Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Präsident Diaz und die Juden
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 427 - 428 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584012-2602925--11743-2602984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
427 Präsident Diaz und die Juden. 42S ihnen das Recht zu erteilen, ihre Altäre in ihrer eigenen Weise zu errichten." Auf die Frage: „Würden Sie den Juden lokale Regierung geben?"' antwortete Präsident Diaz: „Wenn die Juden in grosser Anzahl nach einem der einzelnen Staaten von Mexiko kommen würden, und wenn jeder einen schmalen Streifen Landes erwerben möchte, was nötig ist, um Bürger des Landes werden zu können — und wenn sie den Eid der Zugehörigkeit zu Mexiko leisten und die Pflichten des Bürgers übernehmen, so würden sie alle Rechte des Bürgers gemessen, und diese Rechte würden sich von den Rechten der Eingeborenen, weder im Buchstaben noch im Sinn, unterscheiden. Natürlich kann laut unserer Verfassung kein Fremder Präsident der Republik werden, so wenig er dies in den Vereinigten Staaten werden kann. Wenn, solche Bürger in irgendeinem der mexikanischen Staaten die tatsächliche Majorität erlangt haben, so können sie ihren eigenen Gouverneur und andere Beamten wählen, sie gemessen alle Rechte, die den anderen Mexikanern gewährt sind. Diese Staaten sind unabhängig und souverän in ihren lokalen Angelegenheiten, aber sie sind der höheren Autorität der obersten Regierung der Nation unterworfen."' Die mexikanische Regierung hat grosse Strecken Lande* zur Verfügung, dies war schon lange ein Gegenstand sorgfältiger Aufmerksamkeit seitens des Herrn de Kais. Er fragte Präsident Diaz hierüber und die Antwort des amerikanischen Staatsmannes war überaus befriedigend. Er sagte: „In vielen Teilen der Republik besitzt die Regierung wertvolles Land, das sie den Juden billig verkaufen könnte und das, wenn einmal kultiviert^ bald den vielfachen Wert haben würde. Ich würde es gern selien, wenn dieses Land in kleinen oder grossen Parzellen gekauft wird, und essollto mich freuen, wenn es von Juden aus irgendeinem Weltteil bevölkert würde. Unsere Freiheit bezahlten wir teuer, darum schätzen wir sie und betrachten sie als höchstes Gut clor .Menschheit. Ich wünsche, dass der J ude fühle, dass er hier seine Freiheit haben kann, dass er hier willkommen wäre, dass er hier prosperieren kann und frei von Intoleranz, Bigotterie und Verfolgung sein wird. Sofern diese Leute sich einer neuen Industrie zuwenden, wären die Erzeugnisse und das investierte kapital von jeder Steuer beireit, und ich würde empfehlen, ein Gesetz zu erlassen, wodurch diese Industrie gegen auswärtige Konkurrenz gesch fitzt wird."" Wie man siebt, bezog sich Herrn de Kais Unterredung mit dem Präsidenten hauptsächlich auf die politische Seite der Frage. Der grosse alte Mann von Südamerika, wie er oft genannt wird, gehört zu denjenigen Staatsmännern, deren Untertanen gewohnt sind', volles Vertrauen zum gegebenen Wort ihres Präsidenten zu haben, und hierin finden wir vielleicht den Schlüssel zu seiner Stärke und seinem. Einfluss. Ohzwar der jüdische Einwanderer oft und in vieler Beziehung Tinwissend ist. so kennt er doch instinktiv den kommerziellen und industriellen Wert des Landes, wohin er zu ziehen beabsichtigt. Es liegt seinen Freunden ob. ihn über die Vorzüge, die er als Bürger hat. zu belehren. Der Präsident sagte ferner: ..Vom Standpunkt der persönlichen Freiheit ist Mexiko ein vorzügliches Land für die Juden, aber vorn praktischen Standpunkt betrachtet, sollte der Jude ohne Geld nicht nach Mexiko auswandern, ausser unter dem Schutz einer Organisation oder eines Industrieunternehmens, die ihm von Anfang an ein Feld für gewöhnliche Arbeit bieten könnten. Diese Arbeit müsste aber etwas besser sein, als die mexikanische. Praktisch jedoch scheint es zu sein, von der Freigebigkeit der mexikanischen Regierung Gebrauch zu machen, und die Juden dort in agrikulturollen und kommerziellen Unternehmungen zu etablieren." Wenn ein Syndikat reicher Juden, die Interesse am Fortschritt ihrer Rasse haben, von clor mexikanischen Regierung passende Ländereien in den verschiedenen Teilen des Landes kaufen und sie mit fleissigen europäischen Juden bevölkern würden, so könnten diese Gemeinschaften sowohl industriell wie auch agrikulturell sein und der geschulten Arbeit gewinnbringende Beschäftigung in fast allen Zweigen geben. "Es könnte vielleicht eingewendet werden, dass der Jude, nachdem er in diesen Niederlassungen prosperiert, sie verlassen würde, um nutzbringendere Tätigkeit in den Städten zu suchen, aber die Plätze, die durch das Verlassen infolge einer unabwendbaren Wanderung vakant werden, bleiben deshalb nicht leer, sie könnten ja durch andere besetzt werden, die wegen der politischen Freiheit und der Chance lohnenderer Arbeit in dem neuen Adoptivkind begierigdarauf warfen. Herr de Kai hat in sinnen Berichten über Mexiko die Persönlichkeit des Präsidenten oft Joeschrieben. Er ist ein Mann seiner Zeit, einer der von bescheidenem Ursprung die höchste Stelle im Staat erreicht hat. Gleich vielen, einschliesslich solcher eminenter Staatsmänner wie der verstorbene Lord Beaconsfield und Herr Ralfour, hat er nur wenig Reisen unternommen. Lud doch hat ihn ein angeborener Genius mit der Gabe ausgestattet, dass er die allgemeinen Tatsachen und die Charaktereigenschaften seines Volkes besser beurteilen kann, als der Durchschnitt der weitgereisten Herrscher. Sein stärkster Zug ist vielleicht Patriotismus. In seiner letzten Unterredung mit Herrn de Kai sagte er: ..Der Preis, den wir für unsere Freiheit bezahlt haben, wurde gerechtfertigt durch das, was für das Volk, das unter unserer Flagge wohnt, getan wird. Mit Sicherheit kann ich behaupten, dass die Mexikaner, wenn sie in die Lage kämen, die Segnungen der Freiheit auf eine grosse Anzahl der jüdischen Hasse zu übertragen, die unter einer anderen Flagge geboren wurde und der, mit oder ohne Ursache, das verweigert wird, was das Erbe aller Menschen sein sollte, sie es gern tun würden." Es ist ausser Frage, dass die Projekte des Herrn de Kai für die Verbesserung des Schicksals der Juden, einen starken Freund in dem mexikanischen Präsidenton gefunden haben. Zweifellos werden, wenn die Verhältnisse drängen, und die Tatsache weiter bekannt wird, mehrere einflussreiclie Juden Europas und AordauM-rikas ihren weniger glücklicheren Brüdern verhelfen, sich unter menschlichen Verhältnissen in dieser Republik, die sicherlich eine grosse Zukunft hat, niederzulassen. Die Spanier sind eine noble und aristokratische Rasse, alter Energie ist nicht ihr Hauptzug, noch waren die Ureinwohner stark in dieser Beziehung. Wird das Beispiel von Sparsamkeit und Arbeitsamkeit gegeben, und ein jüdisches Element bringt stets dieses Vorbild, dann wird eine wesentliche Verbesserung in der Gosehüflsnraxis dieses gelobten Landes eintreten.