Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Stanislaw Bender
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 411 - 412 (sequence 2)
- Language
- German
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411. Karl Schwarz Stanislaw Bender. 412 Jedenfalls ist die Zahl unter den weit über dreihundert modernen jüdischen Künstlern, die meine noch recht unvollkommene Liste füllen, sehr klein. Daher ist uns jeder willkommen, der diese Themen behandelt. Ein junger Lodzer Künstler, Stanislaw Bender, ist die neueste Erscheinung unter den im wahren Sinne des Wortes den Namen jüdische Künstler verdienenden Malern. Dort, wo die alten vergrämten Gesichter noch täglich auf den Strassen zu sehen sind, wo der strenge Glaube unter der grossen Schar der Bedrückten und Elenden noch in aller Form gehalten wird und den einzigen Trost dieser Beladcnen bildet, aus deren Kehlen das Gebet in Inbrunst hervordringt, — dort hat er seine Jugend verbracht und haben sich diese Eindrücke in ihm zu unauslöschlichen Erlebnissen verdichtet. Er sollte erst Kaufmann werden, entschied sich aber bald zum Berufe eines Lithographen. Während seiner Tätigkeit in einer lithographischen Anstalt begann er in den Mussestunden kleine Bilder zu malen. Die Werke erregten die Aufmerksamkeit der Lodzer Kunstkreise, und es wurde dem strebsamen Jüngling ermöglicht, sich im Ausland, zuerst in Paris und dann in München, auszubilden. Die sozialen Probleme, die den jungen Künstler in der Heimat beschäftigten, wurden nun der Stoff seiner Bilder. Aber in der veränderten Umgebung waren es zunächst Sujets allgemeiner Art, bei denen ihn das malerische Spiel des Lichtes und rein künstlerische Rücksichten leiteten. So entstanden die feinen Pastellbildchen wie „Pariser Nachtstimmung" und später das „Kloster Blutenburg", eine Reihe von Landschaften und Porträts. Alle diese Bilder zeigen ein gutes Talent, einen sicheren Blick für Licht- und Farbenproblemc und ein richtiges Abwägen des Stimmungsgehaltes. Die Werke verschafften ihm den ersten Erfolg, sie wurden von seinen Landsleuten gut aufgenommen und gekauft. Trotzdem fehlte dem Suchenden noch die innere Befriedigung, es drängte ihn heimwärts in die grau-düstere Atmosphäre des Nordens. Im Jahre 1906 tritt ein gewaltiger Umschwung in dem Schaffen Benders ein. In der Heimat hat er sich selbst gefunden; in dem ihm vertrauten Kreis erwacht die Liebe zu seinen Glaubensgenosse!!! aufs neue und er wird ihr Darsteller, er beginnt Szenen aus ihrem Leben darzustellen. Mit aller Energie wirft er sich auf das neue Thema, in schneller Folge entsteht Bild auf Bild. Und wenn auch manche dieser Darstellungen rein künstlerisch betrachtet noch nicht ganz einwandfrei sind, so ergreifen sie doch alle infolge der tiefen Charakteristik und Lebenstreue. Das jüdische Leben entrollt sich vor uns in den Bildern Benders in allen seinen Freuden und Leiden. Vom inbrünstigen Gebet im Gotteshaus, wo die Reihen der Andächtigen in den dunklen Räumen versammelt sind, bis zu den Zeremonien des Sabbat- und Chanuckafestes im Kreise der Familie; vom gelehrten Disput der Alten bis zur Unterweisung der Jungen; von der Weihe der Religion bis zu den traurigen Folgen der Verachtung und Verstossung aus der Gemeinschaft der Andersgläubigen, dem sozialen Elend und der hoffnungslosen Zukunft. — Der junge Künstler hat sich in wenigen Jahren einen guten Namen unter der Künstlerschaft erworben; uns interessiert er nicht nur als tüchtiger Maler, sondern auch als Schilderer unseres Volkes, so dass man mit Spannung seinen ferneren Fortschritten entgegensieht. EINIGES UEBER AUFFASSUNO VON WUERDEN UND EHREN IM JUDENTUM. Von Dr. Max Steif. iVachdruck verboten. Es kann als einer der Widersprüche im Charakter des jüdischen Volkes hingestellt worden, dass es auf der einen Seite Anerkennung und Achtung jeder Autorität zollt, sich ihrem. Diktat auch gern und willig beugt, und doch auf der anderen Seite das Recht der freien Kritik sich nie hat völlig schmälern lassen. Gilt dies schon in beziig auf göttliche Dinge — kein, zweites Volk hat so viele Freidenker aufzuweisen — so noch mehr auf weltlichem Gebiet, und hierfür mag wohl unter anderem nichts bezeichnender sein, als die auf den ersten Blick etwas sonderlich klingende Vorwarnung der Heiligen Schrift: Richter sollst du nicht lästern, und einem Fürsten in deinem Volk nicht fluchen, womit vielleicht dem etwas stärker auftretenden, und selbst vor sogenannten Respektspersonen nicht Halt machenden Freimut ein Riegel vorgeschoben werden sollte. — Nichts wäre aber verfehlter, als etwa hieraus auf einen angeborenen Geist der Negierung, des Widerspruches oder gar der Auflehnung zu schliessen — vielmehr spricht aus alledem nur ein besonders subtiler Sinn, ein verfeinertes Gefühl für alles Echte und Wahrhafte, etwas von jener strengen Auffassung, die Gott an die von ihm Erkorenen legt: Durch die mir Nahestehenden will ich geheiligt werden. Dass die Institution des Königtums in der Heiligen Schrift nur eine ganz kurze, fast nebensächliche Behandlung erfährt, dort nur von Pflichten und gar nicht von Rechten des Königs die Rede ist, mag seinen Grund in den mehr einem theokratischen Regime zuneigenden Tendenzen der Thora haben, aber selbst späterhin ist das Königtum niemals zu einem solch machtvollen Faktor im jüdischen Staatsleben geworden, wie anderswo, finden wir wenig von jenem schrankenlosen Despotismus oder gar Cäsarenwahnsinn, wie er bei den Königen damaliger Zeit keine seltene Erscheinung bildete. Bei aller Respektierung des Satzes: „Fürchte Gott und den König," scheute man sich nicht, doch allen willkürlichen Uebergriffen des Königs seitens der Wortführer des Volkes, der Propheten, und der von ihrem Geist erfüllten Männer entgegenzutreten, sowie auch die Ausnahmestellung, die dem König eingeräumt wurde, sich durchaus nicht auch auf die einzelnen Mitglieder seiner Familie erstreckte. „Der Sohn des Königs ist wie jeder andere einfache Bürger zu betrachten", dieser talmudische Ausspruch findet seine Ergänzung in einem anderen ähnlichen, dass ane Israeliten als Königssöhne 'zu betrachten seien, wor-