Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 359 - 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Ein Jubiläum der hebräischen Presse
Date
1911-04-01
Page
Seite 359 - 360 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584011-2602811--11669-2602877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

359 Josef Lin: Ein Jubiläum der Hebräischen Presse. 360 namentlich in manchen Schriftstellerkreisen zunächst nicht gelinde Erregung herrschte, die sich auch in heftigen Presspolemiken kundgab. So brach Zederbaum in Tränen aus, als er von der Begründung einer täglichen hebräischen Zeitung hörte. Er konnte sich über die „Entweihung der heiligen Sprache" nicht trösten, die nun für „diwrei Chaul" gebraucht würde. Aber selbst die Schriftsteller, die über diese „ Prof anation" weniger ungehalten waren, standen anfangs dem neuen Unternehmen skeptisch gegenüber. Womit sollte denn die Zeitung täglich ausgefüllt werden? Und werde sie überhaupt existieren können? Ivantor liess sich jedoch durch all diese ungünstigen Voraussagen nicht einschüchtern. Nachdem er durch Vermittlung des Kultusministers Dilianow von der Pressbehörde die Konzession für den „Hajom" erhalten hatte, schritt er mit bewundernswerter Energie an die Ausführung seines Vorhabens. Wir können uns jetzt kaum einen richtigen Begriff davon bilden, mit welchen Schwierigkeiten die Herausgabe der ersten täglichen Zeitung in hebräischer Sprache verbunden war. Es musste vor allem ein neuer Typus des hebräischen Schriftstellers herangezogen werden, der imstande wäre, die aktuellen Tagesfragen in knapper, sachlicher .Form zu behandeln. Kantor und sein engerer Mitarbeiterstab lösten diese Aufgabe in überraschend befriedigender Weise. Der „Hajom" war nicht bloss ein gelungener Anfang der hebräischen Tagespresse, sondern zählt bis heute noch zu ihren besten Erscheinungen. Es zeigte sich auch bald, dass die Zeit für die Herausgabe eines hebräischen Tageblattes bereits reif war. Das Publikum teilte ganz und gar nicht den anfänglichen Skeptizismus der Schriftsteller, und schon ein Monat nach der ersten Ankündigung des „Hajom" zählte er über 2400 Abonnenten. Das Bedürfnis nach einer Tageszeitung wurde in den hebräischen Leserkreisen so allgemein, dass die Leiter der „Hazefirah" und des ..Hameliz" sich bald gezwungen sahen, auch ihre Blätter in Tageszeitungen umzuwandeln. Dadurch wurde aber die Lage des „Hajom" eine sehr schwierige. Er vermochte mit den genannten Organen auf die Dauer nicht zu konkurrieren, und nach zweieinvierteljähriger Existenz musste sein Erscheinen eingestellt werden. Allein, war auch dem „Hajom" selbst kein langes Dasein beschieden — die von Kantor geschaffene Institution der he b r ii i s c h e n Tageszeitung hat sich seither als bedeutsa m e r n a t i o n a 1 e r Kult u r f a k t o r der 0 s t j u d e n - h e i t ununte r b rochen er h alte n. Ausser dem genannten „Hameliz" und der jetzt noch von N. Sokolow trefflich redigierten „Hazefirah" existierten zu verschiedenen Zeiten und bestehen zum Teil auch heute die hebräischen Tageszeitungen „Hazofe", „Haboker", „Hakol" und „Hajom" in Warschau; „Hasman" in Wilna; „Hajom" in Galizien; „Hajom" in Amerika und „Haor" (früher „Hazewi") in Jerusalem. All diese Zeitungen bilden eine gewisse Einheit. So verschieden auch ihr Charakter im einzelnen ist — ein Grundzug ist ihnen allen gemeinsam: die ideale Intention. Wird in ihnen das Hebräische auch nicht als eine „heilige Sprache" gebraucht, so pflegen sie es doch als einen Nationalschatz, der mit einer Jahrtausende alten Kultur eng verknüpft ist und ein gewisses Band der Judenheit der Gegenwart darstellt. Wohl spricht die moderne hebräische Presse nicht im Stil Jesajas und Hiobs, dafür hält sie sich aber auch fern von jener Reklame- und Sensationssucht, durch die sich ein Teil der Jargonpresse wenig vorteilhaft auszeichnet. Man findet da keine „stark interessanten Romane" und keine marktschreierischen Uebcrschriften mit frischgebackenen Nachrichten „Von der letzter Minut". Die hebräische Presse bietet wohl ein Spiegelbild des vielverzweigten Lebens, sie macht jedoch der „Strasse" keine Konzessionen. Sie sucht auf das Ghettopublikum bildend, veredelnd und erzieherisch einzuwirken. Darin liegt ihre grosse kulturelle Bedeutung, zugleich aber auch eine Beschränkung für ihre weitere Ausdehnung. Sie vermag deshalb mit der Jargonpresse so schwer zu konkurrieren, d a sie sich nicht auf deren Gebiet begeben will. Nicht die Sprache allein ist hierbei das Entscheiden d c. Auch Jargonblätter, wie „Der Fraind", die von ernsten literarisch-publizistischen Gesichtspunkten geleitet werden, haben um ihren Fortbestand schwer zu kämpfen. Nur die Jargonzeitungen einer gewissen Kategorie erleben täglich eine in der jüdischen Presse bisher beispiellose Auflage von 60—70 000 Exemplaren. Die hebräische Presse hat es — fast möchte man sagen: Gott sei Dank! — noch nicht soweit gebracht. Immerhin aber hat sie im ostjüdischen Leben hinreichend feste Wurzel gefasst, um sich selbst erhalten zu können. Dabei wird sie von jenem Stammpublikum getragen, das den eigentlichen Kern der neujüdischen Renaissance bildet, und das die mannigfachsten sozialen Fährnisse und politischen Wandlungen nicht zu dezimieren vermochten. Das erste Jubiläum der hebräischen Presse fällt in eine Zeit der Aufwärtsbewegung auf dem Gebiet des hebräischen Schaffens und Wirkens. In Palästina sowohl, wie in der Diaspora macht sich gegenwärtig dieser erfreuliche Aufschwung in einer gesteigerten literarischen Produktion bemerkbar. vme Reihe neuer Verlagsinstitute sind teils in Funktion gerben, teils im Entstehen begriffen; vor allem namentlich der von der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" ausgehende Verlag „T'chiah", der demnächst mit einem Grundkapital von einer halben Million Mark eine grosszügige Tätigkeit beginnen will. Bedenkt man, dass Kantor seinen „Hajom" mit leeren Händen ins Leben rief, dass Smolensky den „Haschachar" mit hundert Gulden begründete, dass die älteren hebräischen Organe häufig von ihren Mitarbeitern „Honorar" erhielten, um deren Beiträge veröffentlichen zu können, — so ist der grosse Fortschritt, den die hebräische Presse und Literatur während der jüngsten Generation gemacht hat, unverkennbar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.