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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Date
1911-01-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1. Januar 1911. XL Jalirg, DAS JAHR 1910. Von Simon Bernfeld. Nachdruck verboten. neue Einschlag würde vielleicht dazu beitragen, die konservative Partei, ähnlich wie in anderen europäischen Staaten, etwas zu modernisieren. Aber von diesem Id*al sind wir noch weit entfernt, und das leitende Organ unserer Hochtories hatte nicht einmal den Mut. seinen Vorschlag zu verteidigen, als es dafür von den anderen konservativ-agrarischantisemitischen Blättern scharf angegriffen wurde. Hingegen ist es mit Genugtuung zu verzeichnen, dass das Zentrum verständig und gerecht genug war, in der Schächtfrage, unbeirrt durch die Angriffe der unverschämten antisemitischen und der verschämten nationaüiberalen Presse, für die religiöse Gewissen srreiheit einer kleinen Minderheit einzutreten. Hoffen wir, dass es darin konsequent bleibt und die Sache bis zu ihrem Ende durchfahrt. — Einen Erfolg haben diese Bemühungen schon jetzt zu verzeichnen, indem sich die sächsische Rpgierung gegen En<ie des vorigen Jahres bemüssigt sah, das Schächtverbot aufzuheben, noch bevor sie durch ein Eeichsgesetz dazu gezwuugen worden wäre. Die inneren Vorgänge im Judentum betreffend, wären vielleicht die Wahlen der jüdischen Gemeinde zu Berlin im November des vorigen Jahres zu erwähnen. Indem ich mich hier objektiv referierend verhalte, erscheint es mir unter allen Umständen bedeutsam, dass nach einer lebhaften Agitation, die im grossen und ganzen als ein erfreuliches Zeichen eines frisch pulsierenden Gemeinde! ebens gelten darf, die Beteiligung an der Wahl eine zl mlich starke war, wobei etwa 40 % der Wähler ihre Stimmen auf eine Liste vereinigten, die auch von den Gegnern als zionistisch bezeichnet wurde. Ich nehme nicht an, dass alle diese Wähler, oder auch nur ein grosser Teil von ihnen, der zionistischen Bewegung angehören. Das Ergebnis ist deshalb nicht minder wichtig. In Oesterreich ist im vorigen Jahr eine politisch - wirtschaftliche Massregel zur Dureh- Neben den grossen politischen Ereignissen des Jahres, an deren Bewertung man am Jahresscbluss zu gehen pflegt, kommen für uus Juden auch jene Vorgänge in Betracht, die sich auf das Schicksal der Juden und auf das Judenlum beziehen. Eigentlich hängen alle Ereignisse zusammen, die politischen und die sogenannten jüdischen, und vielleicht köunen wir das als eine Ehre und als eine Auszeichnung bezeichnen, dass die Judenfrage seit Jahrzehnten in vielen Staaten in die grosse Politik hineinspielt — ebenso wie die Geschichte des jüdischen Volkes zweifellos ein integrierender Teil der Weltgeschichte ist. Em Kuck blick auf die jüdischen Ereignisse des Jahres 1910 wird daher zum Teil eine Art politischer Revue des vergangenen Jahres sein. In Deutschland ist die Julenfrage in den letzten Jahren nicht mehr so akut gewesen wie früher, als der Antisemitismus sich noch im Stadium der „Jugendeselei" befand und sich vermass, das Rad der Weltgeschichte um etwa fünf bis sechs Jahrhunderte zurückzudrehen. Er tritt nicht mehr so stürmisch herausfordernd auf, weil er seine Grenzen in der Macht der tatsächlichen Verhältnisse findet; dafür aber schleicht er mit seiner vergiftenden Wirkung still in der Gesellschaft herum, wo der Judenhass eine ständige Einrichtung geworden zu sein scheint. Unaufgeklärt ist der Vorstoss geblieben, den die „Kreuzzeitung" vor einigen Monaten gegen das berüchtigte Tivoli-Programm der Konservativen unternommen hat, um die Streichung des antisemitischen Passus herbeizuführen. Dass die hochkonservative Richtung ihr Herz für die Juden entdeckt haben soll, ist wohl schwer anzunehmen — obwohl das ihr schwerlich geschadet hätte, da sie nicht ewig an den Gedankenbro^amen eines getauften Juden, des Politikers Stahl, zehren kann. Würde die konservative Partei aufhören, ex offo den Antisemitismus zu betreiben, könnten sich ihr wohl im Laufe der Zeit auch manche ungetaufte Juden anschliessen. Dieser

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