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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Date
1911-02-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2. Februar 1911. XI. Jahrg. DAS JUDENELEND IN OALIZIEN. Von B. Samuel. In allen Tonarten wird seit Jahren das Jammcrlied von dem Elend der Juden in Galizien gesungen. .Ihre materielle Lage verschlimmert sich immer mehr, und alle die unliebsamen Begleiterscheinungen wirtschaftlicher Not machen sich unter ihnen geltend. Der Zustand fordert dringende Abhilfe. Eine Bevölkerung von über 800000 Seelen führt einen schweren Kampf um ein sehr gedrücktes Dasein, und der Kampf wird immer schwerer- Wenn nicht eine Wendung eintritt, muss dieser Zustand zu irgendeiner Katastrophe führen, oder zu einer dauernden Versumpfung, die in ein langsames Hinsiechen, in eine soziale Fäulnis übergeht. Es ist schon öfters in der Welt vorgekommen, dass breite Volksm.asscn infolge tiefgehender, wenn auch langsam und unscheinbar wirkender ökonomischer Umwälzungen in eine Notlage gerieten, aus der sie sich mit eigener Kraft nicht zu befreien imstande waren. Der Staat, die Gesellschaft, häufig auch ferne 'Volks- oder Glaubensgenossen nahmen sich ihrer an, organisierten eine Hilfsaktion, und nach längerer oder kürzerer Zeit war das Uebel, wenn auch nicht ausgerottet, so doch bedeutend gelindert, die bedrohten Schichten oder Gruppen waren aus der Klemme beiVeit und konnten wieder den normalen Weg des Kampfes ums Dasein betreten, der nun einmal den Menschen hienieden nicht erspart werden kann, und dessen Aufhören nicht einmal wünschenswert wäre. Die Soziologen sprechen soviel von der Analogie zwischen Gesollschaft und Individuum. Auch der Einzehnensch, der Kräftigste und Glücklichste nicht ausgenommen, kann ohne sein Verschulden einer Krankheit verfallen, die seine Kräfte lähmt und ihn zwingt, die Kunst der Aerzte und die Liebe der Nächsten anzurufen. Wenn die Aerzte ihr Handwerk verstehen, und die Nächsten wirkliche, werktätige Liebe aufzubringen vermögen, so kann dem Kranken geholfen werden — insofern sein Organismus regenerationsl'ähig ist. Sieht man aber, dass Heilkünstler ein Mensehonalter hindurch an einem Kranken hcrumkurioron, mit grossem Getöse über die Krankheit disputieren, allemal von neuem ellenlange Bulletins herausgeben, joden Tag nnie Medikamente verschreiben Nachdruck verboten. und andere Prozeduren anordnen, immerfort Konsilien abhalten und sich über die Diagnose und Aetiologie, der Krankheit streiten, während der Kranke immer kränker wird, so fängt man am Ende an zu glauben, dass der Kranke unheilbar ist — oder aber, dass die Herren Aerzte Stümper sind. Tcrtium nondatur. AVer jedoch die Juden in Galizien kennen gelernt hat, nicht aus den Fenstern des Eisenbahnwaggons auf einer Spazierfahrt cl u r c h das Land, oder A*on der Höhe des Frühstückstisches im vornehmen Restaurant, nicht aus den Berichten der genugsam bekannten Sorte von Galizienforschern, sondern aus langjährigem Umgänge mit den galizischcn Juden selber, wer mit ihnen gelebt und sie beobachtet hat, wie'sie leben, arbeiten, entbehren, leiden, kämpfen und sich emporarbeiten, und wer sie im Auslande gesehen hat, in einem, anderen Milieu, unter anderen Lebensbedingungen — der wird wahrlich nicht geneigt sein, diesen Kranken für unheilbar zu halten. Er wird also von dem ungünstigen Verlauf des Heilungsprozesses auf die Befähigung und Berufung der Aerzte einen sehr despektierlichen Schluss ziehen müssen. Man hatte soeben erst Gelegenheit, wieder einmal die Aerzte bei der Arbeit zu sehen. Am 23. 'Januar tagte in Lemberg eine vom Landesausschuss unter dem Vorsitz des Landesmarschall Grafen Stanislaw Hadem einberufene Enquete, welche über die Notlage der galizischcn Juden und die. Mittel zu deren Abhilfe beriet. Es ist von höchstem Interesse, die Zusammensetzung dieser Körperschaft zu betrachten. Unter den siebenundvierzig Herren (wovon einundzwanzig Christen) befanden sich eine ganze Anzahl Doktoren der Hechte, überwiegend Verteidiger in Strafsachen, einige Doktoren 'der Medizin, einige Universitätsprofossoren, einige Architekten, ein Lehrer der deutschen Sprache und Literatur an einem Gymnasium, ein pensionierter Wiener Magistratsbeamtet', ein Wiener Bankangestellter, eine Menge von Berufspolitikern, Hednern und Feuilletonisten, die Bürgermeister einiger der grossten und wohlhabendsten Städte des Landes, ein paar Direktoren von Grossbanken, einige Grosskapitalisten, einige Grossindustrielle und Grossgrund-

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