Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Das Angola-Projekt
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 635 - 636 (sequence 1)
- Language
- German
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635 Revue der Ereignisse. €36 Das Angola-Projekt. Viele Leute wollen, dass die jüdische Emigration kontrolliert und reguliert werde, stehen aber Kolonisationsprojekten mit Misstrauen gegenüber. Andere wieder versprechen sich nur von Kolonisationsunternehmungen eine namhafte Verbesserung in der Lage der ostjüdischen Massen. Wieder andere legen das Hauptgewicht auf gewisse Gebiete und Länder. Trotz aller dieser scheinbaren Gegnerschaft gibt es aber sicherlich Beziehungen zwischen den verschiedenen Ideenkomplexen, und es wird darum unter denjenigen, die sich für die jüdische Sache interessieren, wohl niemanden geben, den die neuesten Nachrichten aus Portugal kalt lassen. Je schlimmer die Meldungen aus^Russland lauten, desto verlockender ist die Aussicht, in verhältnismässig kurzer Zeit für bedeutende jüdische Massen Boden und Erwerb in Angola, der westafrikanischen Kolonie Portugals, zu finden. Vorläufig sind ja grundlegende Fragen noch nicht gelöst worden, wenigstens noch nicht für die Oeffentliehkeit beantwortet. Die Eignung des Landes in Hinsicht auf Boden, Klima und eingeborene Bevölkerung ist noch nicht festgestellt. Es ist auch noch nicht klar, woher die bedeutenden Mittel genommen werden sollen, die eine solche Ansiedlung im grossen Stil, wie sie offenbar die portugiesische Regierung, das portugiesische Parlament und das Komitee der ,,Jto" („Jewish Territorial Organisation") im Auge haben, erfordert. Ebensowenig ist deutlich, ob in der Judenschaft die Bedingungen für eine erfolgreiche Massenkolonisation in verhältnismässig rascher Folge und auf grösstenteils agrikultureller Grundlage gegeben sind. Zudem ist jenen, welche alle jüdischen Dinge vor allem vom Gesichtspunkte der jüdischen Geistes- Individuaiität betrachten, deren ruhige und selbstständige Entwicklung nach gewissen Erklärungen der portugiesischen Regierung nicht gesichert genug. Man wird sich jedenfalls und nach jeder Richtung hin vor überspannten Erwartungen hüten müssen. Allein das alles darf nicht hindern, die Angola-Sache mit Interesse zu verfolgen. Es muss ja dabei nicht soviel herauskommen, wie sich die unbedingten „Jtoisten" vorstellen, und kann doch manches Wertvolle geschaffen werden. Im übrigen sind manche Begleitumstände der schwebenden Verhandlungen darnach angetan, uns wenigstens mit einer gewissen moralischen Genugtuung zu erfüllen. Wir hören nicht nur, dass die hervorragendsten Politiker Portugals, u. a'. der Vorsitzende der Kolonial-Kommission und der Referent des auf Angola bezüglichen Gesetzprojektes, Marannen, d. h. Nachkommen der seinerzeit zur Taufe gezwungenen portugiesischen Juden sind und sich im Parlamente stolz zu ihrer jüdischen Abstammung bekannten. Wir erleben auch, dass das moderne Portugal offen und in edler Reue seine alte Schuld vor aller Welt bekennt. Als jüngst der Präsident der Deputiertenkammer die Kommission der „Jto", bestehend aus den Herren Teitel (dem bekannten letzten und jüngst pensionierten jüdischen Richter Russlands), Terlo und Rubinstein, empfing, sprach er die denkwürdigen Worte: „Wir, das junge Portugal, müssen die grossen Fehler gut machen, die unsere Ureltern damit begangen haben, dass sie die Juden aus dem Lande trieben. Davon haben beide Nationen zuviel gelitten. Und ich bin überzeugt, dass der Bund zwischen den Portugiesen und den Juden beiden Glück bringen wird" . . . Einmal werden ja^solche Worte auch in Russland gesprochen werden. Aber — wann? . . . Die ausgewiesenen Patrioten. Die Türkei ist nun einmal, und ohne provoziert zu haben, in einen Krieg mit Italien verwickelt, und da kann es ihr im Grunde niemand verargen, wenn sie, gereizt, erbittert und darauf bedacht, dem Feinde eins zu versetzen, die auf türkischem Boden ansässigen Italiener ausweist. Traurig, aber es muss wohl so sein, denkt sich ein Jeder, der die betrengenden Zeitungsberichte liest und ahnt nicht, dass ein sehr grosser Teil der Ausgewiesenen gar keine Italiener, sondern gute türkische Patrioten sind. Wie das zugeht? Ganzeinfach. Seit vielen Generationen leben tausende Juden zwar als italienische Staatsbürger im osmanischen Reiche, haben aber mit Italien soviel wie nichts zu tun, umsomehr aber mit der Türkei, die sie lieben und der sie ihre Dienste weihen. So ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass sie, ganz besonders in Saloniki, zu den Hauptstützen der jung türkischen, al&o der regierenden Partei gehören. Und dennoch . . . das verstehe, wer kanu . . . Es sei denn, dass man der jungtürkischen Partei insinuiert, sie lasse sich diese Massregel von der Volks- Stimmung mit einem gewissen Gefühle der Zufriedenheit abtrotzen. In der Tat sind ja auch in der letzten Zeit auf türkiseh-jüdischer Seile Drohungen aufgetaucht, dass man diesen Akt einer etwas seltsamen freundschaftlichen Dankbarkeit mit einer geänderten Stellung gegen die Jungtürken bezahlen werde. Im Zusammenhange mit dieser merkwürdigen Ausweisung türkischer Patrioten aus der Türkei gewinnt auch die Meldung Interesse, dass bei den jüngst stattgehabten Parlamentswahlen die jungtürkische Partei der Stadt Jerusalem (ausgerechnet Jerusalem!) drei Abgeordnete präsentierte, von denen sich zwei als exaltierte Judenfeinde bekannt gemacht haben. Der Protest der Juden half nichts; die arabischen Judenfeinde gingen mit den Stimmen der nicht jüdischen Bevölkerung durch, während der eine nicht judenfeindlicLe Kandidat nur mit Mühe und Not durchkam. Es ist tief bedauerlich, dass sich auch die Türken gegen die judenfeindlichen Stösse nicht widerstandskräftig genug erweisen — um so bedauerlicher, als ja ihre Glaubensbrüder, die Araber, an Judenhass schon lange keinem europäischen Volk etwas nachgeben.