Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Theater
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1153 - 1154 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1153 Felix Stössinger: Theater. 1154 mit dem Stroit verwachsen zu sein, (bis man uns zeigte, dass wir uns nur durch "Vorsicht und gelinden Druck befreien könnten. Edgar fesselt sich durch seine Rachsucht und Grausamkeit unlösbar an seine Frau und Alice wächst durch jedes Wort, jeden Blick, jede Regung des Hasses in die Seele ihres Mannes. In der letzten Szene geht es immer höher nach oben. Der Tod und das Schicksal der Menschen, sich aus Liebe zu hassen, bis sie sich die höchste Liebe erworben haben, hat Güte in diese Menschen gegossen. Zwei Mörder in der Phantasie, in der Sehnsucht und fast in der Wirklichkeit, werfen die Dolche ihres Hasses zu Boden und reichen sich die Hände. Sie ziehen sich zueinander, schon berühren sich die Schultern und da liegen sie sich in den Armen. Das tut der Tod. Aber noch steht das Leben da. Und wir wissen, bald wird sich heimlich ein Arm lösen, am Boden die Waffe suchen und zustossen, um Stoss auf Stoss zu geben und zu empfangen. Die Analyse des Dramas eines Nichtjuden war hier notwendig, um zeigen zu können, wie ein Jude es in die Wirklichkeit der Bühne übertragen hat. Nach zwei Aufführungen, die mir zuerst die Knochen brachen und dann wunderbar heilten, greife ich zum Buche (Georg Müller, München) und finde nicht nur ein anderes Drama, als ich gesehen habe, sondern auch ein grösseres. Die Hymnen, die ich auf Reinhardt gesungen habe, geben mir das Recht, auf den wunden Fleck seines Genies zu zeigen. Es ist dies ein Mangel an tiefster Geistigkeit, der in einigen Aufführungen hohle Stellen liess. Reinhardt empfindet jedes Drama als Drama, als Theaterdichtung. So hat er uns alle Stücke, die er spielte, in naher, nächster Vollkommenheit, ja in der Vollkommenheit selbst zeigen können. Das Plus bedeutender Dichtungen aber, ihren überbühnenmässigen Wert, ihren ausser der Charakteristik liegenden Gehalt, ihren überästhetischen Rhythmus, das geistige Erlebnis des Dichters und das letzte seelische, das uns ein Kunstwerk geben kann, blieb er uns mehr als einmal schuldig. Auch im „Totentanz" ist alles getan, was ein Regisseur tun kann; das Werk ist in eine Form geschlagen, die unverrückbar steht. Die geistige Strömung ist aber verdeckt, und was man sieht und fühlt, ist ausschliesslich Ehedrama. Der runde Turm, in dem der Kapitän und seine Frau 25 Jahre hausen, steht da und riecht wirklich nach giftigen Tapeten; der unveränderliche Horizont schaut durch die kalten, grossen Turmbogenfenster und das riesige