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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 843 - 844

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Elul
Date
1912-09-01
Page
Seite 843 - 844 (sequence 2)
Language
German
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843 Sch. Gorelik: Elul. 844 mit ich besser verstehe. Und ich fühle nicht den Hauch des Todes, sondern das Wehen des grossen Wissens, des grossen Leidens, der Müdigkeit Die Jaden müssen dem Herbst sich verwandt fühlen. Sind sie doch der älteste Zweig auf dem alten Baume der Menschheit, ein Volk mit Vergangenheit, mit so vielen? vielen Erinnerungen. Ein Volk, über das so viele Zeiten hinweggingen, muss von Herbstmotiven durchzogen sein: von der stillen Trauer des Welkens, von der grauen Sorge, von Kummer, Erfahrung und Dulden. Und ich bitte den jüdischen Dichter, die Herbstharfe in die Hand zu nehmen und mir von dem alten Volke zu singen, dem altergebückten: Von der alten, verfallenden Schur und von dem einzigen Grossen, der ihr irgendwo verblieb, undvon Allem, was welkt, untergeht und doch so schön ist. Und vom Monate Elul soll er singen. Ja, vom Monate Elul . . . Mehr als alle Monate liebe ich den Elul, das Vorspiel der ,,Tage der Furcht4', an denen der jüdische Geist sich so peinigt. Ich liebe sie, die schlichten Tage — Wochentage sollte man meinen — mehr als die Feste. Es ist soviel Schönheit und Stille in ihnen, ein Rüsten zum Wichtigen, Ernsten, das kommen muss, schon nahe ist, wartet. Heute ist's freilich nicht oft zu finden, höchstens in irgend einem entlegenen Städtchen, abseits von der Bahn, wo noch nicht das Grammophon den Schofar verdrängt, wo sich die alte jüdische Tradition noch eine Gnadenfrist erbeten hat, ehe sie für immer verschwindet. Aber meine Gedanken gehen in die Jahre der Kindheit zurück, da ich in den Elultagen den ersten Atem des Herbstes fühlte. Es ist alles so anders als sonst. Die Läden sind ja wohl offen. Die Leute gehen auf den Markt, fahren auf Jahrmärkte, man arbeitet und treibt Handel. Und doch, wenn man so recht zusieht, merkt man, dass die Schritte langsamer, die Stimmen leiser sind, wie wenn sie jemand zu beleidigen fürchteten. Und diesen Jemanden sieht man nicht. Man fühlt ihn nur. Er schwebt über den jüdischen Reihen dort in den alten jüdischen Städtchen — ein Geist, der in den Elultagen sie ernster, stiller, langsamer, melancholischer macht. Es hängt an den Tagen wie ein leichtes Wölkchen. Es ist keine schwere Sorge und doch eine Sorge. Man seufzt. Und still spricht der Jude zu sich, nur zu sich: „Schon Elul, schon bald Mitte Elul." Mein kleines, junges Hirn verstand damals noch nicht, was das bedeuten soll. Aber teh war beunruhigt. Und die Unruhe pflegte zu wachsen, wenn aus dem Nachbargässchen, in dem sich das Beth-hamidrasch befand, Schofartöne an mein Ohr drangen. Grossvater kommt aus der SchuF. Das Zusammenfalten des Tallis nimmt ihn länger in Anspruch als sonst. Er ist nachdenklich, ernst, geht in der grossen alten Stube auf und ab und summt eine chassidische Melodie. Tritt ans Fenster, zieht die Vorhänge auseinander, seufzt, und ich höre ihn sagen: „ Ach, schon Elul, schon bald Mitte Elul." Später rücken die Sslichoss-Tage heran; Die Gesichter werden noch verträumter, noch trauriger. Ich erinnere mich an das Aufstehen vor Sonnenaufgang. Grossvater führt mich durch die dunklen; Gässchen. Es ist schon kalt. Räder knarren irgendwo. Ein Tor geht auf und ein verschlafener Bauer stapft mit dem "Wassereimer zum Brunnen. In langer Reihe streben Fuhrwerke dem Markte zu. Grossvater geht schweigend* mit den Gedanken in einer anderen Welt. Plötzlich hustet er stark, lässt meine Hand los* und lehnt sich an einen Zaun. Ich stehe zitternd daneben. Aber ich bin zufrieden und dankbar, dass mich Grossvater aufweckte und zu Sslichoss mitnahm. In dem grossen Zimmer mif dem erdigen Fussboden, das als Beth-hamidrasch dient, sind schon die Lichter angezündet. Und durch die zwei kleinen Fenster erblicke ich die Beter in Werktagskleidern, aber in Feiertags-Andacht. Feierlich still senden sie die Gebete zu Gott empor, und ich denke, dass der alte jüdische Gott diese Gebete vor Sonnenaufgang mehr lieb haben muss als alle anderen. Stille, stille Gebete sind es, nicht wie an den furcht vollen hohen Festtagen, da die Juden schreiend ihren Gott gleichsam an den Rockschössen fassen und ihn nicht lassen, bis er ihnen vergeben hat. Nein, stille Gebete: Hilf uns, Herr, verlass uns nicht! So weich, so elegisch, so bittend klingt die Stimme der kleinen Beterschar. Nach dem Beten werden sie wieder auseinandergehen, in die Läden, auf den Markt, Weizen und Flachs zu kaufen. Aber anders als sonst werden sie aussehen, die kleinen Krämer. Eine Zigarette drehend, wird einer zum andern sagen: „Ja, so ist es. Schon Ende Elul, gelobt sei Gott.'* Und wird sich entfernen, ohne eine Antwort abzuwarten. Jahre, viele Jahre sind seitdem verstrichen. Grossvater ist gestorben; Das Beth-hamidrasch steht schon lange nicht mehr an der alten Stelle. Und ich gehe nicht mehr zu Sslichoss. Aber die Elul-Motive klingen in mir wie früher. Der Text ist ein anderer geworden? die Melodie dieselbe geblieben. Ich höre sie in allen Liedern, die bei uns gesungen werden, ich fühle sie in den edlen Tränen, die im Stillen vergossen werden, und in der Frage, die meine Freundin an mich richtet Warum ist's so traurig, so kalt und so finster? Warum schmerzt die Seele so? Ich habe ihr nichts zu antworten. Ich erinnere mich an die stillen Sslichoss-Tage von einstmals, an Grossvater, der über die grosse Stube ging, ans Fenster trat, die Vorhänge a^useinanderzog und traurig sprach: „Ach, schon Elul, bald Ende Elul/' Hilf uns, Herr 1 Verlass uns nicht. Wir' drängen dich nicht, wir bitten nur. Und bitten darf man doch ....

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