Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Die jüdische Studentenschaft in Deutschland
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1027 - 1028 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584031-2601997--13836-2602109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1027 Erwin Goldemann: Die jüdische Studentenschaft in Deutschland. 1028 entschlossen entgegenzutreten. Aus diesen Gedanken heraus entstand der B. J. C. (Bund jüdischer Korporationen). Im Jahre 1895 wurde der „Verein Jüdischer Studenten an der Universität Berlin" gegründet, der sich bald mit gleichartigen, an andern Universitäten des Deutschen Reiches in rascher Folge entstehenden Korporationen zum B. J. C. zusammenschloss. Durch ihr mutiges Eintreten für die Interessen der gesamten jüdischen Studentenschaft und durch die Betonung eines selbstbewussten jüdischen Standpunktes bei Gelegenheit der Wahlkämpfe um die „Akademische Lesehalle" in Berlin, bei welchen die Gegensätze in der Berliner Studentenschaft regelmässig zu heftigen Zusammenstössen führten, gelang es den jungen Korporationen in kurzer Zeit, eine geachtete Stellung sich zu verschaffen. Die Erziehung zur Anteilnahme an allen jüdischen Dingen, die der V. J. St. (Verein Jüdischer Studenten) seinen Mitgliedern zuteil werden lässt, hat heute schon eine Zahl von ännern geschaffen, die sich in allen jüdischen Organisationen betätigen und zum Teil führende Stellungen einnehmen. Regelmässiges Fechten, Turnen und Sport aller Art sorgen für eine stramme körperliche Ausbildung der V. J. St.-er. Heute besteht der B. J. C. aus den Vereinen Jüdischer Studenten Berlin, Breslau, München, Charlottenburg, Strassburg, Freiburg, Königsberg, Maccabaea (zweiter Kartellverein an der Universität Berlin), Bonn und Heidelberg. Der V. J. St. Marburg wurde im Sommer 1911 gelegentlich schwerer antisemitischer Streitigkeiten mit anderen Korporationen von den Universitätsbehörden suspendiert. In Berlin besteht eine Ruderabteilung. Die Zahl der Mitglieder wächst ständig und hat bereits 600 überschritten. Die Geschäfte des Kartells werden von dem aus 7 Mitgliedern bestehenden „Präsidium des B. J. C." geführt, das seinen Sitz in Berlin hat. Das Präsidium gibt eine interne Monatsschrift „Der Jüdische Student" heraus, welche halbjährlich ein öffentliches Heft bringt. Dem letzten öffentlichen Heft entnehmen wir nachstehenden Artikel. * Die jüdische Der primitivste Trieb de;- Lebewesen ist der der Solbsterhaltung. Er ist die gemeinsame Grundlage aller Lebenden und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Fragen wie diese: Macht die Betonung «;>.ler die LTebenvindung des Tieres im Menschen uns glücklicher? haben einigen Sinn nur, wenn sie jene Grundlage unberührt lassen. Eine wirkliche „Leberwindung des Tieres" würde das Ende des Menschengeschlechtes bedeuten. Diesem elementaren Instinkt entspricht im Bereiche des menschlichen Bewusstseins das Leben- Wollen, die ausdrückliche Bejahung. Und hier trennen sich sehr scharf die bewussten und die unbewussten Wesen. Diese, in eine fremde L'mgcbung versetzt, ohne das Bewusstsein ihrer Eigenart, assimilieren sich. Ihr Selbsterhaltungstrieb geht über die animalische Funktion der individuellen Fortpflanzung nicht hinaus. Ein niederer Organismus, der unter wesentlich anderen Bedingungen als früher lebt, verändert seine Gewohnheiten, ähnelt sich allmählich der herrschenden Art an, unterscheidet sich in wenigem oder nichts mehr von ihr und verschwindet im Laufe der Zeit, obschon einst ein Geschöpf von eigner Prägung. Das Leben-Wollen des bewussten Menschen dagegen findet gerade seihen vornehmsten Ausdruck in dem stürmischen Verlangen, seine Eigenart zu bewahren, nicht zu verschwinden. Er ist sich seines besonders gearteten Seins bewusst, und das Bewusstsein verhindert ihn, haltlos in ein fremdes Sein hineinzugleiten und lässt ihn die unendlich biologische Minderwertigkeit jeder Assimilation empfinden. Sie lässt ihn erkennen, dass in seiner Eigenart all seine Glücksmöglichkeiten hegen, dass hier für ihn die Wurzel der Persönlichkeit, des Stolzes, der Kraft zu Korporation. suchen ist: seine Eigenart ist sein Leben. Diese Erkenntnis führt ihn dazu, die Weiterexistenz seiner ererbten Art, seines Blutes, die ewige Entwicklung seines Volkes mit aller Kraft seiner Seele zu wollen. Zumal der tätige, der schöpferische Mensch — diesen als den massgebenden Persönlichkeitstyp genommen —, der den Wunsch hat, wirksam zu sein, sich Fortzusetzen, über sich hinaus zu leben, fühlt, wie all sein Können seiner geistigen Struktur, seinem Blute, seinem Vätererbe entstammt. Er will nicht verschwinden, indem er in anderen aufgeht; er will schaffen, will leben. Es ist die erstaunlichste Tatsache der modernen jüdischen Geschichte, dass vielen Juden dies Bewusstsein ihrer Persönlichkeit abhanden kam und einem Haufen depravierter Gefühle Platz machte. Mit einer bemerkenswerten Stumpfheit der Empfindung glitten sie innerlich (viele auch äusserlich) aus dem Judentum heraus und sahen nicht, dass ihnen damit das Beste verloren ging. Das ist Negierung des Leben-Wollens. Die Entwicklung, die hierzu führte, ist bekannt. Die Juden im Ghetto warteten auf den Messias. In ihre religiöse Sehnsucht eingehüllt, durchlebten sie die Jahrhunderte: ein Dasein von kleinem Format, aber voll von Selbstbewusstsein. Sie zehrten von alten Glaubenswerten, jener frühen grossen Schöpfung des jüdischen Volksgeistcs. Diese Werte sind heute für die grosse Mehrzahl der modernen Juden nur noch Respekt einflössende Erinnerungen. Die Religionen, zumal die jüdische, die unter den unnormalen Verhältnissen der Diaspora sich nicht'weiter entwickeln konnte, sind keine herrschenden geistigen Mächte mehr. Andere jüdische Volkswerte wurden im Golus nicht geschaffen. Da es also ein lebendiges Judentum nicht