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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 207 - 208

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Briefe aus England
Date
1911-03-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 2)
Language
German
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207 Dr. S. M. Mehuncd: Briefe aus Kngliui.l. 208 zum euglisclieii Peer machte, und dieselbe liberale Partei hat vor einigen Jahren Sir Samuel Montague als Lord Swaythling in den Peersstand erhoben. Der Chef der liberalen Regierang, Mr. Asquith, hat einem jüdischen Kabinettsmitglied zum ersten mal vollen Kabinettsrang verliehen und zwei andere Juden, Herrn Montague, den Sohn des soeben verstorbenen Lord Swajrthlings und Sir Rufus Isaaks, in sein Ministerium aufgenommen. Als vor kurzem Lord Rothschild sich für die konservative Partei agitatorisch zu betätigen begann, erinnerten ihn die massgebenden Führer des Liberalismus daran, dass er seine Lordschnft der liberalen Partei zu verdanken habe; ja die Führer der Liberalen hoben noch ausdrücklich hervor, dass die englischen Juden ihre ganze hohe soziale Position, ihre Freiheit und Privilegien nur dem Liberalismus zu verdanken hätten. Der Liberalismus fordert also die Juden für sich — und mit Recht, denn die Konservativen haben sich auch seinerzeit der Judenemanzipation widersetzt, haben es nie über sich gebracht, einen um das Land verdienten Juden zu ihrem Minister zu machen, und die Konservativen waren es, die die Alienbill (Fremdengesetz) von 1905 geschaffen haben. England ist aber das Land des sozialen Konservatismus und der Klassen-Gesellschaft par excellence. Wer Reichtum und sozialePosition besitzt, der wird fast mechanisch in den Konservatismus hineingedrängt. Daher die Erscheinung, dass ein Mann wie Lord Rothschild, der seine soziale Stellung den Liberalen verdankt, zu den Konservativen übergegangen ist. Die reichen und wohlhabenden Juden, die einen kleinen Bestandteil der englischen Judenheit ausmachen, befinden sich im konservativen Lager, die „anderen Juden" hingegen, die grosse Mehrzahl ist liberal. Whitechapel schickt einen liberalen Abgeordneten ins Unterhaus. In vielen Wahlbezirken, wo sich Konservative und Liberale gleichstehen, geben oft Juden den Ausschlag — natürlich zu gunsten der Liberalen. Darob Erbitterung bei den Konservativen. Aber schliesslich kann sich dieses Faktum allein nicht zu einem Motiv des neuen Antisemitismus in England verdichten. Vielmehr sind es die grossen Judejjmassen in East- London, die schwer um ihr tägliches Brot arbeiten, die den Konservativen ein Dorn im Auge sind, und von denen sie in der Zukunft eine Bereicherung der liberalen Kräfte erwarten. Die armen Juden im East-End von London lassen ihren Kindern eine gute Erziehung angedeihen und tun ihr Bestes, die Kinder freien akademischen Berufen zuzuführen. Im sozial-konservativen England, wo nur Lords und reiche Knöpfe die Universitäten besuchen, und wo Bildung ohne Reichtum eine ungewöhnliche Erscheinung ist, erscheint das Bemühen der East-End- Juden direkt revolutionär. Die Konservativen sind nicht auf den Kopf gefallen, sie wissen, dass in 15—20 Jahren eine Generation von Akademikern entstellen wird, die aller plutokratisch-konservativen Traditionen entbehrt und daher nur die liberalen Kräfte im Lande bereichern wird. Daran ist den Tories eben gar nicht gelegen. Schon heute glossieren die konservativen Blätter jede „Scholarship" (Schulstipendium), die jüdischen Schülern wegen ihrer hervorragenden Begabung zugesprochen werden, sehr abfällig. Eine Reihe grosser Scholarships von Cambridge und Oxford haben Juden, meistens russischen Ursprungs, zu ihren Besitzern, und die jüdischen Knaben in den Staats- und Gemeinde - schulen erregen durch ihre Begabung mehr Neid und Furcht als Bewunderung. So hat der neue Antisemitismus in England, wenn man ihn näher betrachtet, zwei Ursachen: DasBedürfnis derKonservativen, immer als Vaterlandsretter dazustehen, das stets einen natürlichen oder künstlichen Fremdenhass voraussetzt und für den die russischen Juden jetzt herhalten müssen, und die soziale Umwandlung, die die russischen Juden durch ihren Eintritt in die englische Bildung verursachen. Bedenkt man nun, dass bis heute in England die Träger der politischen Kultur sich nur aus der Kaste der Reichen uud Vornehmen, die auch allein die Träger der intellektuellen Kultur waren, zusammensetzten, so kann man sich einen Begriff machen, mit welchen gemischten Gefühlen die konservativen Engländer die „Proletarisierung" ihrer Bildung betrachten. Zum Glück sind nicht alle Engländer konservativ und nicht alle englischen Konservativen engherzig und beschränkt: Wenn die jüdischen Führer in England rechtzeitig eingreifen und ihren grossen Einüuss, den sie bis jetzt besitzen in die Wagschale werfen, können sie noch teilweise die Gefahr abwenden. Bis jetzt haben sie leider nicht bewiesen, dass sie den Ernst der Situation übersehen. Dieses „Uebersehen" der Lage ist aber teilweise in der sozialen Struktur der englischen Judenheit, die aus zwei geteilten Hälften besteht, begründet. Darüber im nächsten Brief. London, Mitte Februar 1911.

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