Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Jakob Teitel
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 2)
- Language
- German
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253 Gregor Gmssmann: Jakob Teitel. 254 neun Jahren aus Samara nach Saratow, wo er Mitglied des Landgerichtes wurde. — Eine bedeutende Erhöhung im Amte, aber auch ein erfreu lieh es Zeugnis für die siegreiche .Macht der Eigenschaften dieses seltenen Mannes, denen gegenüber selbst die rücksichtslosen feindseligen Tendenzen der heutigen russischen Burcaukratio versagten. Es wird unter anderem auch erzählt, dass die Versetzung Jakob Teitels nach Saratow, trotzdem sie mit einer Erhöhung im Dienst verbunden war, auf das Verlangen ganz hochgestellter Personen erfolgte, denen die grosse Popularität, derer sich der l iitersuelmngsrichter in Samara erfreute, Besorgnis einflösstc. Besonders soll dem dortigen Gouverneur und seiner Gemahlin die tiefgreifende Wirkung der Tätigkeit des jüdischen Staatsbeamten zu gefahrdrohend*"' erschienen sein, so dass sie der Regierung seine Entfernung aus Samara empfahlen. Heute, nach neun Jahren < I iese r Tätigk eit i n Sara t< >\v, könnte die Regierung diesen ernsten Scherz forlspinnen und ihn wieder höher versetzen, denn seine lleliebtheit ist auch liier schon so gross, dass man sie bald als „gefahrdrohend" wird auslegen können. Ihm war ein glänzender Ruf vorausgegangen, der in das kleinste Städtchen des jüdischen Kusslands drang. Als er in Samara sein l'ünl'undz wa n zig j ä 1 u \iges R ich t e; - jubilüum. feiern konnte, da nahmen alle offiziellen Körperschaften und Vereine an dieser Feier den wärmsten Anteil. Die gesamte Presse des Wolgasters,der Hauptstadt und der entfernten Provinzen gedachte dieses Tages in rühmenden Worten. Zur Erinnerung an sein. Jubiläum wurde in einer clor Lehranstalten Samaras ein seinen Naiven tragendesSfipendi u in gestiftet. Lud als ihn der Zug seinem neuen Wohnort zuführen sollte, da war der ganze Bahnhof von Samara erfüllt von der ärmeren Bevölkerung beider Nationalitäten, die dem. Scheidenden schworen Herzens Lebewohl sagten. Nur wer das Leben der russischen Provinzen mit allen seinen kleinen widrigen Schikanen, mit dem Machtdünkel seiner Ortssatrapen kennt, dieses ganze Netz von Neid und Verhöhnung — nur der wird ganz begreifen können, wie wertvoll die Eigenschaften dieses jüdischen Richters sein müssen, der sich so allgemeiner Liebe und treuer Zuneigung erfreuen kann. Aber neben diesem Richtcramt erfüllte er freigewühlte, sich auferlegte Pflichten: Den Armen und Pedriickten hat er sein Merz zugewendet und er ist auch in dieser philantropischen Gesinnung noch immer der wahre Menschenfreund und Richter, der keine nationalen und konfessionellen Unterschiede macht. Allerdings steht ihm die Sorge um seine am meisten bedrückten Glaubensgenossen, als dem ärmsten Teil der russischen Bevölkerung, am nächsten. Er ist kein vermögender Mann, und was er aus eigenen Mitteln Gutes tut, das entnimmt er seinem bescheidenen Gehalt als Staatsbeamter. Doch ist ihm eine werbende Kraft eigen, und er hat für die Idee des Wohltuns eine Schar von Begüterten um sich gesammelt, auch Stiftungen und Vereine gegründet, die im grösseren Stil das Los der armen Glaubensgenossen zu mildern vermigen. In jede;' denkbaren Weise, auf jedem Gebiete kannte diese Anteilnahme k'änc Grenzen. Die letzten neun Jahre, die seit seiner Üebersiedlung nach Saratow verstrichen sind, waren bekanntlich die grausamste Zeit für das russische J11 d e n111 in. A u c 11 Saratow entging nicht den Schrecknissen eines Pogroms. Teitel war mit allen Kräften b e m ü h t, d a s e lernen tar e Elend zu mildern, und setzte seine ganze Persönlichkeit für die Erreichung von Zugeständnissen bei den Behörden ein. Aus den entferntesten Gebieten des Ansiedlungsravons kommen jüdische' Mädchen und Jünglinge nach Saratow, um dort mit Teitels Hilfe für die Zeit ihrer S111 d i e n p r ü fu ngen das Aufenthaltsrecht zu erlangen. Ihm ist jede Not seines Nächsten ein Gebot, zu helfen. Er ist Vorsitzender clor jüdischen Gemeinde, der Vertrauensmann vieler privater und (>ffizieller Woliltätigkeitsinstitutc, wie auch der All innre Israelitc Universelle, die ihm alljährlich grössere Beträge zur freien \' e r f ü g u n g ii b o rweis e n. An dem Tage seines J ubiläums vereinigte sich alles, was ihm in Liebe und Dankbarkeit zugetan ist, zu. einer imposanten .Manifestation. Das ganze Landgerichtskolloguun, der Landgerichtspräsident an der Spitze, mannigfache Deputationen und Bürger erschienen, um ihm ihre Wünsche darzubringen. Nun wird ihm in der nächsten Zeit die Judensehaft eine spezielle Ehrimg bereiten: im Hofe der Synagoge wird ein Haus erstehen, das den Namen Jakob Teitels führen, und in dem eine Schule, ein Lesezimmer und Versammlungsräume untergebracht werden. Das Jubiläum ist nur ein äusserer Anlass, diesen Mann zu ehren, auf den die Juden Russlands stolz sein dürfen. Der russische Schriftsteller Nikolaus Garin hat ihm in einem seiner Romane ein Denkmal gesetzt; von einem anderen Schriftsteller stammt das Wort: „Samara sowie Saratow wären tote Gräber, wenn Jakob Teitel sie durch sein Wesen nicht belebt hätte." Dauernder aber als jedes Denkmal wird die Erinnerung an sein Wirken fortdauern: an sein gerechtes und barmherziges Tun im Dienste von Staat und Gesellschaft, im Dienste seiner Glauborisbrüder. Landgerichtsrat Jacob Teitel.