Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7. Juli 1912. XII. Jahrg. HERMANI Zum 4. Von Rabbiner Dr. Max E Vier grosse Männer hat in dem kurzen Zeitraum von wenig über 100 Jahren das kleine Anhalt- Dessau dem deutschen Judentum geschenkt Moses Mendelssohn, Ludwig Philippsohn, Hajim Steinthal und Hermann Cohen. Der Jüngste in dieser stolzen Reihe, Hermann Cohen, darf am 4. Juli dieses Jahres auf siebzig Jahre eines reichen Lebens zurückschauen, voller Arbeit und voller Erfolge. Das jüdische Stilleben in dem Anhalt der dreissiger Jahre hat Steinthal in seinen reizenden Erinnerungen an die jüdische Volksschule und an die Synagoge in Gröbzig geschildert. In jener traulichen Atmosphäre jüdischen Lebens ist Hermann Cohen herangewachsen, das Kind eines frommen jüdischen Hauses. In seiner schönsten Gestalt ist ihm das Judentum dort entgegengetreten in unvergesslichen Eindrücken, Bachja's Herzenspflichten hat er damals schon bei seinemVater und Lehrer gelesen, und ,,das ergreifend schöne Buch" ist ihm Begleiter geblieben für's ganze Leben. Im Jahre 1857, eben 15 Jahre alt geworden, hat er dann das Rabbinerseminar in Breslau aufgesucht. Erinnerungen an diese Anstalt, „die vornehmste Bildungsstätte seiner Jugend",-die namentlich von tiefer Bewunderung für die Persönlichkeit von Zacharias Frankel, dem ersten Direktor, Zeugnis ablegen, hat er in dieser Zeitschrift (1904, S. 747) veröffentlicht, als das Seminar das Jubiläum seines fünfzigjährigen Bestehens feierte. Cohen ist dann nicht Rabbiner geworden. Als der Hirsch-Frankel'sche Streit über den Ur- J COHEN. luli 1912. chelb acher - Freiburg i. B. sprung und die Geltung der jüdischen Tradition losbrach, verliess er das Seminar. Er hat sich einem anderen Gebiete zugewendet und ist ein deutscher Philosoph geworden, ein Philosoph von hervorragender Bedeutung. Von Anfang an hat ihn in seiner ganzen Laufbahn eines ausgezeichnet, grosse Selbständigkeit des Denkens und zugleich festes Vertrauen zu seinen eigenen Gedanken. Dramatisch schildert er selber das geheime Bangen, das ihn beschlich, als er an dem ersten seiner grossen Werke an ,,Kants Theorie der Erfahrung" arbeitete. Wie ihm der Gedanke kam, dass die Angriffe auf Kant, wie sie damals gang und gäbe waren, diesen nicht treffen, wie dieser Gedanke zunächst noch von dem Glauben an das Ansehen der Zeitgenossen niedergehalten wurde, wie das Vertrauen auf Kant aber doch immer wieder lebendig in ihm wurde, und wie es ihm trotzdem „unglaublich erschien, dass Kant anders, im Grunde und Wesen anders verstanden werden könnte, als die stimmführenden Männer vom Fach ihn lehren und deuten." Aber er liess sich durch die eigenen Zweifel nicht irre machen im Vertrauen auf die Kraft und auf die Richtigkeit seines Denkens. Der damals Neunundzwanzigjährige ist dann wirklich Sieger geblieben im Kampfe gegen „die stimmführenden Männer vom Fache"; und zu denen gehörte in diesem Falle auch Artur Schopenhauer. Sein Werk hat eine Umwälzung in der Auffassung von Kantherbeigeführt und auf einem Umweg, durch die „Geschichte des Materialismus" von Friedrich Albert Lange, der sich im Urteil