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Ost und West · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 637 - 638

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Article
Der Übermadjar
Date
1912-07-01
Page
Seite 637 - 638 (sequence 1)
Language
German
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637 Revue der Ereignisse. 638 Der Uel>erinadjar. Das Attentat des ungarischen Abgeordneten Kovacs auf. den Parlamentspräsidenten Tisza hat überall Aufsehen erregt. Die Tat wird wohl allenthalben missbilligt, aber es ist selbstverständlich, dass diejenigen, die. mit der ungarischen Opposition sympathisieren, zu dem Täter selbst sich freundlicher stellen. Das kann niemandem übelgenommen werden. Ebenso wird man aber auch gestatten müssen, das Bedauern darüber auszusprechen, dass es gerade ein Jude sein musste, der die Tat beging. Sehr gut schreibt die „Neue Freie Presse": „. . . Er hat seinen Revolver dreimal abgeschossen mit dem Uebereifer eines Mannes, dessen Sehnsucht stets gewesen sein mochte, sich mit der politisch herrschenden Gentry zu verschwistern, zu der er nicht zählt. Er war vielleicht unbewusst von dem Stachel gequält, in der Klasse, in der er aufgehen wollte, nicht ernst genommen zu werden. Er wollte zeigen, dass er noch stärker sei, als sie, ein Uebermadjar, der freilich seinen nationalen Anspruch nicht aus den Tagen von Arpad herleiten kann. Deshalb hat er geschossen . . . Wir glauben, dass sich jeder selbstbewusste Jude dieser psychologischen Erklärung des hervorragenden liberalen Blattes, die einer scharfen Kritik sehr ähnlich sieht und sich mitunter wohl auch auf ausserungarische Vorgänge und Personen anwenden lässt, anschliessen kann. * * * Japaner und Juden. Eine ganz seltsame Nachricht kommt aus Japan. Man könnte sie kaum glauben, wäre sie nicht in den angesehensten japanischen Blättern zu lesen und hätte sie nicht von dort auch den Weg in die europäische Presse gefunden. Die Regierung und die gebildeten Klassen von Japan, auf der Sache nach einer neuen Religion, in der sich Volk und Intelligenz einigen könnten, ziehen nun auch die jüdische Religion ernsthaft in Betracht und Piüfung. Die Blätter widmen dem Thema lange Erörterungen, in denen sie die Vorteile und Nachteile des Judentums gegenüber dem Christentum und dem Islam aufweisen, und manche Stimme erhebt sich zugunsten des Judentums. Wer erinnert sich da nicht unwillkürlich an die grossen Glaubensprüfungen und Glaubensannahmen der Vorzeit auf russischem Boden? Zuerst an den ChazarenchaganBulan -im achten Jahrhundei t, der sich für das Judentum entschied und mit einem Teile seines Volkes zu ihm "übertrat. Dann wieder an den mächtigen Kiewer Grossfürsten Wladimir I., der Judentum und Islam verwarf und im Jahre 988 mit seinem ganzen Volke zu Cherson die Taufe nahm. Wer erinnert sich nicht, dass der erste Vorgang ohne bedeutsame Wirkungen auf Menschheit und Judenheit blieb, weil das Chazarenvolk spurlos im Getriebe der Weltgeschichte verschwand. Wer sagt sich aber anderseits nicht, wie anders die Welt und die jüdische Gemeinschaft aussehen würden, wenn Wladimir I. der jüdischen Religion den Vorzug gegeben hätte? Wir würden dann wohl zum mindesten nicht an der grossen russisch-jüdischen Frage kranken. Kiew, das Kiew Wladimirs I., wäre heute sicherlich nicht der klassische Schauplatz der Pogrome, der Ritualmordprozesse und der Wohnrechtsquä^reien. Solche Erwägungen sollten zum Nachdenken daiüber hinleiten, ob die jüdische Gemeinschaft recht daran tut, die interessante und interessierte Prüfung der jüdischen Religion durch die Japaner so passiv hinzunehmen, wie sie sie eben hinnimmt. Wohl kann man diese Gleichgültigkeit mit der alten stolzen und prinzipiellen Abneigung der Juden gegen allerlei Missionswesen entschuldigen, ja sie sogar als solche verherrlichen. Aber erstens waren auch die Juden zur Zeit des Chazarenchagans und Wladimirs I. vom jüdischen Geiste gewiss nicht ganz verlassen und gaben sich dennoch alle Mühe, um der jüdischen Religion günstige Entscheidungen zu erzielen. Und dann: Der Grund wäre ja noch annehmbar, wenn es nur wenigstens der wirkliche Grund wäre, und nicht ein anderer vorläge: dass nämlich die heutige jüdische Intelligenz vom Enthusiasmus für den jüdischen Gedanken und seine religiöse Form gar so gründlich und so wohlfeil emanzipiert ist. Es scheint etwas unangenehm, dies festzustellen, aber es lässt sich schliesslich nicht umgehen, wenn man von der neuesten japanischen Merkwürdigkeit spricht. ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IM LETZTEN MONAT. X*). Dem Journalisten Brasul-Bruschkowski ist es gelungen, die wahren Schuldigen in der Mordaffäre Juszczinski der Welt zu zeigen. Seinen Gewährsmann, den Kriminalagenten Krasowski, der dasselbe schon vor Monaten sagte, hat man damals aus der Untersuchung entfernt. *) Siehe „Ost und West" Heft 10, 11, 12 Jahrg. XI und He^t 1, 2, 3; L 5r 6 Jahrg. XII. Das antisemitische und offiziöse Blatt ,,Kiewljanin"' gab den Justizirrtum schon verschämt zu. Aber das Gericht ist nach langer, schweigender Ueberlegung anderer Meinung. Es leugnet, dass die enthüllten Tatsachen irgend welchen Wert haben, will keine neue Untersuchimg einleiten und hat das Enthaftungsgesuch des Beilis schlankweg abgelehnt, während es die wirklich Schuldigen in Freiheit lässt. Dagegen

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