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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 945 - 946

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Jaroslav Vrchlicky [Rezension]
Date
1912-10-01
Page
Seite 945 - 946 (sequence 1)
Language
German
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945 946 Jaroslav Vrchlicfcy. Die Literaturen kleiner Völker treten nicht leicht in den Kreis dessen, was man Weltliteratur nennt und der Ruf und ftuhm ihrer Dichter dringt selten über die Grenzen ihrer engeren Heimat. Um so inniger wird dafür ihr Schaffen von den eigenen Stammesgenossen gepflegt und umso stärker ist ihre Dichtung mit dem Volke verbunden. Ein eigenartiges Schicksal aber umgab das Schaffen und das Werk Jaroslav Vrchiicky's, des grössten Dichters, den die czeebis*che Nation hervorbrachte, und der am 9. September in geistiger Umnachtung neunundfünfzigjährig starb. Vrchliekys Dichtungen waren nie volkstümlich (im Gegensatz zu den Werken seiner Zeitgenossen und der jetzt lebenden czechisehen Dichtergeneration); sie gingen nämlich über den Kreis des czechisehen Volkstums hinaus. Doch es war dem Dichter versagt, in die Sphäre der Weltliteratur zu dringen. Nur wenige seiner Dichtungen wurden in anjtere Sprachen (deutsch und französisch) übertragen. So war der Dichter einsam und sein Schaffen erfüllte nicht seinen Zweck, dem Volke und den Völkern zum Schönen und Guten zu dienen. Dieses Schieb al erinnert lebhaft an das Schicksal jüdischer Dichtung im letzten Jahrhundert. Doch in einem war Vrchlicky glücklicher als unsere Dichter: Sein Volk war wohl nicht mit dem Sinn seines Schaffens verbunden, aber es ehrte ihn doch hoch und hielt es heilig, weil — es sich heilig hält. Soweit ist das Judentum noch nicht, leider noch nicht. Aber auch in Vrchiicky's Werk und Wirken spielt das Judentum und seine Geschichte hinein und davon soll hier gesprochen werden. Jaroslav Vrchlicky, der mit seinem bürgerlichen Namen Emil Frida hiess, war im Jahre 1853 geboren. Frühzeitig schon wandte er sich der Dichtkunst zu und war bald — unter seinem nom de guerre — in Böhmen als Dichter geschätzt. Sein erstes — und einziges Vorbild war Victor Hugo, der grösste Romantiker, den die Zeit hervorgebracht, und gleich diesem ist die Zahl der Werke Vrchliekys ungemein gross; sie könnte eine stattliche Bibliothek iülJen. Lyrik, Novelle, Roman, Drama und Epos fehlen nicht im weiten Kreis seines Schaffens. Meist waren es historische Stoffe, nicht so sehr aus der Geschichte des böhmischen Volkes, als aus den Zeiten des Mittelalters, der Renaissance und der griechisch römischen Blüte des Altertums, die sein Schaffen anregten. Der romantische Geist, der in dem Dichter lebte, griff eben über die engen Grenzen seines Volkes hinaus. Doch das czechische Volk war nicht reif für die Romantik und ihren weltumspannendeu Horizont, es schätzte seinen Dichter, aber es verstand ihn nicht. Und diese romantische Dichternatur griff denn auch zu einem Stoffe, der sie mächtig anzog. Vrchlicky schrieb, nachdem er eingehende Geschichtsstudiea gemacht hatte, eine episch - dramatische Dichtung „Bar-Kochba", welche die Heldenzeit des Judentums in dem gigantisch-furchtbaren Versuch Roms Ketten zu sprengen, behandelte. Die Dichtung wurde vom Grafen Boos-Waldeck ins Deutsche übertragen, in einer Weise, die mit Deutsch und Dichtung gleichwenig" zu tun hat. Aber selbst diese niedrig-schwanglose Uebersetzung vermochte nicht, die reife dichterische Kraft zu hemmen, welche überall aus diesem Werke Vrchliekys hervorstrahlt. Die mächtige Tragik dieses Kampfes, die in der gewaltigen Gestalt Bar-Kochbas zum Ausdrucke kommt, ist ebenso anziehend und fesselnd gestaltet, wie die welterhabene Geistigkeit Rabbi Me'irs; diese Gestalt hat der Dichter mit besonderer Liebe gehegt. Sah doch sein Sinn in ihr die Verkörperung RUNDSCHAU. des gott- und weltumfassenden Geistes, der in die Unendlichkeiten ragt und das befreiende Ideal dar Menschheit darstellt, weiches gerade in der Romantik seine dichterische Verklärung fand. Und damit hat der Dichter — in den beiden Gestalten Bar-Kochbas und Me'irs — an die beiden stärksten Ideen des Judentums mit verstehender Hand gerührt, an die Volkseinheit und die Geisteseinheit. Auch die sagenumwobene Gestalt des hohen Rabbi Low aus Prag hat den Dichter zu einer — allerdings mehr durch liebevolle Behandlung als durch Stärke der Konzeption hervorragenden — dramatischen Dichtung „Die Weisheit des Rabbi" angeregt. Der Dichter, der solche Ideale in der Brust trag — und es sind die Ideale der Unterdrückten, aber sinnstarken Völker — musste auch den sozialen Befreiungskämpfen der Gegenwart sein Auge zuwenden. Berühmt ist denn auch die Rede, die der bescheidene Dichter im österreichischen Herrenhause — er war vom Kaiser zum Pair ernannt worden — für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes hielt. Es war die einzige Rede des Dichters, der sonst fern aller Politik — sogar der bewegten czechisehen Kampfpolitik — lebte. Aber alle Erscheinungen, die von sozialen Kämpfen und Unterdrückung sprachen, beobachtete er mit herzlich gutem Blick. So interessierte er sich denn auch für die Gegenwart des Judentums und die Ideen seiner Befreiung, die in Wahrheit und Dichtung zutage treten. Er hat auch unter seinen vielen Uebersetzungen, für die ihm das czechische Volk zu grossem Danke verpflichtet sein muss und die allein schon ein Lebenswerk bilden könnten — es seien nur Goethes „Faust* Tasso, Ariosto, Dante, Hugo, Milton, Byron genannt — eine Uebersetzung der „Lieder des Ghetto" von Morris Rosenfeld gegeben, die meisterhaft und mit sorgsamer Vertiefung in die Nuancen der Sprache gearbeitet ist. Die Uebersetzungen gaben dem weiten weltschauenden Dichtersinn Vrchliekys stete Impulse. Auch darin ist das czechische Volk, das einen seiner Grössten und Bescheidensten zugleich verloren hat, glücklicher als wir. Unsere neue Literatur hat noch wenig, sehr wenig von den fremden Literaturen, von der gewaltigsten Kunst fremder Zunge in ihr Idiom aufgenommen. Am schwersten aber drückt eines: Vrchlicky, der C^eche, wurde durch den Bar-Kochba-Stoff inspiriert. Und in unserer neuen Dichtung fehlt es ganz an den Geiste, der die grossen Zeiten unseres Volkes in den Kreis dos dichterischen Erfassens tragen würde. Wir haben keinen „Bar-Kochba" in unserer Dichtung und kein Werk, das in grossem Wurf unsere grössten Zeiten und Menschen umfasste. Und wir wären ja dazu berufen, diesen Gestalten und Gewalten das wahre Leben zu geben, Leben aus unserem Leben! Warum das so sein mag? Ist unser Auge zu trüb, sieht es nicht mehr die lebensvollen Zeiten? Ist uns der Sinn für unsere Geschichte — und die Diasporageschichte hat tieferen Sinn als die blossen äusserlichen Zufälligkeiten — abhanden gekommen? Oder haben wir noch nicht die Kraft, unsere grossen Zeiten in grosse Dichtung umzugestalten und ihnen — und uns — neues Leben zu geben? Wir müssen es können; es hängt der Sinn unseres Seins daran! Und wir denken an uns, an das, was uns nottut, traurig und hoffend zugleich, während wir Jaroslav Vrchliekys schicksalsreiches Schaffen dankend weiten. Er hat unseren Wert mit Dichtersinn erschaut. Wir müssen unseren Wert mit Lebenssinn bauen. S. Fried. (Fortsetzung auf Seite 971/972.)

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