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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 913 - 914

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
E. van Beever
Date
1912-10-01
Page
Seite 913 - 914 (sequence 2)
Language
German
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913 Karl Schwarz: E. van Beever. 914 er unter Leitung von A. Boom und Eduard Frankfurt, besuchte dann ungefähr drei Jahre die „Akademie Toor beeidende Künsten" und hielt sich später in verschiedenen Städten des Auslandes auf. In der Nähe von Amsterdam, in der Malerkolonie Laren, siedelte er sieh schliesslich an, gründete einen eigenen Hausstand und wurde am 20. Juni durch* jeine Lungenentzündung dahingerafft. Eine stille Kraft — und darin ein wahrer Sohn seines^ Volkes —, eine einfache, anspruchslose Natur mit liebendem Blick für die Schönheiten des alltäglichen Lebens, ein Freund der kleinen Leute, deren Tun und Treiben er beobachtete und zum Jnlialte seiner Schöpfungen machte, ein sorgfältiger und gewissenhafter Künstler mit zähem Fleiss und sicher gespannten Zielen — so. stellt sich uns das Bild dieses früh verblichenen Meisters dar. Seine Werke zeugen von scharfer Naturbeobaehtimg, von tiefem Studiinn. Jeder Farbenfleck wird durch seine Palette zu einem lebendigen Feuer entfacht, jedes Blättchen und jeder Stein gewinnt an beredter'Sprache und jede Person — mag sie noch sm bescheiden in den Hintergrund der gesamten Komposition tretet — wird zum Erlebnis, zum Künder eines Schicksals und zum Typus einer ganzen Gattung. Lud dadurch enthalten diese bescheidenen Bildchen einen gewichtigen Inhalt, sie wachsen aus ihren kleinen Formaten zu riesengrossen Dokumenten des Seins. Eine seiner besten Schöpfungen ist das Stiillehen, auf dem neben zwei grossen Wassermelonen ein holländischer Ingwertopf auf einem zerschlissenen Buche steht. Die graue Mauer des Hintergrundes wird durch ein naturalistisches Spiel belebt, da ein grosser Nagel aus dem Mörtel. ■ dessen Bänder abgefallen sind, her vorlügt. Altes Gemäuer, tot es Gest ein, wachgeküsst durch das Spiel der Sonnenstrahlen, dieses ruhige Leben und Wehen in der Natur lebloser Dinge, scheint auf «Ten Künstler einen besonderen Beiz ausgeübt zu 31 ab en. Die niedrigenH äuschen in Moll mit ihren weissget wicht en Mau ern strahlen die goldene Wärme der Sonntagssonne wieder*, blendend hell leuchten sie durch das duftige Grün der Laubbäume am Bande der stillen Strasse. 3u die ärmliche dumpfe Hütte, wo an der roh gezimmerten Bettlade die alte Frau in einem Sessel kauert, strahlt das helle Licht durch die kleinen Sdieiben 'und durchflutet den niederen Raum bis in die entlegensten Winkel, leuchtet dem Kranken auf seinem Lager und dringt bis in die Spalten des zerrissenen Fussbodens. Durch eine kleine Luke schleichen die'Strahlen über den Rücken der sich beugenden Alten, umtanzen den wie ein griesgrämiger Greis dastehenden Brunnen und klettern hinauf in das lückenhafte Sparrenwerk. Sie küssen das schlummernde Kind in der Wiege, überall treiben sie ihr lustiges, fröhliches Spiel und gesellen sich zu dem Feuer im Ofen oder dem flackernden Kohlenglimmen, dessen Rauch an dem alten Teekessel emporsteigt. In diesem stillen Naturleben bewegen sich auch die Gestalten in gemessener Ruhe. Niemals sind es mehrere Personen, die in gemeinsamer Aktion auftreten oder gar ein Gespräch führen. Beschaulich leben diese Einzelwesen ihr Dasein, ihre Tätigkeit spielt sich in stiller Zurückgezogenheit ab, sie sind in sich gekehrt und verraten uns nur wenig von sich. Und dennoch weilen unsere Augen mit gespanntem Interesse auf ihnen, denn sie zeigen sich in einer Umgebung, die uns unendlich mehr von ihnen erzählt als sie selbst könnten. Von Mühsal, Arbeit, Kummer und Mutterliebe künden diese Bildchen, sie reden eine einfache, eindringliche Sprache, die jeder: verstehen muss, sie sind aus dem Volke geboren und sprechen zum Volke; es ist eine Kunst, die in einem Lande entstanden ist, dessen gesamte Nation, vom Höchsten bis zum einfachsten Bauersmann, seit vielen Generationen zusammenwirkt und. lebt, wo neben dem Getriebe des Welthandels und dem Tosen des modernen grossstädtischen Lebens der einfache" Landmann sein Feld bestellt und der Fischer in seiner ärmlichen Hütte träumt, wo seit Jahrhunderten diese grossen Gegensätze friedlich nebeneinander bestehen und seit den Tagen des gewaltigen Freiheitskampfes die Kunst dieses Lied des Volkes in erhabenen Tönen kündet. Und van Beever war wieder einer von den vielen, die ihr Land mit dem Pinsel in ergreifenden Bildern schilderten. Er wurzelte mit seinem ganzen Können in diesem Boden und nutzte das Gut der Vorfahren mit seinem gediegenen Können und eifrigen Streben als ein junger Spross an dem altehrwürdigen Stamme. Da er mit diesem Gute zu schalten wusste, ist er — schon in jungen Jahren — seinem Volke lieb geworden; und wenn ein trauriges Geschick ihm ein so frühes Ziel gesteckt hat, so trauern wir mit seinen Landsleuten um den Verlust dieses Künstlers, dessen Lebenswerk ihm und seinem Vaterlande zu ehrendem Andenken fortbestehen wird. E. van Beever: Am Kamin.

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