Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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OsF«esr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6. Juni 1911. XI. Jahrg. SOZIALE GERECHTIGKEIT IM ALTEN JUDENTUM. Von Dr. Felix Per] es. Königsberg i. Pr. B yr o n wendet sich in seiner grössten Dichtung mit den bedeutungsvollen Worten an den Leser: „Warum wird Menschenhass mir nachgesagt? Weil mich die Menschen hassen, nicht ich sie." (Don Juan IX 21. 7—8.} Diese Worte könnten als Motto an die Spitze jeder Geschichte des Judentums gestellt 'werden. Denn das Schlagwort, mit dem noch heute gegen uns gekämpft wird: die Juden sind ein den sozialen Frieden störendes Element, dieses Schlagwort ist so alt wie das Judentum, trotzdem es durch die Tatsachen Lügen gestraft wurde, seitdem es ein Judentum gab. Sind doch die Ideen, für deren Verwirklichung sich heute in der ganzen Welt die besten Geister bemühen, die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, durchaus nicht erst, wie man gemeinhin hört und liest, eine Errungenschaft der französischen Revolution, sind sie doch älter als die ältesten Staatengebilde der heutigen Kulturwelt, sind sie doch von den Juden schon durch eine gewaltige Gesetzgebung in die Tat umgesetzt worden zu einer Zeit, aus der wir überhaupt keinerlei geschichtliche Kunde über die meisten Völker Europas besitzen. " Doch man begnügt sich nicht damit, dieses weltgeschichtliche Verdienst des alten Judentums keck abzuleugnen, sondern man sucht noch nach Vorwänden, um die Nachkommen vom Genuss der Menschenrechte auszuschliessen, die die Vorfahren für die ganze Welt erkämpft haben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die modernen Juden seit ihrer Aufnahme in den Staatsverband mit besonderem Eifer sich den sozialen Aufgaben widmen, dass sie nicht nur ihr Vermögen freudig in den Dienst des vielseitigen sozialen Hilfswerks stellen, sondern auch ebenso durch theoretische tief eindringend3 Forschungen wie durch praktische Mitarbeit den sozialen Fortschritt fördern. Aber der Grund dieser allgemein anerkannten Tatsache wird fast immer verkannt oder verschwiegen, und man begnügt sich, darauf hinzuweisen, dass die Juden, denen so lange Nachdruck verboten. die Menschenrechte vorenthalten waren, eine begreifliche und nicht ganz selbstlose Begeisterung für die Theorien zeigen, denen sie ihre eigene Befreiung verdankten, dass also nur die eigene frühere gedrückte Lage ihr Herz weich und empfindlich gemacht habe für alle sozialen Nöte. Nein, es bedurfte nicht erst dieses äusseren Antriebes, denn die soziale Gerechtigkeit bildete jederzeit einen Grundzug des echten Judentums, betätigte sich zwar zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Umgebungen auf sehr mannigfache Weise, blieb jedoch immer ein charakteristisches Merkmal unserer Religion und wurde als solches von den führenden Geistern deutlich erkannt. So hat schon vor 1900 Jahren Philo von A 1 e x a n d r i a , der den gebildeten Heiden die Grösse des Judentums zum Bewusstsein bringen wollte, durch nichts schärfer den. Gegensatz zwischen Judentum und Heidentum klar zu machen gewusst, als indem er in einer besonderen Schrift die sozialen Gesetze der Bibel nicht ohne berechtigtes Selbstbewusstscin vorführte und damit den Griechen gleichsam zurief: „Hier habt ihr das ureigenste Wesen des „Judentums..... Was könnt ihr von der -stolzen Höhe eurer Kultur dem gegenüberstellen?" Allerdings ist auch Philo ein Kind seiner Zeit und kommt den Anschauungen seiner Leser entgegen, wenn er sein Werk betitelt: Hsol 'j'/.wö-poj-i'a;, das heisst „Ucber die Menschenliebe". Hätte er sein Werk betitelt: U-fA v.7.«'.03'jvt(;, das heisst „Ucber die G e r e c h t i g k e i t",so hätten ihn seine heidnischen Leser nicht verstanden, ahnten sie doch gar nicht, dass Gerechtigkeit noch etwas Höheres bedeuten könne, als das, was ihre eigenen weisen Gesetzbücher enthielten. Philo musstc daher, wenn er die Ucberlegenheit der jüdischen Gesetzgebung nachweisen wollte, ihr Menschenliebe nach- Diesen Titel trägt eine andere kleine Schrift Philos, in der von sozialer Gerechtigkeit nirgends die Rede ist und überhaupt ganz anderes behandelt wird, als der Titel vermuten lässt.