Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Zum Artikel "Seminardirektor Aron Horwitz"
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 2)
- Language
- German
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733 Zum Artikel „Seminardirektor Aron Horwitz". 734 Es wird dann gesagt: „Naive Einfalt und rührende Hilflosigkeit entwaffneten ihn nicht; er fühlte ihnen gegenüber nur seine brutale Ueberlegenheit, die niemals geneigt war, das Schwert aus der Hand zu legen. Die Folgen einer solchen Kampfesweise waren oft genug persönliche Entzweiung, Verfehmung und Verbitterung, welche die Kluft der Gegensätze erweiterte und vertiefte." Diese Charakteristik passt meines Erachtens auf Horwitz durchaus nicht. Wohl ist er ein Mensch von starker Leidenschaftlichkeit und zum Jähzorn neigend gewesen; und dass derartig veranlagte Naturen oft über das Ziel hinausschiessen, das sehen wir häufig im Leben. Aber „von brutaler Ueberhebung der naiven Einfalt und der rührenden Hilflosigkeit gegenüber" ist Horwitz nicht gewesen; er hätte dann nicht das gütige Herz besitzen müssen, das ihm zu eigen war; er hätte dann auch unmöglich der treu fürsorgende Vater seiner Zöglinge sein können, was doch niemand bestreiten wird. Wer brutale Ueberlegenheit zeigt, hat kein Gemüt; er kennt nur sich; und Selbstlosigkeit, wie sie Horwitz in hohem Grade besass, ist ihm fremd. Wohl erschien er infolge seiner starken Leidenschaftlichkeit oft schroff; aber die rauhe Aussenseite barg einen guten Kern und eine wohlwollende Gesinnung, die er sich bis an sein Lebensende trotz mancher herben Enttäuschung bewahrt hat. Es wird dann von den unter Horwitz's Amtsführung abgehaltenen Lehrerprüfungen gesagt: „Die Tage, an denen von den königlichen Räten das Examen abgenommen wurde, waren gerade keine rühmlichen; dass Männer, die gewohnt waren, auf ein festumrissenes Ziel loszusteuern, Horwitz keine Ruhmeskränze wanden, ist leicht zu begreifen." Darauf habe ich nur zu erwidern, dass nach aktenmässigem Ausweis in den ersten zehn Lehrerprüfungen bis zum Jahre 1872 von 67 in die Prüfung eingetretenen Zöglingen 15 mit Nr. 1, also „mit Auszeichnung" bestanden haben. Vom Jahre 1872 kamen nach den „Allgemeinen Bestimmungen vom L Oktober 1872" die Nummern bei den Zeugnissen in Fortfall. Bis Ostern 1881, in welchem Jahre Horwitz starb, haben sich dann 65 Zöglinge zur Prüfung gemeldet, von denen nur zwei diese nicht bestanden Haben. Diese aktenmässig feststehenden Resultate sind nicht anzufechten. Ich komme nun zu dem letzten Passus, weicher lautet: „Mit Horwitz, der dem Seminar ein festes Fundament gelegt, war auch die klassische Zeit der Anstalt für immer dahin." Obgleich diese Worte ein rühmliches Zeugnis für Horwitz sind, so darf ich, der ich an der Lehrer-Bildungsanstalt seit mehr als 32 Jahren wirke, sie nicht unwidersprochen lassen. Das Fundament des Baues, den Horwitz errichtet hat, wäre ein sehr unsolides gewesen, wenn mit seinem Tode „die klassische Zeit" der Anstalt für immer dahin gewesen wäre. Was Horwitz ersehnt und erstrebt, das Fortblühen und die Entwicklung seines Lebenswerkes, von dem er bis zu seiner letzten Stunde erfüllt und durchdrungen gewesen ist, hat sich erfüllt. Unter seinem Nachfolger sind die notwendigen Einrichtungen, die der Anstalt bisher noch fehlten, hinzugetreten, nämlich die Uebungsschule für die Lehrseminaristen, ferner die Präparandenanstalt. Und bei treuer Arbeit hat denn auch die Anerkennung der vorgesetzten Staatsbehörden nicht gefehlt, wie denn die Lehrerbildungsanstalt zu Berlin die einzige jüdische Anstalt ist, welche die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdient erhalten hat. Nicht unerwähnt soll auch bleiben, dass seit dem Jahre 1901 die Leiter der Anstalt den Amtstitel „Direktor" führen und dass seit April 1910 durch ministerielle Verfügung die Abgangsprüfungen in derselben Weise wie an den staatlichen Seminaren abgehalten werden. Dass bei einer derartigen Entwicklung von einem Vorübersein der klassischen Zeit nicht gesprochen werden kann, ist wohl ohne weiteres ersichtlich. Indem ich schliesslich noch einmal meine oben ausgesprochene Bitte wiederhole, gebe ich mich der Hoffnung hin, sie im Interesse der guten Sache erfüllt-zu sehen und bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener N. Rosenthal, Lehrer an der;Knaben-Mittelschule der jüdischen Gemeinde und Uebungslehrer an der Lehrer- Bildungsan stall. JURIJ PAEN. Von S. An-ski, Petersburg. Um die Hälfte des vorigen Jahrhunderts vollzog ging, und der systematischen Zerstörung der ^Iten sich ein Umschwung in der jüdischen schönen Lite- Prinzipien, machten sich diese Schriftsteller daran, ratur. Die romantische Schule mit ihren grandiosen Bildern, mit ihren überheroischen, meist biblischen Figuren und verschnörkelten „Melizo" verschwand und wurde von der streng realistischen Alltagsschilderung abgelöst. Mit dem Auftreten des grössten unter den jüdischen Künstlern des Ostens, Sch. Abramo - witsch (Mendele - Mäucher- Sphorim), bildete sich die realistische Schule, die im Laufe eines halben Jahrhunderts eine ganze Plejade Milieuschilderer hervorbrachte. Als Zeugen der radikalen Krisis, die im religiös kulturellen Leben des Judentums vor sich Jurij Pä'n, Witcbsk (Russland). in ihren Werken die Bilder des alten verschwindenden Milieus und die hervorragendsten Typen der aussterbenden Repräsentanten zu verewigen. Und es lässt sich nicht leugnen, sie haben ihre Aufgabe vollkommen gelöst. In den Werken von Dutzenden Schriftstellern dieser Schule finden wir .ein reiches, allseitiges Abbild des Lebens des alten Judentums, eine ganze Galerie von Typen ihrer Repräsentanten und ideeller Leiter. In einer Reihe und gleichzeitig mit diesen Meistern der Feder traten auch einige Meister der Palette auf, die zu derselben realistischen Schule