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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 27 - 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Ein deutscher Vorläufer der "Alliance Israélite Universelle" in früheren Jahrhunderten
Date
1911-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 2)
Language
German
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27 Dr. Tänzer, Göppingen: Ein deutscher Vorläufer der „Alliance Israulite Universelle" in früheren Jahrhunderten. 28 halb nicht, weil ihr Schul- und Erzichungswerk — ein unvergleichliches Kulturwerk allerersten Ranges — ihre ureigene, in früheren Zeiten nicht einmal erträumte Schöpfung bildet. Aber auch, dass ihre Unterstützungsorganisation bereits in früheren Jahrhunderten einen Vorläufer hatte, kann der „Alliance" nur zu erhöhtem Ruhme gereichen. Denn was in ihr so rühmenswert erscheint, ist ausschliesslich die ethische Erhabenheit des Judentumcs, dessen humane Pflichtenlehre die kleine Zahl der Begründer der ,,Alliance" im Jahr 1860 begeistert hat, und die heute alle ihre nach vielen Tausenden zählenden Freunde und Förderer begeistert. Und eben dieses Judentum hat es fertiggebracht, schon vor vielen Jahrhunderten unsere Voreltern, die damals noch zumeist arme, ihres Lebens und ihrer Habe niemals dauernd sichere Scliutzjuden waren, zu edlem Hilfswerke für die notleidenden Glaubensbrüder in Palästina zu organisieren. Wir lernen so die gewaltige Macht unserer Religion über die Gemüter und wir lernen so auch unsere Vorfahren gerechter würdigen. Ueber diese jüdische Hilfsorganisation früherer Jahrhunderte ist, meines Wissens wenigstens, bisher noch nichts bekannt geworden. Meine mit dankbar anzuerkennender Unterstützung der kgl. württ. Archivbehörden und unter Subvention unserer Stuttgart- Loge schon vor mehreren Jahren begonnenen Forschungsarbeiten im Archive des ehemals in Deutschland und besonders im heutigen Württemberg so machtvollen Deutschen Ritter-Ordens ermöglichen es mir, hier einiges über diese Organisation mitzuteilen. Das Ordensarchiv mit seinen enormen Beständen und seinen fast 400 Faszikeln über Judenangelcgcnheiten entpuppt sich mehr und mehr als eine unschätzbare Fundgrube für die ältere Geschichte der Juden in Deutschland. Ehe ich jedoch diese Organisation darstelle, muss ich einiges darüber vorausschicken, wie die Kunde von derselben in die Amtsakten der Deutsch- Ordens-Regierung in Mergentheim, das bekanntlich 1525 nach der Säkularisation des Ordens in Prcussen ständiger Sitz. des. Deutschmeisters wurde, gekommen ist. Und wenn ich dabei etwas weiter aushob so wolle dies damitentschuldigt werden, dass das Ordensarchiv noch niemals Gegenstand der Bearbeitung und wissenschaftlichen Verwertung gewesen ist, und dass es deshalb vollständig unbekanntes Gesehichtsmaterial ist, das hier erstmalig zur Darstellung gelangt. Der Orden hätte im ' Fürstentum Mergentheim vom .Jahr 1341 bis zu seiner Aufhebimg im Jahr 1801) ununterbrochen seine Scliutzjuden, die da ein, wenn auch tausendfach beengtes, doch immerhin einigermassen gesichertes Leben führten und, von vereinzelten fanatischen Deutschmeistern abgesehen, auch in religiöser Hinsicht volle Freiheit und allen Schutz genossen. Sowohl die rechtliche wie kirchliche Verfassung der Juden im Ordensgcbictc besitzt für die Geschichte der Juden in Deutschland erhöhte ANichtigkeit. Denn sie war nicht nur die eigentliche Quelle der heute noch für die Juden in Württemberg in Kraft stehenden Gesetzesbestimmungen vom Jahr 1828, sondern sie zog auch mit den Deutschmeistern verschiedentlich in -andere deutsche Gebiete, die sie zeitweilig neben ihren Ordenslandcn beherrschten. So z. B. in das Stift Fulda,1) dessen Abtstcllc während ]) Aus dem Stifte Fulda liegen aus den Jahren 1560 bis 1599 eine ganze Reihe historisch hochwichtiger Akten, -Judenordnungen, Schutzbriefe usw. vor aus Fulda, Brückenau, der sog. Gegenreformationsperiode in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vom Kaiser den Deutschmeistern übertragen worden war. Und ebenso in das Erzstift und Kurfürstentum Trier,2) dessen Erzbischof Franz Ludwig, Herzog von Pfaiz-Ncuburg, zugleich (1694—1732) Deutschmeister gewesen ist. Unter diesem hat sich auch der bald zu erwähnende Vorgang abgespielt. Anlässlich einer 1615 vorgefallenen sehr interessanten Bannverhängungsaffärc, bei welcher der Rabbiner von Frankfurt-Hanau namens Scligmann intervenierte und die durch Urteil der Ordensregierung ein für alle Teile böses Ende nahm, erliess diese ein strenges, ab 1618 auch in die Schutzbriefe aufgenommenes Verbot, dass die Ordensjuden nie mehr einen ausserhalb des Ordensgebietes ansässigen Rabbiner für ihre Religionsangelegcnhcitcn heranziehen dürfen. Sie sollten vielmehr selbst unter den Einheimischen einen Rabbiner erwählen, diesen dann der Ordensregierung vorstellen, die ihn mit Instruktionen versehen werde. Zum ersten und einzigen Male geschah dies 1621 mit Rabbi Veitel Munecki aus Worms, der aber nur ganz kurze Zeit amtiert zu haben scheint. Mit der 1635 erfolgten Uebcrsiedlung des überaus tatkräftigen und bei den Deutschmeistern sehr beliebten Salamon,3) des ältesten nachweisbaren Vorfahren Ludwig Börnes, von Hüttenheim nach Mergcntheiin haben die gesamten Verhältnisse der Juden im Ordensgebiete eine vollständige Umgestaltung erfahren. Salamon hielt sich für die ihm 1658 gestattete, in seinem Hammelburg und verschiedenen anderen Orten, worüber ich das Material vollständig gesammelt habe. 2) Auch hier liegt hochinteressantes Material über die Juden in Trier, Coblenz usw., sowie eine Judenordnung von 1723 vor. 3) Ausführliches über diesen wie überhaupt über die Ahnengeschichte Börnes findet sich in meiner Publikation „Ludwig Börnes Vorfahren in Württemberg", erschienen in der „Frankf. Ztg.", erstes Morgenbl. v. IG. Febr. 1910. Nachgetragen sei liier noch kurz, dass dieser Salamon zusammen mit seinem in Schmalkalden wohnenden Schwager bereits 1650 einen regelrechten Seefisch-Handel Von Hamburg bis nach Süddeutschland mit mehreren Zwischenmärktcn organisiert hatte. S a 1 a m o n Kaufmann, übersiedelt 1635 von Hüttenhcim nach Mergenbheim, Gründer der dortigen israelitischen Gemeinde, gest. daselbst 1665. Dessen Söhne: M a n a s s e L ö b Kaufmann, Obervorgänger und Rabbiner, gest. in Mergentheim 1691. Dessen Söhne: Mo s e s Lipp mann Kaufmann, Obervörgänger und Rabbiner, gest. in Mergentheim 1703. Dessen Kinder: Herz Jütle Jakob gest. in Mergenth. Yerehel. mit Simon Verehel. mit einer 1747. Isak aus Steinfurt, Schwester d. Simon Dessen Sohn: wohnte seit 1713 in Isak, wohnte seit L ö w. Oedheim. 1713 in Oedheim. Dessen Tochter: Deren Sohn: Reiz verehel. mit Baruch Simon. Kaufmann, Obcrvorgg. u. Hofagent, geb. 1722 in Oedheim, gest. 1802 in Mergentheim. Dessen Sohn: Jakob Baruch Schutzjude in Mergentheim laut Liste v. J. 1803. Dessen Sohn: L ö b Baruch später Ludwig B ö r n e. |

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