Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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£ Vswme stt ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3. März 1911. XL Jahrg. DAS JUDENELEND IN GAL1ZIEN. Von B. Samuel. Nachdruck verboten. IT. Vor neunzehn Jahren schrieb ein blutjunger Mensch in Lemberg einen Artikel über die Lage der Jaden Galiziens, der ungefähr mit folgenden Sätzen schloss: „Dom Z i o n i s tu u s und der B a ron-ll i r s c h - Stiftung erwachsen jetzt zwei hoho Aufgaben, von deren Erfüllung zum grossen Teil das Wohl, vielleicht die Zukunft des jüdischen Volkes in Galizien abhängt. Der Zionismus hat die Aufgabe, die jüdische Landbevölkerung, der die neuen Verhältnisse und insbesondere die bald zu gewärtigende Entziehung des Schankgeworbes den linden unter den Füssen wegnehmen., zur Auswanderung nach Palästina zu organisieren, um sie dort als Ackerbauern anzusiedeln. Die Baron-Hirsch-Stiftung hat die Aufgabe, die heranwachsende Generation in möglichst grossei' Anzahl dem. Handwerk zuzuführen, und zugleich durch ausgedehnten Unterricht in den Handels fächern einen tüchtigen Kaufinannsstand heranzubilden, der befähigt wäre, den modernen Verhältnissen und Anforderungen Stand zu halten." Der junge Mensch, der, fast noch ein Knabe, das zu Anfang 1802 schrieb, wurde selbstverständlich, wie es einem Knaben geziemt, von keinem beachtet. Der Zionismus wurde bald darauf hochpolitisch und konnte sich mit diesen Dingen nicht mehr befassen. Die Baron- I lirsch'- Stiftung aber stellte sich das hehre Ziel, die Juden Galiziens aufgeklärt zu machen, sie der modernen Kultur zuzuführen, ihnen den „Fanatismus" und den „Aberglauben" auszutreiben; solche gemeinen, irdischen Sachen, wie Handwerk und dergleichen scheinen ihr zu niedrig, zu verächtlich, und sie betreibt sie nur so nebenbei, notgedrungen, mit der gebührenden Geringschätzung. Während, also die hohe Politik und die hohe Kultur hoch oben in d(1n abstrakten Regionen sich trefflich entwickeln, geht da unten das Volk zugrunde. Es musste damals schon jedem Einsichtigen klar sein, dass die grosse Masse der Juden schweren wirtschaftlichen Krisen entgegenging. Namentlich betraf das Ostgalizien, wo 75 Prozent der galizischen Judenschaft ansässig sind und wo der immer heftigere Nationalitätenstreit zwischen Polen und Ruthenen ihnen das Leben von jeher sauer machte. Die auf dein Lande lebenden Juden betrieben hauptsächlich das Gasthausgewerbc, aber fast durchwegs nebenbei auch Garten- und Feldwirtschaft, waren also halbe Bauern, oder sie waren Händler und vermittelten den Warenbedarf der Bauernbevölkcrung. Sic bildeten auf dem Lande ein halbstädtisches Element. Nun hatte seit mehr als einem Jahrzehnt die Genossenschaftsbewegung eingesetzt und immer mehr um sich gegriffen. Diese hatte ursprünglich den Zweck, die Kleinbauern durch Verbesserung ihrer Wirtschaftsweise zu heben, aber bald griffen namentlich die ruthenischon Genossenschaften auf das Gebiet des Kleinhandels hinüber. Geistliche stellten sich an die Spitze der Bewegung, die mit grossen materiellen und moralischen Mitteln arbeitete. Man nahm sich die westeuropäischen Länder, wie Dänemark, Italien und England zum Muster, und die dort studierten Kooperativgenossenschaften trachtete man nach Galizien zu verpflanzen. Es lässt sich leider nicht sagen, class das der Bauernschaft sonderlich viel genützt hat. „Ich war hungrig und ass eine Semmel, da war ich noch immer hungrig, ich ass eine zweite, eine dritte und vierte, war aber noch immer hungrig, da ass ich die fünfte, und erst diese hat mich gesättigt: wenn ich das vorher gowusst hätte, ich hätte die fünfte zuerst gegessen und wäre gleich satt geworden." So spricht der Narrin der jüdischen Anekdote. Es hat den Anschein, dass jene galizischen Volksfrcunde, die nach dem Westen gingen, um ihm die Methoden abzugucken, nach denen sie ihr Volk materiell liehen wollten, die fünfte Semmel allein gegessen haben. In Dänemark und England konnte man wohl manch Wichtigeres und Besseres lernen, was man in die Heimat hätte verpflanzen können, als bloss das Genossenschaftswesen. Dass dieses allein kein Allheilmittel gegen wirtschaftlichen Niedergang ist, lehrt uns das Beispiel Italiens, wo das von Luzzatti vor 50 Jahren ins LcIdcii gerufene Genossenschaftswesen wohl am kräftigsten in der Welt entwickelt ist, alle Zweige der Wirtschaft