Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 935 - 936

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Die neue Synagoge in Charlottenburg
Date
1912-10-01
Page
Seite 935 - 936 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584030-2601822--13645-2601892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

935 Karl Bayer: Die neue Synagoge in Charlottenburg. 936 zwei der Gemeinde für das neue Gotteshaus von einigen Gönnern gestiftet worden sind: Ein weisser Vorhang für die hohen Festtage, ein blauer, zu dem auch eine passende Chuppa (Trauhimmel) angefertigt wurde, und vor allem ein herrliches Stück auf rotem Samt (den wir hier in einer Abbildung vorführen) wären zu nennen. Zu diesem Werk hat der Maler August Unger, der auch die Entwürfe zu den Mosaiken und Malereien dieses Hauses fertigte, die Zeichnung hergestellt. — So bildet dieser neue Tempel, auf den die Berliner Gemeinde mit berechtigtem; Stolze blicken kann, in allen seinen Teilen ein künstlerisches Ganze, ein Werk, das seine rotstrahlenden Kuppeln freudig über die Dächer Berlins leuchten lassen darf und dem wir es wünschen, dass es dem Spruche seines Schöpfers gemäss, die er bei der Grundsteinlegung mit dem Hainmerschlage bekräftigte, seine erhabene Mission erfülle: „Dem Allmächtigen Gott zum Ruhm." DER ERLOSCHENE STERN.*) Von Sch. öfcorelik. Vor einigen Jahren war die jüdische Jugend, namentlich in der Provinz, in heftiger Liebe zur jüdischen Literatur und Kunst entflammt: Zu dem Wenigen, was vorhanden war und zu dem, was erst werden sollte, weil das Herz darnach verlangte. Es war sogar ein bischen komisch: Ein so winziges Literaturchen und ein so. grosser Enthusiasmus, Wir dachten damals, dass er anhalten werde, und beeilten uns, dem Augenblick einen Namen zu geben. Da kein passender da war, nannten wir ihn „Renaissance". Zu dieser „Renaissance" Zeit hatte auch ich einige Beziehungen. Mit vier anderen zusammen bereiste ich die jüdischen Städtchen und predigte die jüdische Kunst. Und wer damit kam, war gut aufgenommen. Es kam dann vor, dass man statt zwei Tage ganze Wochen blieb und doch keine Langeweile fühlte. Es war eine schöne Zeit, und ich glaube, sie war nicht verloren. Wenn es zwischen den verschiedenen Pflichten, die d<=m Menschen obliegen, auch eine gibt, seine Zeit so nützlich als möglich zu verbringen, dann gibt's wohl nichts Nützlicheres und Schöneres, glaube ich, als in der Diligence übjr die breite gerade Reichsstrasse zu fahren. Man sieht Gottes herrliche Welt mit ihren Bäumen, Döifern, Feldern — nicht durch ein Fenster des Expresszuges, sondern so, wie man sie sehen soll, in aller Gemächlichkeit und Beschaulichkeit. Ich habe weder das Geld, noch die heilige Naivetät, noch die Kühnheit eines John Ruskin und verstehe, wie lächerlich es auch ist, mit der Technik, mit dem Eeiche des Stahls und Eisens zu kämpfen. Aber ich meine, es geht uns doch so wie der Dienerschaft, die sich zuweilen erlaubt, den Herrn auszulachen. Wir freuen uns im Stillen, wenn wir einmal in solche unschuldige Erdenwinkel verschlagen werden, wohin der Pfiff und Dampf der Lokomotive noch nicht gedrungen sind, wo noch Thorakrone für die Synagoge Fasanenstrasse, angefertigt von der Firma H Meyen & Co., Berlin« (Zum Artikel „Die neue Synagoge", Seite 929'930.) *) Di^se Skizze ist dem Novellenband „Die liebe Provinz" von Sch. Gorelik entnommen, der demnächst im „Jüdischen Verlag'•, Berlin W 15, erscheinen wird. Sie zeigt uns, dass das jüdische Leben in'Russland keineswegs den landläufigen Vorstellungen entspricht. Statt des beschränkten Lebens armseliger, verachteter ,,Ghettoj"den" stossen wir auf alle Spören reger, geistiger Kultur. Die Leute mühen sich, ebenso mit Problemen ab, wie nur irgend welche Westeuropäer Die Schilderung verrät psychologischen Blick von seltener Schärfe und zeugt von starker Gestaltungskraft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.