Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Das Judenelend in Galizien
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 717 - 718 (sequence 1)
- Language
- German
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717 718 REVUE DER EREIGNISSE. Das Judenelend in Gal zien. Unstreitig gehört Galizien zu denjenigen Ländern, in denen das Schicksal den Juden am schlimmsten mitgespielt hat. Gewiss werden die galizischen Zustände, was Rechts- und persönliche Unsicherheit der Juden betrifft, von den russischen und rumänischen noch überboten. Aber — abgesehen davon, dass es auch kein besonderes Vergnügen ist, sich die österreichische Verfassung von den polnischen Machthabern des Landes fortwährend wegeskamotieren lassen zu müssen — der galizische Rekord liegt eben auf anderem Gebiete, auf dem wirtschaftlichen. Es gibt wohl kein zweites Land, in dem so viele Juden so elend leben wie in Galizien. Von den neunmalhunderttausend Juden Galiziens gehört mindestens die Hälfte zu den sogenannten Luftexistenzen, während sich der Rest auf eine verhältnismässig dünne Schicht Wohlhabender, eine etwas breitere Schicht mittlerer Kauf- Jeute und auf eine Masse verteilt, die vom Zwerghandel und zwerghaftem Handwerksbetrieb lebt. Um das Unglück voll zu machen, ist in diesem Jahre noch eine besonders heftige Kreditnot aufgetreten, der eine ganze Menge mittlerer Geschäftsbetriebe zum Opfer fiel. Das jüdische Elend in Galizien hat schon viel jüdische Köpfe und Herzen beschäftigt. Es ist schon viel aufgewendet worden, um eine Besserung der Verhältnisse anzubahnen, — leider immer mit schwachem Erfolg. Es scheint, dass man eben Lehrgeld bezahlen musste. Nun entstand im vorigen Jahre in Galizien selbst ein Verein, dem die Vertreter der verschiedensten jüdischen Parteien beitraten und den sie programmatisch ,,Selbsthilfe" nannten. Aber ein Jahr verging, ohne dass etwas geschah. Teils waren es die heimtückischen Quertreibereien der Machthaber, teils Uneinigkeit und Eifersüchteleien im Vereine selbst, die die Tätigkeit lähmten. Der an sich gewiss einzig richtige und dauernden Erfolg versprechende Gedanke der „Selbsthilfe" erwies sich als verfrüht. Um so erfreulicher und anerkennenswerter ist es, dass das jüdische Ausland noch einmal einsprang, und zwar geschah dies auf einer Beratung, die der Verein „Selbsthilfe" nach Frankfurt a. M. einberufen hatte und an der sich die Vertreter der grossen jüdischen «Hilfsgesellschaften beteiligten. Auf dieser Versammlung wurden wichtige Beschlüsse gefasst, die die Unterstützung der bestehenden, sowie die Gründung neuer Kreditkassen und den Bau von Häusern mit billigen Wohnungen betraf. Die Hilfsgesellschaften gaben bündige Erklärungen bezüglich der hierzu nötigen Gelder ab, namentlich verpflichtete sich die Ica zu einem Darlehn von sechs Millionen Kronen. Gewiss ist damit die wirtschaftliche Frage des galizischen Judentums nicht gelöst. Aber es ist ihm wenigstens wieder etwas Zeit gegeben, sich den eigenen Weg zu bahnen. Und natürlich können auch nur die galizischen Juden die Mittel finden und anwenden, um den unqualifizierbaren Entstellungen der polnischen Oeffentlichkeit, die jede von aussen kommende jüdische Hilfstätigkeit in Galizien als „hakatistisch" bezeichnet, mit Erfolg zu begegnen. Die Tenitorialisten-Konferenz in Wien. In den letzten Tagen des Monats Juni hat in Wien eine grosse Konferenz der „Ito" („JewishTerritorial Organisation"), jener Organisation stattgefunden, deren eigentlichste Aufgabe es ist, für die verfolgten jüdischen Massen ein Territorium zu finden, in dem sie sich unter dem Schutze einer Autonomie kulturell und wirtschaftlich selbständig entwickeln können. Die von der Wiener jüdischen Gemeinde warm begrüsste Konferenz war gut besucht. Im Vordergrunde der Verhandlungen stand das Angola-Projekt, über das wir schon im vorigen Hefte berichteten. Herr Zangwill, der Führer der Territorialisten, gab ein ausführliches Referat, in dein er die Vorzüge Angolas hervorhob, andererseits aber auch seine Bedenken nicht verschwieg. Audi sonst kamen manche Details zutage, die das Misstrauen der Versammelten gegen das Projekt in seiner letzten Form noch befestigten. Der Eindruck war nun ganz allgemein, dass nicht nur die klimatischen Verhältnisse des Landes noch nicht genug aufgeklärt seien, sondern dass auch die portugiesische Regierung von einer Anerkennung der jüdischen Gesamtbevölkerung als eines wirtschaftlichen und kulturellen Rechtssubjektes doch noch viel zu weit entfernt sei. Demgemäss wurde eine von der Angola-Kommission selbst vorgeschlagene Resolution angenommen, gemäss welcher der portugiesischen Regierung der Dank ausgesprochen, zugleich aber auch erklärt wurde, dass das Projekt in seiner vom portugiesischen Parlament beschlossenen Fassung den Bedürfnissen nicht entspreche. Doch solle die Sache weiter verfolgt, die Verbindung mit der portugiesischen Regierung aufrechterhalten werden. Man kann sich natürlich zu den einzelnen Argumenten der Ablehnung verschieden verhalten — jedenfalls wird man aber zugeben müssen, dass der in Rede stehende Beschluss der Konferenz von einem lobenswerten Verantwortungsgefühl Zeugnis ablegt. Doch war nicht alles, was sonst auf der Konferenz vorging, in gleichem Masse erfreulich. Es wurde auch von anderen Territorien gesprochen, — von abgetanen, die genannt, und von noch nicht abgetanen, die nicht genannt wurden — aber man konnte trotzdem das Gefühl nicht loswerden, dass das gesuchte Land, vorläufig wenigstens, von keiner Weltecke her in Sicht ist. Ganz unerquicklich war die Organisationsdebatte, in welcher Zangwill, der den Standpunkt sozusagen einer Comite-Regierung ohne Volk für das Volk vertrat, mit jüngeren radikalen Elementen, die sich eine Parteibewegung nach dem Muster der zionistischen oder so ähnlich vorstellen, hart zusammenstiess. Wer in diesem Kampfe Sieger blieb, ist eigentlich nicht ganz klar. — Ob und inwieweit der Territorialismus berufen ist, Positives für die jüdische Gemeinschaft zu leisten, wird die Zukunft lehren.