Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 995 - 996 (sequence 2)
- Language
- German
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995 Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. 99G Prof, Dr. M« Philippson, Berlin GescMftsführender Vorsitzender der Gesellschaft. (Verfasser der 3 bändigen „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes". [».Grundriss".]) schichte — die Geschichte des jüdischen Volkes von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart wird daher gleichfalls einen Gegenstand der Wissenschaft des Judentums bilden. Und noch immer ist damit der Umfang der Wissenschaft des Judentums nicht erschöpft: der Anteil der Juden an dem Wirtschaftsleben, der Kultur, der Wissenschaft und der Dich tung ihrer Wirtsvölker von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen, die Demographie und die Statistik der Rabb. Prof. Dr. J. Guttmann, Breslau 2. Vorsitzender der Gesellschaft. Leiter der wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft. (Schreibt für den „Grandriss" die Geschichte der rel.-phil. Literatur.) einen Platz Juden haben einen Anin der Wissensehaft des heit des Christentums über das Judentum zu erweisen, und zu um so vernichtenderen Streichen gegen das Alte Testament und die jüdische Lehre holt sie aus — die Wissenschaft des Judentums muss auf der Höhe sein, um den Angriffen zu begegnen. — Der Jude wird von Hass und Schimpf verfolgt; seine Rasse als inferior, seine Religion als eine Religion des Hasses oder gar eine Ausgeburt des krassesten Aberglaubens hingestellt; die Wissenschaft des Judentums gibt dem Juden Ruhe und Sicherheit und Vertrauen zu seiner Gemeinschaft, indem sie ihn mit Stolz auf die Geschichte des jüdischen Stammes und seine Leistungen für die menschliche Bildung und Gesittung erfüllt; sie lehrt ihn Festigkeit und Treue zur überlieferten Religion, der die Ahnen die Treue gehalten. — Ja, im Kampf um die Emanzipation der Juden hatten sich diese sogar in hohem Masse der Unterstützung der Wissenschaft des Judentums zu erfreuen; so ist der Sieg der deutschen Predigt in den Synagogen, die Führung deutscher Rufnamen den preussischen Juden nur Spruch auf Judentums. Schon diese Darstellung allein überzeugt jeden Einsichtigen von der Notwendigkeit der Pflege der Wissenschaft des Judentums. Es kommen indes noch eine Reihe anderer Gründe hinzu, welche sie, von Seiten der Juden, gebieterisch erheischen. Eine jede Gemeinschaft bedarf, wenn sie nicht an sich selbst zugrunde gehen will, der steten Erneuerung. Für eine Gemeinschaft aber, welche gleich der jüdischen, nur durch geistige und seelische Rande, durch die Gemeinsamkeit der religiösen Ueberzeugungen und die Gleichheit ihres Schicksals, zusammengehalten wird, kann diese notwendige Erneuerung nur auf geistigem, d. h. also wissenschaftlichem Gebiete sich vollziehen. — Wir leben in einer geistig sehr bewegten Zeit; die Umwandlungen auf wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiete haben die Anschauungen vergangener Generationen über Rord geworfen und der modernen Kulturmenschheit andere Ueberzeugungen und eine andere Weltanschauung verliehen. Wenn das Judentum als eine besondere geistige Gemeinschaft sich in diesem Kampf um die Weltanschauung und in dem Streit der Meinungen behaupten will, so darf es die Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen unserer Tage nicht scheuen; die Waffen in diesem Streite aber kann ihm nur liefern die Wissenschaft des Judentums. — Es ist schon oben auf die Beziehungen des Christentums zum Judentum hingewiesen worden. Je gewaltiger die Kritik an den Grundlagen des Christentums rüttelt und je weniger das Christentumsich dem Eindringen ihm feindlicher Anschauungen in die christliche Kirche zu erwehren vermag, um so mehr müht sich die christliche Theologie, die LTeberlegen- ^"L"uv lul Uö" "^ggada) ermöglicht worden durch wissenschaftliche W7erke von Leopold Zunz, und die Abschaffung des berüchtigten Judeneides in Sachsen und Preussen war zur Zeit einzig und allein den Arbeiten Zacharias Frankels zu danken, dessen Gutachten zuerst die sächsische Regierung eingefordert hatte und auf den sich später die preussische Regierung berief.*) Diejenigen Männer, welche am 2. November 1902 in Berlin die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ins Leben gerufen haben, haben daher sich nicht nur um die deutsche Judenheit, sondern um das gesamte Judentum ein grosses Verdienst erworben. Rabb. Prof« Dr. Bloch, Posen *) Siehe hierüber B. Jacob: rüie Wissenschaft des Judentunis, ihr Ein- 1 Schriftführer der Gesellschaft. (Schreibt für den „Grundriss" die Geschichte der "USS aut die Emanzipation der Juden. Vortrag. Berlin 1907, S. 12 ff.