Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Die Israeliten in Russland
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 2)
- Language
- German
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559 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Russland. 560' den israelitischen. Intellektuellen zufällt, jenen Juden, die in freien Berufen tätig sind, und dass folglich die Juden eine ständige Gefahr bilden. Die Majorität der Versammlung hat folgende Tagesordnung angenommen: Der Kongress betrachtet die Zulassung von Juden zu staatlichen Aemtern und zum Heer für eine grosse Gefahr. Im Interesse der Religion und der Moral hält er eine gemeinschaftliche Erziehung von jüdischen und orthodoxen Kindern für unzulässig. Sie spricht demgemäss den Wunsch aus, dass folgende gesetzliche Vorschriften erlassen werden: 1. Vollständiges Verbot für Juden, selbst nachdem sie zum Christentum übergetreten sind, irgendein öffentliches Amt auszuüben oder eine Verwaltungs¬ oder richterliche Stellung anzunehmen. Vollständiger Ausschluss der Juden vom aktiven und passiven Wahlrecht. 2. Ausschluss vom Militärdienst zu Land und zu Wasser, selbst bei freiwilliger Meldung. 3. Absolute Trennung der Unterrichtsanstalten: den Juden soll die Erlaubnis gewährt werden, unter gewissen Bedingungen Privatschulen begründen zu dürfen. 4. Kein Jude, auch kein getaufter, darf geadelt werden. 5. Unveränderte Aufrechterhaltung der bisherigen Ansiedelungsgrenze und aller einschränkenden Verordnungen betreffend das Wohnrecht der Juden. Von den 31 auf dem Kongress vertretenen Adelsgruppen haben 25 diesen Beschluss angenommen. Verschiedene Redner haben während der Beratung sehr heftige Angriffe gegen die Juden ausgesprochen. Der Abgeordnete Markof erklärte, dass diese Massnahmen nur die Einleitung für die vollständige und endgültige Vertreibung der Juden bedeuten sollten. Abgeordneter Schatkof ermahnte die Versammlung, sich nicht von humanitären Rücksichten leiten zu lassen, wenn es sich um Juden handelt; jedes Mittel zu ihrer Bekämpfung wäre erlaubt und gesetzlich. Ausweisungen. Unter dem Vorwand, das Aufenthaltsrecht der Juden in gewissen Gegenden zu kontrollieren, gehen die Behörden jetzt wieder mit neuen Massenausweisungen vor. Besonders zahlreich waren sie im Bezirk Bokhara und im Gouvernement Tschernigof erfolgt. In der Duma, wo der Abgeordnete Nisselowitsch die Ausweisungen zur Sprache brachte, wurden sie vom Gouverneur von Tschernigof zwar bestritten, es haben in diesem Gouvernement aber trotzdem 2000 Ausweisungen stattgefunden. Im Gouvernement Keherson sind mehrere jüdische Familien aus der landwirtschaftlichen Kolonie Golbstadt ausgewiesen worden und eine Anzahl Familien ist zur orthodoxen Kirche übergetreten, um endlich nicht mehr belästigt zu werden. Die Nachkommen der jüdischen Soldaten aus der Regierungszeit Nikolaus I. sind aus dem Amurgebiet ausgewiesen worden, wo sie auf Grund besonderer Privilegien bisher das Wohnrecht besessen hatten. Untorrichtsbeschränkungen. Die Vorschrift der Zulassung eines bestimmten Prozentsatzes jüdischer Schüler und Studenten zu den höheren Lehranstalten wird mit grosser Strenge gehandhabt. Sie ist jetzt auch in verschiedenen Instituten eingeführt worden, an denen sie bisher nicht bestanden hatte, zum Beispiel an der Kunstschule in St. Petersburg. Der Führer der Kadottenpartei, Abgeordneter Roditschew, hat bei der Beratung des Etats für den öffentlichen Unterricht diese neue Beschränkung in der Duma zur Sprache gebracht und in seiner Rede nach dem Bericht des „Nowi-Woschod" vom 10./23. März folgendes ausgeführt: „Der ganze Winter ist mit der Ausarbeitung eines gegen die Juden gerichteten Systems von Schuleinschränkungen ausgefüllt worden, das gesetzlich nicht zulässig ist, und für das einzig das Ministerium verantwortlich gemacht werden kann. Man sagt oft, daß der Lerneifer der Juden eine Gefahr für die Russen bedeute, daß sie die nationalen Orthodoxen überflügeln, weil diese die bedeutend besser veranlagten Juden nicht zu verdrängen imstande sind. Bei der Feststellung dieser Tatsachen scheint man ganz zu vergessen, wie diese Ueberlegenheit der Juden über ihre Kameraden entstanden ist. Sie kommt von den die Juden einschränkenden Schulgesetzen, durch die bereits eine Auswahl aus der Mitte der jüdischen Schüler selbst getroffen worden ist. Nachdem nur solche jüdischen Schüler in die höheren Lehranstalten aufgenommen werden, die bereits eine Medaille für gute Schulleistungen erhalten oder bei der Aufnahmeprüfung die besten Nummern erreicht haben, werden alle anderen gar nicht mehr zugelassen, und es bleibt nur eine Elite zurück. Die jungen Leute, die schliesslich auf diese Weise ausgewählt und aufgenommen worden sind und denen daran gelegen ist, ihre Diplome zu erhalten, müssen mit grösstem, angestrengtem Fleiß arbeiten, um ihre Studien zu beenden und den ihnen gewordenen Vorzug nicht zu gefährden. Ich konstatiere hier nur diese Tatsache, obgleich ich es viel lieber gesehen hätte, dass die russischen Studenten während ihrer Schuljahre ebensoviel Eifer an den Tag gelegt hätten wie ihre jüdischen Kollegen. Es gibt aber noch eine zweite Frage, die uns noch weit mehr interessieren muß: indem Sie den jüdischen jungen Leuten den Zugang zu den Universitäten verschliessen, zwingen Sie sie, ihrer Ausbildung in der Fremde zu suchen. Schämen Sie sich nicht, dass deutsche und schweizerische Steuerzahler die Kosten für die Ausbildung unserer Söhne aufbringen müssen? Kennen Sie denn keinen Stolz, keine nationale Würde? Es wird auch erzählt, dass manche Lehrstühle an den Universitäten unbesetzt bleiben, weil es an Gelehrten fehlt! Wenn Sie diese ernsten Unzuträglichkeiten abstellen wollen, haben Sie nur die Unterschiede ethnischer Art abzuschaffen, die — wenigstens auf dem Gebiet des Unterrichts — nicht hätten bestehen dürfen und die Menschenrechte wieder herzustellen. Unglücklicherweise weiss ich, dass ich in die Wüste hinein rede. Wir erleben den Triumph der blinden und rohen Gewalt. Nichts, nicht einmal das Recht des Menschen, findet Gnade vor Iiiron Augen!"