Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Der Prophet
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1129 - 1130 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1129 1130 DER PR( Eine Entgegnung. — Von An dieser Stelle hat im vorigen Monat ein Herr Binjamin Segel mein Buch „ Judentanfen" einer Kritik unterzogen. Vernichtend! Auf zweieinhalb Seiten! Und er hat die Objektivität so weit getrieben dass er auf den Inhalt des Buches überhaupt nicht eingegangen ist. Dafür hat er mit der Gründlichkeit des gewissenhaften Forschers in meine seit Jahren geschiedene Ehe hineingeleuchtet. Und es gelang ihm die Feststellung, (die mir auch erst durch die Forschung dieses emsigen Familien-Chronisten bekannt wurde), dass meine ehemalige Frau 475 in Edelstein geschnitzte Miniaturelefanten besass. Auf Grund dieser Feststellung nun spricht er mir ein für alle Male die Qualifikation ab, in Angelegenheiten des Judentums das Wort zu nehmen. Gegen diese, an sich gewiss überzeugende Art der Kritik, die noch durch die Angabe der Mitgift (nach dem Chronisten soll sie die Zahl der Elefanten um Fünfmalhunderttausend — man sieht, der Fall liegt einigermassen schwierig — überstiegen haben) — gegen diese Kritik habe ich folgendes einzuwenden: Das Buch, zu dem ich lediglich das Vorwort schrieb, besteht aus den Beiträgen zweiundzwanzig prominenter Persönlichkeiten. Solange der Forscher Binjamin Segel also nicht die Ehen dieser Herren vor der Welt blosslegt und den Nachweis bringt, dass mindestens die Hälfte davon irgendwo eine Angriffsfläche bietet — und das sollte ihm als Meister dieses Metiers am Ende nicht schwer fallen — solange ist für mich der Beweis für die Wertlosigkeit des Buches nicht erbracht. An einer Stelle fällt der Familien-Chronist aber aus der Rolle und wird sachlich. Und sofort versagt er. Er rückt n.einer Gegnerschaft gegenüber jedweder Assimilation zu Leibe und erteilt mir das mich ehrende Prädikat „Ueberjude" — worunter er natürlich etwas ganz anderes versteht, als man allgemein seit iNietzsche — bis Binjamin Segel kam — unter dem Uebermenschen verstanden hat. Wie er überhaupt, sobald er sein Chronistenhandwerk mit geistiger Dr. Artur Landsberger. Arbeit vertauscht, ganz eigene Wege geht, die ihn zum Beispiel dahin führen, Harnacks „Vorlesungen über das Christentum" mit den Worten „mittelmässig und kleingeistig" abzutun. Wenn ich nicht irre, sammelt Frau Exzellenz Harnack altes japanisches Porzellan; und ich weiss nicht, ob das nach der Lehre des Propheten Binjamin Segel dieselbe Beweiskraft wie Elefanten hat. — Was nun meine Assimilation^-Abneigung betrifft, so gehört schon ein gehöriger Grad von Kurzsichtigkeit dazu, um zu verkennen, dass diese rein physiologischer Natur ist. — Indessen scheint mir Vornehmheit und Ernst dieses Blattes nicht der Ort für Humoresken. Und nur in Form einer Humoreske wäre eine gerechte Würdigimg dieses Propheten möglich, den nach seinem Waffengange wider mich in der Oktobernummer auch seine Freunde kaum mehr ernst nehmen werden. — Glissons! Da aber die von Segel vertretene Meinung Anhänger hat, dass nämlich nur die „gelehrten*' Juden, die den Talmud und das Midrasch kennen, das Recht haben, sich mit den Angelegenheiten des Judentums zu befassen, so möchte ich mir den Hinweis erlauben, dass es auch ein j ü d i s c h e s Herz gibt, das unabhängig von der Kenntnis heiliger Bücher und verstaubter Folianten mitunter so kräftig schlägt, dass es sich äussern m u s s. Ich möchte geradezu behaupten, dass es bei den gebildeten Juden von heute einen Nachwuchs gibt, der, ohne Glauben aufgewachsen, in der Reife erst ein jüdisches Herz entdeckt, das genau so ehrlich, nur leidenschaftlicher vielleicht als das der n u r „gelehrten'* Juden schlägt. Und der Versuch, diesen Nachwuchs auszuschalten, statt ihn zu stützen, ist kurzsichtig, unklug und — vergeblich! Wie dieser Nachwuchs (zu dem ich mich rechne), aussieht, und was ich unter d e m j ü d i s c h e n Herzen verstehe, das möchte ich nicht in diese Zeilen persönlicher Abwehr mengen, sondern in einem besonderen Artikel behandeln. THEATER. Zwei Inszenierungen von Max Reinhardt. Von Felix Stössinger. Nach drei lustigen Jahren besinnt sich Reinhardt auf den Ernst, den er sich, seiner Vergangenheit und dem deutschen Theater schuldet, und stellt zwei neu verkörperte Werke auf die Seite, von der uns weit über fünfzig verschiedene Gesichter anblicken: die heiteren und die tragischen, die klassischen und die modernen Masken der Dramen, die sein in der Theatergeselüchte beispiellos differenzierter Geist aus der eintönigen Atmosphäre des traditionellen Eiihnenspiels erlest hat. Weit über fünfzig Werken hat Reinhardts Phantasie ein eigenes Leben, einen eigenen Rhythmus, ein eigenes Gewand und den persönlichen Sinn ihres Lebens gegeben. Jedes hat er unverwechselbar mit einem anderen gemacht, jedes hat er auf die Spitze seines innersten Wesens teils geführt, teils zu führen versucht. Als ernstem Künstler ist ihm die Plastik und die reinliche Ausarbeitung eines Motivs oder eines Ganzen das Wesentliche gewesen, und da dies bei der Regie auf ein Unterstreichen hinausläuft, hat er durch einseitiges Betonen gewisser Züge, durch einen unnachsichtlichen Willen zur Tendenz, ja zum Tendenziösen, jedes Kunstwerk völlig aus sich herausgestellt. Jedes Drama bekam neue Kanten und Schliffe, neue Ecken und Flächen und alle strahlten im schärfsten Licht, das er auf sie warf. So prassten die Freunde der Bühne zehn Jahre im Kult der (Siehe Fortsetzung auf Seite 1149/1150.)