Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1187 - 1188 (sequence 2)
- Language
- German
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1187 1188 lieder der Juden dürfen in der Musikgeschichte ein-Kapitel für sich beanspruchen: etwas Gedrücktes, Elegisches schleicht durch alle diese schweren Mollmelodien; doch durch die ineisten klingt es hindurch wie verhaltenes Feuer, und nicht selten flammt es auf in sprudelnder Lustigkeit, blitzartig, ohne Uebergang: Schmerz und Lust, Hass urd Liebe in wogendem. Auf und Ab. Die Themen der Melodien sind reich an überraschenden harmonischen Wendungen, von einer satten Schönheit, die meisten vollblütig, unverbraucht; nur hier und da haben sich fremde Elemente eingeschlichen. Die Ausführung der Lieder, die der Sammlung Leo Winz entnommen waren und von denen Arno Nadel den grössten Teil bearbeitet hatte, lag in den besten Händen. Bella Falk -Mintsc hin lieh den Liedern einen in der Mittellage schwermütigen, in der Höhe glänzenden Sopran und sang mit reifer Auffassungsgabe. Betty Tennenbaum spielte die Volksmelodien auf der Geige mit schönem Ton; Arno Nadel begleitete auf dem Grotrianflügel mit vornehmer Zurückhaltung. Das Publikum spendete nach jeder Nummer lebhaften Beifall. * * * „Kölner Tageblatt" v. 9. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Vortragsabend, veranstaltet von der Redaktion von „Ost und West". Seit vielen Jahren erscheinen in ,,Ost und West", der illustrierten Monatsschrift für das gesamte Judentum aus der Sammlung Leo W i n z , des Herausgebers dieses Blattes, als willkommene Beigaben „Jüdische Volkslieder", die durch die Komponisten Arno Nadel und Bogumil Z e p 1 e r eine vorzügliche Bearbeitung gefunden haben. Die Heimat dieser Lieder ist der Osten, wie Polen und Galizien, wo der Jude, von der herzlosen Aussenwelt zurückgedrängt, verachtet und verkannt, Bewohner des finsteren Ghettos geblieben ist. Viel Leid und Elend herrscht in diesen Kreisen, bei diesen Aermsten, wo nur allzu selten ein Lichtstrahl der Freude die dunkle Gasse erhellt. Und doch finden wir hier nicht stumpfe Resignation. Die Hoffnung, dass auch hier einstens der erlösende Frühling einkehren wird, gibt allen. Kraft und frohe Zuversicht. Diese Gefühlsäusserungen, ob sie nun Freud oder Leid künden sollen, finden wir in dem jüdischen Volkslied, dem echten Kinde des Ghettos. Die Melodien dieser jüdischen Lieder zeigen uns, wie in den jüdischen Volksgesängen die Tonweise immer aus dem Text geboren ist. Sie stellen mehr ein feineres Rezitativ als eine in sich ruhende strophenartige Vertonung dar, wie dies sonst bei Volksliedern der Fall ist. Ein Vortragsabend, veranstaltet von der Redaktion von „Ost und West", unter Mitwirkung namhafter Berliner Künstler brachte uns am Donnerstag abend in der Lese eine Auswahl jüdischer Lieder in geradezu vollendeter Wiedergab3. Mit wunderbarem Ton spielte die Geigerin Frl. Betty Tennenbaum jüdische Volksmelodien (Lieder ohne Worte) und wusste ihrem Instrument herrliche Töne zu entlocken. Nicht minder wirkungsvoll waren die Lieder vor träge von M. M a g i d s o n (Tenor) und Bella Falk- Mintschin (Sopran). Bella Falk besitzt eine ausserordentlich sympathische Stimme und trägt recht anmutig vor. Die Dame erfreute sich herzlichen Beifalls und musste sich zu einer Zugabe und zur Wiederholung des Liedes „Kätzele meins" verstehen. Arno Nadel war den drei Künstlern ein feinsinniger Begleiter. Eine andächtige Zuhörerschar lauschte den interessanten Darbietungen mit grosser Aufmerksamkeit, und dankte den ausführenden Künstlern durch herzlichen Beifall. * * * „Israelitisches Gemeindeblatt", Köln, v.is. Nov. 1912. Jüdischer Volksliederabend. Am vergangenen Donnerstag, den 7. d. Mts. fand im grossen Saale der Lesegesellschaft der in diesem Blatt angekündigte Volksliederabend, der von dem Verleger von „Ost und West" gesammelten jüdischen Volksmelodien, statt. Die Lieder, gesungen von Bella Falk- Mintschin und M. M a g i d s o n , fanden ungeteilten Beifall. Auch Betty Tennenbaum liess sich als Meisterin in der Behandlung der Geige, vernehmen. Sie wurde am Klavier durch Arno Nadel wirkungsvoll unterstützt. Wenn wir richtig unterrichtet sind, wird Herr Leo Winz, der Veranstalter dieser einzigartigen Liederabende, nochmals die jüdischen Volkslieder in Köln zu Gehör bringen lassen. MUENCHEN „Münchener Neueste Nachrichten" v. 11. Nov. 1912: Die Redaktion der Zeitschrift .,0st und West", veranstaltete einen Vortragsabend, der dem jüdischen Volkslied gewidmet war. Es handelt sieh dabei offenbar nicht um die Musik oder die Melodien der alten Hebräer, über die wir so <mt wie nichts wissen, sondern um Melodien, die sich im Munde der über die ganze Welt verstreuten Juden erhalten und überliefert haben und über deren wirklichen Ursprung wahrscheinlich ebensowenig bekannt ist, wie über den unserer deutschen Volsklieder. Die vorgetragenen Stücke entstammen der Sammlung Leo W i n z und sind teils für Violine, teils für Gesang mit Klavierbegleitung von Arno Nadel, einige von Bogumil Z e p 1 e r recht geschickt bearbeitet worden. Die Melodien sind zum Teil von wirklicher, schlichter Schönheit, zum Teil von geradezu grotesker, leicht selbstkarikierender Komik, stets jedoch so echt, ihre Rasse kennzeichnend, wie wir es von der Musik der slawischen Völkerstämme gewohnt sind. Nahe gekommen ist uns diese Musik schon in den russischen, polnischen, ungarischen, ja sogar nordischen und--amerikanischen Volksmelödien, unterscheidet sich aber von allen durch ihre rhythmische und metrische Eigenart. In wieweit das harmonische Gewand,, in welches die Bearbeiter die Melodien gekleidet haben»