israels plötzlich, ob ich jeden Talmud studiert habe; er habe ihn in seiner Jugend sehr ernsthaft studiert. Und gleich darauf zitierte er den Beginn der Gemarah „Berachoth"! . . . . Als ich Meister Israels zwei Jahre später wieder sah, setzte er mich durch sein ungewöhnliches Gedächtnis in Verwunderung. Es war gelegentlich eines abermaligen Besuches in seinem Atelier und wiederholten Zusammentreffens bei gemeinsamen Freunden in Scheveningen (meist an Sabbaten, an denen er, infolge eines Versprechens, das er seinem sterbenden Vater gegeben hatte, nicht malte), wo er mich über so manche Dinge und Leute befragte, von denen ich mich mit ihm vor zwei Jahren unterhalten hatte — sogar darüber, ob ich noch dieselbe Visitenkarte benutze. . . . Bei meinem zweiten Besuch in Israels Atelier begegnete ich dort dem bekannten holländischen Marinemaler und bedeutenden Sammler der Gemälde und Zeichnungen der Barbizon-Schule, Mesdag.- Er kam zu Israels, um das Porträt seiner Frau zu besichtigen — ein Meisterwerk in erhabener grau-bräunlicher Tonalität und mächtig in Licht und Ausdruck. — Es war amüsant, die beiden Freunde zusammen zu sehen: Mesdag, einen riesigen, starken Greis, in freundschaftlicher Unterhaltung mit dem „chlejne Jodehe", das Israels, wie das holländische Volk, das ihn wegen seiner Herzensgüte und Klugheit liebte und auf seine Weltberühmtheit stolz war, liebevoll zu nennen pflegte. Nun ist Meister Israels nicht mehr da! Die Tagespresse hat schon erzählt, dass er in Groningen im Jahre 1824 als Sohn eines dort sehr angesehenen Kaufmannes geboren wrar, dass ihn sein Vater für die Handelskarriere oder gar zum Rabbiner zu erziehen beabsichtigte, dass aber die Muse der Malkunst zu seinem Glück es anders gewollt hat. Die Presse — die doch alles wreiss — erzählte weiter ausführlich, wie Israels sein Studium in Holland, dann in Paris bei dem grossen Neoklassiker Delaroche fortgesetzt hat, wie er dann nach Holland zurückgekehrt ist, um sich an der Natur seiner lieben Heimat und den Meisterwerken Rombrands weiter zu vervollkommnen, wie er sich nicht nur den Ruf des grössten Malers des modernen Holland, sondern auch einen Weltruf und die grössten Auszeichnungen erarbeitet hat, wie menschenfreundlich er war und wie er auch von seinen Mitmenschen geehrt und geliebt wurde, und endlich, wie er unter tiefer und imposanter Teilnahme der ganzen Kulturwelt und Hollands beerdigt wurde. Israels ist dahingeschieden! Einer der „g'dolei b'issrael". Und nun geht die Fürstenkrone der jüdischen Künstler auf Max Liebermann über. Eine ziemliche Anzahl wahrer Talente ist sein Gefolge. Mögen sie weiter, wie Jozef Israels, Lügen strafen alle diejenigen, die hartnäckig behaupten, dass die Juden keinen Sinn für die bildenden Künste haben!