Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1179 - 1180 (sequence 2)
- Language
- German
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Ii 79 U8G klangvolle Stimme und rege Empfindung für sieh ein. Die zahlreichen Hörer erwiesen sich als in hohem Masse beifallsfreudig. — n. — * * * „Leipziger Neuste Nachrichten" v. 29. Nov. 1912: (Aus der Monats-Revue.) Eine besondere Mission hat die Schriftleitung der Zeitschritt „Ost und West" mit einem Konzert übernommen, uns mit dem j ü d i s c Ii en Volkslied bekannt zu machen. Der Abend w a r nie Ii t nur ethnographisch und volkspsygologisch interessant, sondern konnte mit seinen m usikalischen Gaben, die in ihrer Mischung von populären, hart an den Gassenhauer streifenden und tiefen, ins mystische Gebiet himiberreichenden Elementen, eigenartig fesselten, auch künstlerische Ansprüche 1) e f r i e d i g e n. * * * „Leipziger Volkszeitung" v. i. Nov. 1012: Das jüdische Volkslied. Wie jedes Volk eine eigene Sprache, eigene Sitten und Gebräuche hat, so verfügt es auch über einen eigenen musikalischen Besitzstand. Auch das jüdische Volk macht hierin keine Ausnahme, mag immerhin dessen geistiges Leben von ägyptischer und später von babylonischer Kultur stark beeinflusst worden sein. Es wäre verfehlt, allein aus dem Umstände, dass von Denkmälern echter jüdischer Musik gar nichts auf uns gekommen ist, schliessen zu wollen, dass die Tonkunst bei dem jüdischen Volke keine besondere Pflege gefunden habe. Denn ein Volk, das in der Dichtkunst so Hervorragendes geleistet hat. wie das jüdische, das zu seiner Literatur das Hohe Lied und die Psalmen zählt, muss auch über eine eigene hochentwickelte Tonkunst verfügt haben. Wie bei allen Völkern, so war auch bei den Juden die Musik aufs engste mit dem Gottesdienst verknüpft. Denn wenn Josephus FJavius in seiner Geschichte Judäas erzählt, dass Salomo für die geistlichen Sänger "20 000 Röcke aus reiner Seide habe anfertigen lasser, und dass zum Inventar des Tempels u. a. 40 000 Harfen und 200 000 Posaunen gehörten, so geht aus dieser Mitteilung, selbst wenn man der Phantasie des guten Josephus vieles zugute hält, doch hervor, dass die religiöse Musik bei den Juden in intensivster Weise gepflegt worden sein muss, wofür ferner auch der Umstand spricht, dass die Römer bei der- Zerstörung Jerusalems einen ungeheuren Vorrat an Instrumenten im Tempel fanden und mit sich nahmen. Aber auch ausserhalb des Tempels erscholl bei den Juden Musik und Gesang, und auf eine besondere Pflege des Volksliedes weisen auch die Uebersehriften der Psalmen hin, die angeben, dass der Psalm nach dieser oder jener bekannten Melodie zu singen ist. Als dann aber das Unglück über das jüdische Reich hereinbrach und die Juden unter dem Joch der Andersgläubigen seufzten, da verstummten ihre Lieder, und ihr letzter Rest blieb, um mit den Worten Ambros' zu reden, von den Einflüssen fremder Kultur auch nicht unberührt, trotz der Abgeschlossenheit der in die verschiedensten Länder und Klimate verschlagenen Volksgenossen und deren zähem Festhalten an ihrer Nationalität und ihrem Glauben. So stehen wir denn heute vor der Frage: Gibt es überhaupt innerhalb und ausserhalb des Tempels Melodien, die von fremden Einflüssen völlig unberührt geblieben sind? Um diese Frage zu beantworten, müsste aber zunächst erst noch eine andre gelöst werden, nämlich: was sind die charakteristischen Merkmale jüdischer Melodien? Der Herausgeber der jüdischen Zeitschrift „Ost und Westu hat es sich angelegen sein lassen, Lieder, die heute noch im Munde des jüdischen Volkes leben und bald mehr bald weniger als Volkslied angesprochen werden können, zu sammeln, und ein Teil davon wurde gestern im Kaufhause vorgetragen. Für eine Reihe von Liedern, deren Texte nicht allgemeinem Verständnis begegnen, hatte man eine Wiedergabe durch Geige mit Klavierbegleitung gewählt. Die meisten zeigten einen stark slawischen Einschlag, so in erster Linie das Wiegenlied: Schlofsche, mein Veegele. Andre wieder, wie „Nach der Trauung", erinnerten stark an die Söhne der Pussta, während uns eine chassidische Weise wieder ganz in die Zeit des Rokoko versetzte. Das Waisenlied: „ Elend vun alle Beemei ", aber trägt einen Anflug von deutscher Sentimentalität. Dem jüdischen Charakter schienen besonders die Lieder zu entsprechen, über denen eine gewisse Monotonie ausgebreitet liegt : Die Zimbel, Der alte Vater, Alef-Beess uswr. Reiner und unverfälschter als in den Melodien tritt der jüdische Charakter in den Texten in die Erscheinung, unter denen viele auf unbedingte Originalität Anspruch machen können. An der Ausführung der Gesänge beteiligte sich in erster Linie die Violinistin Betty Tennenbaum. Ihr schlössen sich der Tenorist M. M a g i d s o n und die Sopranistin Ciaire Dawridoff an. Hat uns der Abend der Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen auch kaum etwas näher gebracht, so war er doch für jedermann höchst interessant. M. P. * * * „Leipziger Abendzeitung" v. 3. Nov. 1912: Jüdische Volkslieder. Die Redaktion von .,0st und West" veranstaltete im Kauihause einen Vortragsabend von Liedern und historischen Volksmelodien für Geigo und Klavier (bearbeitet von Arno N a d e 1, dem mitwirkenden tüchtigen Pianisten, urd Bogumil Z e p 1 e r) , die der Sammlung- L e o W i n z angehören. Die jüdischen Volksmelodien, dabei mehrere Chassidische Weisen, wurden ihres ehemaligen Textes entkleidet, doch durch Bemerkungen erläutert, soweit ihr Stimmungsgehalt nicht selbst für sie sprach. In ihnen, wie in den (von der Sopranistin Ciaire D a w i d o f f und dem Tenoristen M. Magidson in dunkler jüdischdeutscher Sprache, doch trefferd vorgetragenen) Liedern kommen gelegentlich Momente der Freude vor; weit mehr aber sird sie sc hmerzbesehattet und von bekümmertem Ausdruck, zugleich lebt in ihnen bewusste Glaubensfestigkeit, Gotteszuversicht und die Sehnsucht nach der Heimat Jerusalem. Der Jammer eines bedrückten, geknechteten Volkes, — wie er in jenen Zeiten berechtigt war, als das Ghetto noch von gewalttätigen Feinden umlagert war; — sprach aus jenen Texten und Melodien. Etwas operettenliaft mutete uns allerdings der Refrain in dem tiefsinnigen Liede „Das Päckeleu an. Die Vortragenden, dabei die begabte Geigerin B e t t y Tennen b a u m . ernteten lebhaften Applaus