Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 7)
- Language
- German
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479 Mitteilungen der Alliance Israelitc Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Ycmen. geirrt habe. Er war gekommen, den Chacham zu besuchen und findet einen Herrn in europäischer Kleidung, mit Stiefeln an den .Füssen. Ich beruhige ihn, indem ich ihn in hebräischer Spruche anrede. Abraham Schalom ist ein schöner Mann; er wohnt in Rabaa, zwei Stunden weit vo 1 Harnis. und ist von Beruf Riemenschneider. Die ganze Woche durch arbeitet er auf dem Lande und kehrt zum Sabbat nach Hause zurück. Kr ist mit seinem Lose ganz zufrieden. Ich lasse von ihm einen Iiiemen ausbessern, der von meinem Sattel abgerissen war, und er lehnt jede '.Bezahlung ab. „Ich Inn glücklich, für Euch arbeiten zu dürfen, Rabbi," sagt er mit Tränen in den Augen. Schliesslich nimmt er doch die angebotene Münze, weil ich ihm sage, er sollte sie an das „Iverkuseh'; seines kleinem Sohne.; hängen. Dienstag. 17. Mai. Jetzt führt unser Weg durch den gefährlichsten Teil der Strasse; da mein Pferd ein Eisen verloren hatte, können wir nur langsam zwischen den spitzen Felsen vorwärtskommen. Unsere Wache passt sorgfältig auf. Der neue Militärgouverneur wird morgen auf dem Wege nach Sanaa diese Stelle passieren, vielleicht wollen die Araber ihm beweisen, diss sie immer noch die wahren Herren im Lande Yemcn sind, und versuchen zu diesem Zweck einen Handstreich auf unsere Karawane? Trotzdem bin ich ohne Soige. Wenn man drei Monate in einem Lande gelebt hat, wo man nie des nächsten Tages sicher ist, gewöhnt man sieh an die Gefahr und erwirbt eine gewisse fatalistische Zuversieht. Ich erinnere mich des Druckes, der auf der Herreise bei dem bedanken an die Unsicherheit des Landes und an die kommenden Ereignisse auf mir lastete — heute interessiere ich mich nur für die schrme Natur, und erfreue mich;i.n dem herrlichen Anblick der nach der Regenzeit ganz grünen Berge. Die prächtigen Kaffeestauden zeigen ihre zahlreichen roten Früchte, die den Kirschen ähnlieh sind, ich pflücke ein paar Zweige davon, um sie mitzunehmen. Der Aufstieg nach Menaha ist furchtbar; mein Tier kommt nur mühsam von der Stelle, gleitet ganz vorsichtig über die unebenen Felsen. Am Rande des tiefen Abgrunds muss es abwechselnd nach rechts und nach links balancieren. Abends kommen wir in Menaha an. Die Stadt ist festlich geschmückt, man erwartete Seine Exzellenz Mehmed Ali Pascha, der bei Sonnenuntergang eingetroffen ist. Er ist ein junger Mann mit energischem besieht und macht einen sehr sympathischen .Eindruck. Auch den Arabern scheint er gut zu gefallen. Hoffentlich wird er der Anarchie ein Ende machen und sich (.'chorsam zu verschaffen verstehen Mittwoch, IS. Mai. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als wir von Menaha aufbrechen. Das Wetter ist prachtvoll, alle an die .Berglehnen gebauten Terrassen strahlen im herrlichsten Grün. Seit einem Monat hat es fortwährend geregnet, und die Pflanzen sind ausserordentlich kräftig geworden. Bei jeder Wegbiegung sieht man die schönsten Wasserfälle aus 30—10 Meter Höhe an den .Felsenwänden herunterstürzen und tobende Ströme bilden. Alle Räume stehen in Blüte und dieser üppigen Vegetation entströmen belebende Düfte: man kann die verschiedensten Arten von Blumen unterscheiden: Johannisbeerblüten, Jasmin, wilde Rosen, Flieder und noch andere Sorten in strahlenden bunten Färbungen. Die Bergabhänero sind bis in das tiefste Tal von Blumen bedeckt. Vor uns liegt die Bergkette Zaffan mit den auf ihren Gipfeln erbauten Steinhäusern. Der Anblick scheint mir so neu, als hatte ich diese Gegend nicht erst vor kurzem gesellen. An der Biegung eines Eusswegs kommen uns zwei Juden entgegen: einer von ihnen hinkt, seine Füsse sind von dem mühseligen Marsch angeschwollen. Ks sind Feldarbeiter, die aus Melhan kommen, um in Hode'idah Arbeit zu suchen; sie erzählen mir von dem grossen Elend, in dein sie leben. Donnerstag, 19. Mai. Seit ein Uhr morgens sind wir unterwegs. Muss nicht bald der Komet mit der Erde zusammenstossen und uns alle vernichten? Wir haben herrliehen Mondschein, es ist fast tagheil und ein leichter Wind weht uns erfrischend entgegen. Die ganze Karawane schaut zum Himmel auf. seihst den Arabern ist die aufregende Nachricht bekannt geworden, sie bleiben aber ganz gleichgültig. Um drei Uhr erblickt man wie jeden Abend den schönen Schweif des Kometen: der Stern selbst bleibt noch hinter den Bergen. .Ausser einigen Sternschnuppen ist nichts Besonderes zu sehen. Neben mir reiten die beiden Juden aus Melhan, die zwei kleine Esel gemietet haben; die Männer erkundigen sieh, ob es in unserem .Ländern grosse Gelehrte gibt; im Yemcn, sagen sie, hallen wir keine gelehrten Männer mehr. Der Oberrabbiucr von Sanaa ist nicht sehr bedeutend: More Jahye El Gauch hat schon grössere Gelehrsamkeit, aber die Sanaaiten machen aus ihm eine Art Mosche Rabenu, das ist Uebcrtreibuug, das ist Profanat ion! Und wenn die Alliance nun eine Schule begründet, werden dort Gelehrte misgebildet werden? Von solchen Dingen erzählen mir die beiden armen Goldarbeiter auf unseren einsamen Pfaden. Freitag, 20. Mai. Wir haben die Etappen verdoppelt und sind in Hode'idah emgelangt. Zuerst hatten wir befürchtet, einer Quarantäne unterworfen zu werden. In der Gegend von heheya ist die Pest sehr heftig aufgetreten, und wir haben das verseuchte Gebiet gestreift. Da wir dort aber mit keinem Menschen zusammengekommen sind, werden wir nach oberflächlicher ärztlicher Untersuchung entlassen. Wir sind darüber nicht ungehalten. Ich bin sehr glücklich, wieder in etwas zivilisiertes Land zurückgekommen zu sein, aber in Hode'idah ist es schrecklich heiss! SALEM GOLD CIGARETTEN * EtwasfürSie/