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Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1117 - 1118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Stimmungen aus Saloniki
Date
1912-12-01
Page
Seite 1117 - 1118 (sequence 2)
Language
German
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1117 Max Hochdorf: Stimmungen aus Saloniki. 1118 tuch oder in einer gestrickten Geldkatze all ihren Verdienst, und sie nehmen fast wehmütig, fast zärtlich Abschied von jeglicher Münze. Aber es gibt auch welche unter ihnen, die nicht den Nachmittag verlieren dürfen, um am Abend den Passalitisch decken zu können. Das sind vor allem die Scharen der jüdischen Schuhputzer, die um die Fremdenhotels von Saloniki herumschweifen. Der Reisende, der am Tische des Cafes sitzt und diesem Treiben der Masse, diesem Schwirren, diesem Gelauf, diesem Hetzen um einen armen Nickel zusieht, wird bald beunruhigt. Seine Füsse werden jede Sekunde lang von einem anderen Schuhputzer belagert. Der Mann wirft sich auf den Boden. Er preist, in allen Sprachen Europas radebrechend, seine Schuhsalben, die Güte seiner Bürsten, die Weichheit seiner Tücher an, und er spart nicht mit Klagen und mit Gejammer, dass er noch nicht alles Nötige für die Feiertafel beisammen habe. Die letzten Minuten, die noch der Arbeit gewidmet sein dürfen, werden fiebernd ausgenutzt. Dann aber heisst es endlich doch darauf verzichten, dem Geschäft des Alltags nachzujagen. Und die Strassen von Saloniki, die Märkte, die Promenaden am Meeresufer, die Terrassen vor den grossen Fremdenhotels werden beinahe stille, werden beinah friedlich. Man staunt darüber, dass eine so heftig bewegte Stadt so aussterben kann. Man fragt und erfährt, das Gebet hat begonnen in den Gotteshäusern. Bald wird es fortgesetzt werden die ganze Nacht. Denn mit Singen, mit Schmausen, mit Ernst und auch mit munterer Laune vereinigen sich die Väter, die Mütter und Kinder, um daran erinnert zu werden, dass ihre Vorfahren in dieser Nacht aufseufzen durften aus lastender Knechtschaft. Der Schiüihandel. Seitwärts von der Wardarstrasse läuft eine schmale Gasse zu einem schmutzigen Wirtshaus. Und in dieser Gasse hat sich der jüdische Schuster angesiedelt. Er braucht keinen Laden. Die Ware, die er vertreibt, verträgt Regen und Schmutz. Die Schuhe, die seine Kunden erwerben wollen, mussten schon im Kot und Schlamm erprobt worden sein. Er ist ein Trödler mit alten Schuhen und zugleich ein Schustermeister. Mitten in einem Berge von getragenen, verschimmelten, halb verwesten Holzsohlen, Pantoffeln und Reitstiefeln sitzt er, und kommt der Kunde, der meist ein Moslim oder ein christlicher Albanier ist, so geht das Passen an. Da entpuppt sich der Schuster als ein Zauberer, der mit einigen Nägeln, mit einem scharfen Messer und einem festen Hammer Wunder vollbringt. Er hat eine katzenhafte Geschicklichkeit, aus seinem Plunder das Richtige herauszugreifen. Der Bart fällt ihm bis auf die Knie, dass er eher einem Gelehrten als einem winzigen Schuster gleicht. Doch er ist stolz und ehrwürdig und übt sein Handwerk wie ein Mann, der mit jeder Schleicherei des Lebens vertraut ist. Oft geschieht es, dass er beim Hämmern der Sohle beredt wird. Denn er muss erzählen, dass der frühere Besitzer dieser Fussbekleidung ein vornehmer Mann war, dass er Glück gehabt hat in diesen Schuhen, dass er gar ein Millionär wurde darin. Und aus dem Schuster, der schon ein Zauberer war, wird gar ein Dichter. Und hat er das Märchen von irgendeinem Paar Holzpantoffeln zu Ende gedichtet, dann wandern die Wunderdinge von Hand zu Hand. Dann untersuchen hundert Augen, ob auch jedes Nähtlein und jeder Schaft zum. Kampfe mit der Ewigkeit gerüstet ist. Und ist dies Examen zu Ende, dann wird erst der Preis gefeilscht. Alles hat unendlich viel Zeit. Sind die Kehlen trocken geworden vom Schwatzen, dann wird der braune, dicke türkische Kaffee aus der Nachbarschaft herbeigebracht. Stunden können vergehen. Keiner wird ungeduldig. Man wirft sich vielleicht Verwünschungen an den Kopf, doch der Schuster hat am Ende doch gesiegt, und er lächelt, und er findet irgendwo einen Zeitungsfetzen, um dem glücklichen Käufer seinen Schatz behutsam zu verpacken. Bara. Ein ordentlicher Hausvater, gar eine sorgsame Hüterin ihrer Kinder, hört von Bara nur mit Entsetzen sprechen. Bara ist die Hölle von Saloniki, und nur die ganz kummerlosen, herumschwärmenderi Jünglinge gehen ohne Gewissensbisse nach Bara hinein. Bara ist die Stätte des Lasters von Saloniki, wo die unglücklichsten Frauen der Welt in Baracken und baufälligen Holzschuppen kaserniert sind. Wenn die Cholera durch die Stadt ihren Todeszug vollführt, dann macht sie sich von Bara auf, Ansteckung und würgende Seuche mit sich führend. Und in solcher Todeszeit wird Bara von Soldatenregim entern umzingelt, und von Kugeln getroffen wird jeder Jüngling, der in diesem Quartier d erVerderbnis abenteuern möchte. Nun ist erschreckend zu sehen, wieviel jüdische Jugend, ja wieviel lockende Mädchenschönheit in dieser Hölle verkommt. Einmal bin ich mit meinem Kameraden Donrohoe, dem britischen Kriegsschriftsteller, von einer Baracke zur anderen gewandert. Bein waren unsere Herzen. Er sprach von seiner Gattin, die eine Malerin ist, und wir standen plötzlich in dem ersten Hause. Da hörten wir zwischen dem Griechisch, zwischen dem Bulgarisch und Rumänisch immer wieder das Jiddische, die Sprache der östlichen Juden. Und die Mädchen, die die Sprache redeten, waren oft sehr schön, obwohl sie schon die Zeichen furchtbarer Zerstörung auf dem Gesichte trugen. Sie stammten aus Russland, aus Rumänien, aus Galizien, aus allen Grenzländern der Türkei. Sie waren viel zahlreicher als die Frauen anderen Glaubens, und sie bäumten sich nicht mehr auf gegen ihr Schicksal. Wer Not heilen, Gemüter bekehren, Seelen retten will, der sollte tagelang durch Bara wandern. Er wird Arbeit finden die Fülle. Aber er darf nicht weichlich sein oder leicht zur Verzweiflung gestimmt. Ihm wird die Verstocktheit in Bara begegnen. Es kann ihm sogar zustossen, dass er für einen Narren gehalten wird. Aber galten nicht eine Zeitlang alle Menschen für Narren, die ein Werk der Selbstaufopferung und der Demütigkeit verrichten wollten?

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