Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Hirsch Hildesheimer
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1t Hirsch Hildesheimer. 12 kam unbeschreibliches Elend, und gerade über Deutschland führte der Weg der heimatlos gewordenen Flüchtlinge. Da war es wiederum Hirsch Hildesheimer, der unermüdlich arbeitete, ratend und helfend, um die Not zu lindern. Es erging ihm nicht, wie vielen anderen, die das Massenelend am Endo gegen dessen Anblick abstumpfte. In welcher Gestalt auch die Not sich zeigte, die an seine Tür pochte, er bewährte sich immer in seiner Hilfsbereitschaft; er blieb stets der wärmste Fürsprecher der Armen und Bedrückten. Was ihn aber am meisten auszeichnete, das war die Art u n d W e i s c , wie er Hilfe gewährte. Hildesheimer hatte stets eine grosse Klientel unter den Enterbten, von denen die meisten aus dem Osten stammten. Sein Verhältnis zu ihnen war nicht das eines Philanthropen zu den Stiefkindern des Glückes, sondern vielmehr das eines guten und mitleidvollen Bruders zu armen Brüdern und Schwestern. Er wurde niemals ungeduldig oder Verdricsslich. Bis zu seinem letzten Atemzug diente er als Priester ihn Heiligtum der Menschenliebe. Es war jedermann bekannt, dass Hirsch Hildesheimer dem orthodoxen Judentume angehörte. Seine religiöse Ueberzeugung hat er niemals auch nur für einen Augenblick verleugnen wollen. Mit grossem Eifer wirkte er für das orthodoxe Rabbiner-Seminar, das durch ihn auch materielle Unterstützung erhielt. Er war aber grossherzig genug und vielzuviel Menschenfreund, um unduldsam zu sein. In seine Liebe schloss er alle Menschen ein, zu seinen Freunden gehörten Männer der verschiedensten politischen und religiösen Richtungen. Hildesheimer war eine allzu nachsichtige Natur, und auch persönliche Anfeindungen trug er niemals nach. Niemand konnte ihm eigentlich recht böse sein, da er niemandem böse war. Selbst wenn er sich zornig zeigte, stellte er sich bloss so. Er hätte selbst dem bösesten Antisemiten, wenn er ihm in die Hände gefallen wäre, niemals etwas zu Leide getan; er würde ihm vielmehr, wenn es nötig gewesen wäre, geholfen haben, und zwar nicht etwa um feurige Kohlen auf sein Haupt zu sammeln, sondern wei! dies in seiner menschenfreundlichen Natur lag. Hirsch Hildesheimer verkörperte in seinem öffentlichen Wirken ein Stück Zeitgeschichte. Er war eine merkwürdige Persönlichkeit. Ein Kämpfer von weichem Gemüt, dem es gewiss nur weh tat, wenn er jene andern verletzte, der das Schlechte verfolgte, aber nicht den Schlechten. Ein treuer Sohn des jüdischen Volkes, ein Mann von echter und tiefer Religiosität, ein edler, zuverlässiger Freund, in dem keine Spur von Missgunst gegen andere war, bescheiden und gütig, immer hilfsbereit und immer sich von der menschenfreundlichen Seite zeigend. Sein Wirken wird ein schönes Blatt unserer Geschichte ausfüllen. ED; ERANKFORT. Talmudstudien, AMSTERDAM.