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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 855 - 856

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Am Tor des Abends
Date
1912-09-01
Page
Seite 855 - 856 (sequence 2)
Language
German
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835 Arno Nadel: „Am Tor des Abends". 856 Menschheit — man könnte sagen: aus Egoismus — eben die Menschheit, das Menschliche in weitestem Umfange, gilt. Zlocisti ist eine feine, leise schwingende Seele, die sich von der leichten, regen, in tausend Farben schillernden Natur umgaukeln lässt, die, vielleicht weil sie dichterisch ist, nicht stark genug, um vom Judenleid sich härten zu lassen, mutigem Aufbrausen, flügellahmer Verzweiflung, aber auch tiefgrabender Liebe sich hingeben kann. Und so lassen sich die zwei Seiten seines Wesens gesondert betrachten. In zwei Gedichten ist es Zlocisti gelungen, seine reine, schauende jüdische Seele voll und voller Harmonie sich ergiessen zu lassen. Das eine „Sabbatanfang" ist älteren Datums; es fiiesst in lieber Melodie dahin, getragen von einer innerlichen, einfachen, inbrünstigen Stimmung, kein Wort ist zuviel, keins zu wenig. (,,Zünd" statt „Zünde" wäre vielleicht besser.) Das andere ist ein Bild, mit frommer Festigkeit gemalt; es heisst „Kol-Nidreu. Auch dieses ist aus einem Guss, ohne störendes Neben werk. Die beiden Gedichtchen, die ich als di°, vollkommensten lyrischen Gebilde des Büchleins bezeichnen möchte, mögen hier unsere Besprechung zieren*): Sabbatanfang. ---Der Abend sinkt---Du bist allein. Nun zündest du die Sabbatfeierkerzen Und flehst den Frieden in dein stilles Heim---- ---Ich haby den Frieden nicht. — Mutter! —--Zünde auch mir ein Sabbatlicht. Kol-]STidre. Du stehst verschattet wie ein Traum im Chor. Ergrautes Haar blickt unterm Häubchen vor. Das Buch der heilten Bitten hältst du fest Wie einen Schutzwall an die Stirn gepresst. Verbergen in dem Buch zwei Augen sich? . . . Weinst, Mutter, du? . . . — Du weinst um mich! Nicht so durchgehalten und in manchem konventionell, aber wegen einer Stelle besonders nennenswert ist das erste der beiden Gedichte: „Im Joch des Alltags", in dem von den Wonnen des Sabbats gesungen wird. Die schöne Stelle lautet: Du sabbatduft'ge, stille Feierstunde! Du kommst zu mir. Verschlossen ist das Gitter. Und grimmig belFn zwei dumme, zottge Hunde. Ich seh dich ott am Strassenrande warten. Diese letzte Zeile, in der der stadtgehetzte, den alten lieben Sitten entfremdete Jude den schamhaften Sabbat abseits stehen sieht, ist ebenso köstlich in der Anschaulichkeit wie in der Empfindung. Das darauf folgende Gedicht, das ebenfalls den besten beizuzählen ist, wendet das Motiv ins Allgemeine und stört die Einheit des voraufgehenden starken Gefühls. Diese Ziisammenkoppeiung spricht wieder für die Doppelnatur des Dichters, auf die wir bereits hingewiesen haben. Gedichte wie „Ruf" wären wohl stofflich hier zu nennen, als Kunstdinge aber stehen sie den zitierten weit nach. Die Gedichte rein menschliehen Inhalts sind voller Sehnsucht nach Ruhe und Frieden: immer wieder sehen wir den Sänger auf grauen nächtigen Pfaden wandeln, *) Am Tor des Abends. Theodor Zlocisti. Jüdischer Vorlag, Berlin. auf schwarzen Barken dem ewig-andern Strande zufahren, im Stürmte wände kühn daherkommen, um — „von einem edlen Holz zermorschte tote Aeste niederzuschlagen", oder am Waldesrande dem verscheidenden Tage nachsinnen. Ein Zyklus aber von vier Liedern, „Noemi-Mara" benannt, hebt sich aus all diesen Liedern hervor, um weit mehr als poetische Tageswerte geltend zu machen. Da wird ein äusserst zarter Vorgang ebenso keusch wie feinsinnig dem lauschenden Leser gewissermassen geopfert. Hier haben wir Gedichte vor uns, die auf ein bleibendes, anspruchsvolles Geriet übergreifen. Das tiefste und bedeutsamste des ganzen Bandes, ist das dritte: „Vor fremden Pforten". Hier ist ein seltsamer Inhalt seherisch festgebannt. Vor fremden Pforten. Vor fremden Pforten steht das Graun als Hort Und warnt dich — eh du eintrittst — zum Besinnen. Denn draussen bist du ganz du selbst, und dort Kannst neuen Weg du tausendfach beginnen. Im Dunkel hinter fremden Pforten wirst Du immer einen einzigen Weg nur finden. Dort draussen bist du deiner Freiheit Fürst. Des Dunkels Angst wird dich zum Sklaven binden. Das Tor steht zwischen dir und fremder Welt Und fremden Seelen, die Geheimnis bergen. Wer nur den Riegel in den Händen hält, Der löst die Deckel schon von schwarzen Särgen. ... Du zauderst, kämpfend mit der Fragen Tross Und hoffend doch auf ungewisse Gnade: Da fiel die Pforte — seufzend! — ein ins Schloss. Und seufzend ging ein Schicksal seine Pfade. . - . Ebenso bedeutsam ist noch das Gedicht: „Die andere Scholle", das aber leider nicht genügend standhält und namentlich am Schlüsse nur vom Verstand diktiert ist. Hingegen ist das Sinngedicht": „Kreislauf" als sehr gelungen zu bezeichnen, ebenso das letzte Gedicht „Abschied", dessen letzter Vers „Die Totenwache hält" lauten sollte. Da wir so vieles loben konnten, dürfen wir manches Schattenhafte nicht verschweigen. Nicht die Ungleichheit der Gedichte ist zu bemängeln, — welches Gedichtbuch hätte nur gute Gedichte! Und drei gute Stücke in einem Bändchen sind schon als Ereignis zu begrüssen —»sondern der Mangel an Konzentration in den weniger gelungenen. Vieles ist auf Kechnung eines bös orientalischen Einschlags zu setzen, so z. B. folgendes Bild: „Dein stilles Lächein glich mir einer Mauer, Um die des wilden Weines Reben ranken." Nicht mit den Augen der Wahrheit gesehen ist ferner „eine glitzernde Einsamkeit hinter dichten Rosenhecken." Auch das „Aelteln", wie Goethe es nennt, ist zu verwerfen, mag es in noch so schlichten Versen geschehen: „In einer grünen Lauben", „In meiner kosenden Matten" und „Jetzt kommt von meiner Zinnen". — Wie nannten wir Gedichte? Musik und Vergessen. Das sind sie, das sollen sie sein: durch nichts Gewolltes verdorbene Melodie und ein Dahinwandeln im lieblichen, unendlichen, heiligen Nichts. Daher niemand schwieriger Genüge zu tun ist, als dem, der echte Gedichte liebt, und daher unser aufrichtiger Dank jenen wenigen, die sie uns zu bieten vermögen, „Am Tor des Abends" fanden wir einige, die wir für immer mit uns nehmen wollen.

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