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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 143 - 144

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-02-01
Page
Seite 143 - 144 (sequence 7)
Language
German
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148 VicM Baum: Rafael Gutmann. 144 •„Ich- — das -weiss-ich nicht ..." sagte er in dem gleichen, vagen Ton. Corinna nahm seine Hände nnd fragte herzlich: „Willst du nicht ein Stück mit uns gehen?" „Lass ihn; er soll jetzt allein bleiben; er muss mit etwas fertig werden — ohne Hilfe — nicht wahr, Rafael?" Menlris streckte ihm nochmals die Hand hin und nun gab Rafael die seine mit einem zögernden Druck. ,,Gute Nacht," sagte er leise; eine Weile sah er vor sich hin und dann riss er sicli mit einer plötzlichen Bewegung von den beiden los und ging rasch und mit gesenktem Kopf davon. Menkis horchte den verklingenden Schritten nach. „Ich fürchte, der findet den richtigen Weg für sich nicht mehr." „Vielleicht — gibt es für seine Art gar keinen richtigen . . .?" fragte Corinna leise. — Rafael ging -durch die dunkeln, entschlafenden Strassen und genoss noch einmal die Ekstasen und Entzückungen des Abends. Er ging leicht und schnell, von einem schneidend kalten Wind getrieben und erfüllt von einem seltsamen Rausch, einem wirbelnden Glücksgeluhl, über das nur hie und da ein Schatten dunkelte. Plötzlich blieb er stehen. Wras kam jetzt? Wo ging er hin? Im Schein einer Laterne stieg massig ein Schwibbogen empor, mit tiefen, schwarzen Schatten in seiner Wölbung, drohend, wie es schien, und höhnisch. Rafael biss die Zähne zusammen und trat in das Dunkel des Bogens. Die steile Tempelgasse war tot, leer; am kleinen Platz oben rumorte der Sturm, rüttelte am grossen Schild von David Belfts Geschäft und heulte. Nirgends ein Licht. Rafael bog in die enge Gasse ein, warf sich dem pfeifenden Sturm entgegen, seine Schritte hallten. Da glänzte ein lichter Flecken am Boden, ein Stückchen Schnee, gelblich beleuchtet, ein Rufen im Dunkeln. In Lazer Gutmanns Zimmer wachte ein wartendes, spätes Licht. Und plötzlich wandte sich Rafael, presste die Hände ineinander und jagte die Gasse zurück, die Stiege, die brüchig und gewunden zum Fluss binablief, hinunter; und dann stand er aufatmend an der Böschung still. — Eisschollen trieben schwer daher und waren wie ein Spiegelbild der massig geballten, verwühlten Schneewolkcn am Himmel. Rafael trat an den Rand der Böschung und tat eine Frage. „Sterben . . .?" Und dann schüttelte er auf eine Ungewisse Weise den Kopf. „Es ist nicht das Rechte — nicht das Rechte . . ." Er ging ein-Stück den Fluss entlang, überkletterte eine Planke, die einen Bauplatz umschloss, und fand sich draussen in der 'Stadt. Hügelaufwärts schob sich zackig und verfilzt das Judenvicrtel und verschwand im wehenden Schnee. Eine Brücke warf. sich in grossen Bogen über den vereisten Fluss, und Rafael ging ohne Bewusstsein hinüber. Wohin . . .? Drüben tat sicli die Vorstadt auf, mit kleinen, sauberen Häusern und blinzelnden Laternen, die im Sturm schwankten. Rafael kam in ein stetiges Marschieren; eine Melodie klang in dem Rhythmus seiner Schritte auf, ein einfaches, frohes kleines Lied. Er ging und ging; er überdachte, sein Leben, aber die Traurigkeit kam nicht bis zu ihm; er war eingehüllt in diesen seltsamen glücklichen Rausch und nichts konnte ihm etwas anhaben. Dann kam die Müdigkeit über ihn, eine wohlige, fieberische Müdigkeit; er lächelte und ging weiter. Die Strasse vcrtröpfelte in ein paar letzten kleinen Häusern und dann begann eine verschneite Ebene. Weiter draussen hob sich der Schornstein einer Fabrik empor, dann kam nichts mehr, als -endloses Weiss, vorn Sturm überfegt. „Wohin gehe ich?". dachte Rafael, und in einem plötzlichen Erschrecken blieb er stehen. „Wohin . . Er schaute zu den kleinen Vorstadthäusern zurück, und wieder tat er eine Frage. „Leben?" „Nein,"' sagte er lächelnd und ging weiter. Der Weg führte noch eine Weile-mit Radfurchen und Fusspuren durch den Schnee, dann verlor ersieh. „Ohne Weg . . ." murmelte Rafael; er war müde und wirr, wie im Traum. Seine Schritte wurden schwer und langsam, und von Zeit zu Zeit spürte er in einem plötzlichen Erwachen die fressende Kälte an seinen Gliedern. Er schloss die Augen. Nun begann das Tristan-Vorspiel, war Sehnsucht, Sehnsucht, zehrende, tiefste Selmsucht, die nur eine Erlösung kannte: den Tod. Markes Schwert blitzte auf; Rafael öffnete die Augen. Es war nicht Markes Schwert: es waren Schlangen, die geschmeidig über den Schnee liefen. Er riss sich ins Bewusstsein zurück. „Bahnschienen . . ." Dann blickte er mit weitgeöffneten Augen über die weisse Fläche Ii in und lächelte. „Ich hab' keinen Weg," dachte er verwirrt; „glücklich bin ich . . ." Und dann sank Rafael Gutmann in den Schnee. Vor ihm lag wcglos die verschneite Heide und hinter ihm her kam der Sturm und das Brausen des nahenden Zuges. DAS PORTUGIESISCHE ISRAELITISCHE SEMINAR „ETS HAIM" IN AMSTERDAM. Von Ernst Altkirch. Nachdruck verbot™. Als im Jahre 1637 oder 38, hei der Vereinigung der drei jüdischen Gemeinden Amsterdams, der Bau der alten Portugiesischen Synagoge am Burgwall beschlossen worden war, die 1639 vollendet und eingeweiht wurde, dachte man sofort daran, mit ihr eine Lehranstalt zu verbinden, an der hauptsächlich Geistliche und Rcligionslchrer vorgebildet werden sollten. Als Gründlings jähr wird man 1637 ansehen müssen, denn unter den Handschriften des Archivs wird ein Buch „Tcrmos de Ets Haim 5397—5488" aufbewahrt, das eine Liste der Mitglieder aus dem Jahr 5397 enthält, die jedenfalls als Gründer anzusehen sind. Es

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