Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Albert Freiherr von Rothschild
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 2)
- Language
- German
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223 Albert Freiherr von Rothschild. 224 Funktion des Geldes erkannt. So Hess er denn auch seine reichen Mittel im Dienste kultureller und sozialer Zwecke spielen. Namentlich seine Lieblings Wissenschaft, die Astronomie, förderte er königlich. Für jüdische Künstler hat er eine besondere Stiftung in Höhe von 200 000 Kronen errichtet. Die Wiener Jüdische Gemeinde verdankt ihm ein mustergültiges Krankenhaus, für dessen Erweiterung und Vervollkommnung er unausgesetzt sorgte. Auch lür die gottesdienstlichen und sonstigen Bedürfnisse der Gemeinde hatte er stets eine offene Hand. Und es bedarf nicht der Erwähnung, dass seine "Wohltätigkeit keine konfessionellen Grenzen kannte. Alle kulturellen und charitativen Organisationen hatten in ihm einen unermüdlichen Förderer. Man schätzt die Höhe der von ihm zu allgemeinen Zwecken errichteten Stiftungen auf beiläufig 35 Millionen Kronen. Unberechenbar ist jedoch, was er im Verborgenen zur Linderung von Not ausgab. Er war ein überzeugungstreuer Jude und betätigte seine Ueberzeugung mit Nachdruck, obgleich er nie öffentlich hervortrat. Eine intime Freundschaft verband, ihn mit Güdemann, die den Charakter kindlicher Ehrerbietung trug. Auf den in sich gekehrten, fast verschlossenen Mann hatte der ehrwürdige Oberrabbiner von Wien einen mächtigen Einfluss. Obgleich Baron Albert Rothschild nie politisch hervortrat, war er doch lange Zeit die Zielscheibe wütender und unflätiger Angriffe von seiten der Antisemiten. Die Gunst des Kaisers, der ihm und allen seinen Kindern gerade mitten in der Hochflut des Antisemitismus sogar die Hoffähigkeit verlieh, stachelte den Hass und den Neid nur noch mehr an. Aber auch seine Stellung innerhalb der Albert Freiherr von Rothschild. Wiener Aristokratie, auf deren Gesellschaft er sich, vermöge seines sozialen Ranges, angewiesen glaubte, war mit mancherlei Bitternissen verbunden. Obgleich der Minister des Aeussern Goluchowski sein Jugendfreund war, konnte er es doch nicht durchsetzen, dass einer seiner Söhne im diplomatischen Dienst Verwendung fand. So bekam auch er zu fühlen, was Golus heisst. Und es ist eine eigentümliche Fügung, dass er den Wiener Antisemiten, denen er zeitlebens ein Dorn im Auge gewesen, noch mit seinem Tode einen herben Streich gespielt hat. Da nämlich der Wiener Spitalfonds sich in argen Geldnöten befindet, entstand das Projekt, die in Staatsverwaltung befindlichen Krankenhäuser und Kliniken der niederösterreichischen Landesverwaltung, die in den Händen der Antisemiten ruht, auszuliefern, und der weltberühmte Kulturmensch Bielohlawek, der in Niederösterreich über dieseDinge gebietet, freute sich schon darauf, so viele Aerzte, Professoren und Patienten unter seine Hände zu bekommen. Allein ein grosser Teil der kolossalen Nachlasssteuer von etwa 30 Millionen Kronen fällt dem Spitalfonds zu, der somit vorderhand saniert ist, und davor bewahrt wird, der Verwaltung der Christlichsozialen anheimzufallen. Es liegt unendlich viel Ironie darin, dass der antisemitische Klüngel den Tod dieses Juden, den er so oft beschimpft hat, bitter bedauern wird. Wenn er noch 10 Jahre gelebt hätte! . . . Diesen Ruf werden wohl Tausende Dürftiger ausstossen, aber wenn nicht alle Zeichen trügen, wird unter dem neuen Regime das System des Heimgegangenen fortgesetzt werden, dessen Andenken im Herzen der Besten lange fortleben wird. DIE VERSTEINERTEN. Eine Legende Von J. E. P o r i t zk y. In meiner Heimat befand sich ehedem ein alter Gottesacker, der von einer hohen Steinmauer eingol'asst war. Er lag im Herzen der Stadt, ein paar Schritte vom Bahnhof, und so oft wir daran vorübergehen musston, wurden wir unwillkürlich still und ängstlich. Es kreisten auch gar zu viele unheimliche Geschichten um diesen Kirchhol', die wir natürlich Nachdruck verboten. altklug belächelten, obwohl wir ganz im Innern doch ein klein bisschen daran glaubten. Es waren makellose Menschen, die man dort zur Ruhe bestattet hatte. Von ihnen hiess es nicht, dass sie „gestorben" waren; man sagte, ,,sie hatten ihre Seele Gott zurückgegeben." Es waren gottesfürchtige Männer; Männer, die ihr Lebenlang nur Gottes Wort studiert und gelehrt hatten, und