Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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ranriWCe ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GES FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert ▼OB LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 12. Dezember 1912. XII. Jahrg. DER „PROPHETEN" ZWEITER TEIL*) Von Binjamin Segel. In seinem „dicken Judenbuch" wird Sombart nicht müde zu beteuern, dass seine Darlegungen einen streng wissenschaftlichen Charakter tragen, dass er keine Werturteile fälle, lediglich Theorie biete und keine Schlussfolgerüngen für die Praxis ziehen wolle. Aus den „Judentaufen'c aber erfahren wir plötzlich, dass das dicke Judenbuch „vielleicht den Ausgang bei der Lösung des Judenproblems abgeben wird." Und in der Tat sind ja die beiden dünnen Judenbücher nichts als Anweisungen, sehr eindringliche und aufdringliche Anweisungen, wie die Theorie in die Praxis umgesetzt werden solle, Anweisungen, die sich zum Teil an die Juden, mehr aber noch an die „Wirtsvölker" richten. Ich habe es hier vornehmlich mit dieser Praxis zu tun, die ich in ihrem Wesen und ihren Konsequenzen beleuchten will. Indessen, um dieses Ziel zu erreichen, muss ich schon hier einige Punkte der theoretischen Basis, die im dicken Judenbuch niedergelegt ist, kurz berühren. Im Jahre 1902 veröffentlichte ein berühmter deutscher Professor namens Werner Sombart ein sehr dickes zweibändiges Buch über den modernen Kapitalismus, in dem haarklein bewiesen wurde, dass die kapitalistische Wirtschaftsorganisation durch die Grund- und Hausbesitzer der italienischen Städte des späten Mittelalters ihren Weg in die Weltgeschichte gefunden hat. Die Summen, „aus denen der Kapitalismus sich zu entwickeln vermochte, sind akkumilierte Grundrente". 1911 veröffentlichte ein berühmter deutscher Professor namens Werner Sombart ein dickes Buch, in welchem die Rolle jener spätmittelalterlichen Italiener auf die Juden übertragen worden ist. Er habe tiefer geschürft und sei auf die Juden gestossen, versichert uns der Yerfasser. Er hat dann noch tiefer geschürft und ist dabei auf das — Weibchen gestossen. Jüngst verkündete er uns, die Kurtisane des ancien regime, eigentlich vom Zeitalter *) Vergl. den Artikel ..Die Propheten" im Oktoberheft.— der Renaissance angefangen, sei eine der Haupttriebkräfte des modernen Wirtschaftslebens. Dann schürfte er noch tiefer und siehe da, er entdeckte den Krieg als den Yater des Kapitalismus. Der Krieg kann sich das gefallen lassen, nachdem er bereits yor mehr als dritthalbtausend Jahren zum Yater aller Dinge ernannt worden ist. Das schöne Wort: „Wie die Sonne geht Israel über Europa: wo es hinkommt, spriesst neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher geblüht hatte" — dieses offenbar ironisch gemeinte Wort, welches die jüdischen Leser Sombarts in Ekstase versetzt hat, lässt sich ebenso gut von der Kurtisane und dem Krieg sagen. Wie die Sonne geht die Kurtisane oder der Krieg über Europa auf usw. Den Ruhm, eine Sonne zu sein, werden wir vorderhand mit der Kurtisane und dem Krieg zu teilen haben. Man darf hoffen, dass der neue Sombart, der noch tiefer schürft, noch ganz andere Urheber und Urheberinnen des Kapitalismus ans Tageslicht zieht. Wer von allen diesen Sombarts wird Recht behalten? Ich glaube: alle. Ein Kerl wie der Kapitalismus kann es sich am Ende leisten, mehrere Yäter zu haben. Ernst gesprochen: jede bedeutsame soziale Erscheinung muss auf mehrere zusammenwirkende Ursachen zurückgeführt werden. Im Grunde ist mir die Geschichte und die Genealogie des Kapitalismus, wie er selbst, vollkommen gleichgültig. Interessieren würde es mich nur, ob und wann und wie er vom Erdboden verschwinden wird, um einer besseren Weltordnung Platz zu machen. Aber darüber verraten uns alle die allwissenden dickbändigen Gelehrten nichts, sie sind alle „rückwärts gewandte Propheten". Nur in bezug auf das Judentum wissen sie die Zukunft zu erschauen. Was mich angeht, ist die Rolle, die der gelehrte Forscher der jüdischen „Psyche" und der aus ihr geborenen jüdischen Religion bei dieser Geschichte zuschreibt. Und da ist es zunächst ein von Sombart konstatierter, immanenter, unausrottbarer Zug der jü-