Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Unter Proselyten
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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567 S. An-ski: Unter Proselyten. 568 mehr Vermögen haben, schicken ihre Kinder in die grossen jüdischen Städte, um dort in den Talmudschulen zu lernen. Den Juden von N., die sich recht kühl gegen sie verhalten, begegnen sie, als den Nachkommen der Erzväter und Erzmütter, mit grossem Respekt. Sie betrachten es als besondere Ehre, sich mit ihnen verschwägern zu dürfen. In N. selbst wohnt nur ein kleiner Teil der Juden Gewordenen". Wenn ich nicht irre, zählt die Sekte in ganz Russland ungefähr hunderttausend Anhänger. In naher religiöser Verwandtschaft zu ihr stehen die „Molokanen" und noch mehr die „Subotniki" (Sabbatarianer), die zusammen mehrere Millionen zählen. Die Hauptbezirke der ,,Juden Gewordenen" sind das Gebiet an der Wolga und der Kaukasus. An der Wolga gibt es eine ganze Menge von Proselyten - dörfern, im Kaukasus, insbesondere in der Gegend von Kuban,viele Niederlassungen von kosakischenProselyten. In eine dieser Kosakennied erlassungen kam vor acht Jahren zufällig der Naphtahändler S. aus Baku. Er erzählte den Leuten von der territorial istischen Bewegung, der er angehörte, und diese interessierten sich für die Sache so sehr, dass die ganze Niederlassung here.it war, mit Sack und Pack nach dem jüdischen Territorium zu übersiedeln, wenn ein solches nur gefunden werden sollte. Sie gaben dann dem jüdischen Verkünder der Erlösung ein Ehrengeleit, machten ihm einen Fackelzug, führten vor ihm eine „Dsigitowka" auf (eine Art Pferderennen), gaben Schüsse aus ihren Flinten ab u. dgh mehr. Vor zehn Jahren begann sich unter den Proselyten der Zionismus zu verbreiten. Das fing, wie das gewöhnlich schon so ist, mit einer Legende an. Einige Sätze aus einer Rede Max Nordaus, in denen die Worte „Donner und Blitz" vorkamen, waren zu ihnen gedrungen. Die Worte „Donner und Blitz" machten besonderen Eindruck auf sie. Man konnte damals in ihren Dörfern Reden wie diese hören: „Schon hat der Donner gekracht, schon hat der Blitz aufgeleuchtet. Die heilige Stunde ist da, der Messias kommt!" Als den Messias betrachteten sie natürlich Theodor Herzl. Es entstand das Gerücht unter ihnen, dass Palästina schon den Juden gehöre. Man müsse sich nur beeilen, dort Boden zu kaufen, damit andere nicht zuvorkommen. Sie schickten auch nach Bauernart Abgesandte nach Palästina aus. Als einige von diesen nach N. kamen, wandten sie sich an die Zionisten des Ortes und wollten gar nicht glauben, dass Palästina noch nicht den Juden gehöre. Trotzdem fuhr damals eine grössere Anzahl Proselyten nach dem Heiligen Lande ab und liess sich in den jüdischen Kolonien nieder. Ueber die Entstehung der Sekte wissen ihre Anhänger in N. recht wenig. Manche von ihnen glauben* dass sie von den Chazaren abstammen. Dagegen haben sie die Leiden, die ihre Eltern und sie selber für ihre Treue gegen die jüdische Religion erdulden mussten, noch in frischer Erinnerung. Sie hatten Todesstrafen, grausame Züchtigungen, Kerker, Deportation und mannigfache andere Verfolgungen auszustehen. Unter anderen Geschichten wurde mir folgende Legende erzählt: Einst fuhr Nikolaus I. durch die Gegend von Kuban. Aus einer der Niederlassungen kamen kosakische Proselyten, um ihn mit „Salz und Brot" und mit einer Thorarolle zu empfangen. Stramm standen sie da, aber die Mützen nahmen sie nicht ab. Als Nikolaus sie erblickte, rief er zornig aus: „Was für eine Verschwörung ist denn das? Wann nehmen sie die Mützen nicht ab?" Der Gouverneur des Kaukasus antwortete: „Kaiserliche Majestät! Es ist keine Verschwö rung. Sie dürfen die Mützen nicht abnehmen, sin* jüdischen Glaubens." „Was soll das heissen: Jüdischen Glaubens?" rief der Kaiser verwundert. „Wie ist denn das möglich, dass einer meiner Kosaken jüdischen Glaubens sein soll?" „Sie waren früher rechtgläubig und sind dann zum Judentum übergetreten," erklärte der Gouverneur. Als der Kaiser dies hörte, sprang er empört von seinem Sitze im Wagen auf, drohte mit geballten Fäusten und schrie, in schrecklichem Zorn: „Ich werde ihnen schon zeigen, den Hunden, den rechten Glauben zu verlassen! Sofort soll man sie alle, gross und klein, in Kett . . ." Er beendete aber nicht den Satz, sondern, sich jäh verfärbend, liess er sich wieder nieder, hielt sich an den Seitenlehnen des WTagens fest und sass eine lange Zeit in Gedanken versunken. Dann hob er den Kopf, sah lange die Thorarolle an und murmelte vor sich hin: „Das Herz der Könige und Fürsten ist in der Hand Gottes." Winkte und liess den Wagen weiterfahren. Er gab den Befehl, die Proselyten in Buhe zu lassen. Nur sollte man sie in eine entferntere Niederlassung überführen. Anfangs hatte er sie ja streng bestrafen wollen. Aber Gott hat es nicht zugelassen .... (Schiuss folgt.) LITERARISCHE RUNDSCHAU. Julien Weill, Zadoc Ka-lin (1839—1905). Paris (Felix Alcan) 1912. Der sympathischen Gestalt des verewigten Grossrabbiner« von Frankreich setzt sein Schwiegersohn Julien Weill in der vorliegenden Biographie ein würdiges Denkmal. Dasselbe stellt weit über seinen nächsten Zweck hinaus einen selbständigen Beitrag zur Geschichte des französischen Judentums im letzten Jahrhundert dar. Denn Zadoc Kahn repräsentierte nicht nur äusserlich, wie es im Charakter seiner Stellung begründet war, das französische Judentum, sondern verkörperte es auch in seiner grossen Persönlichkeit, an der alle Richtungen und Parteien mit gleicher Verehrung und gleichem Vertrauen hingen. In seinem ganzen Wesen lag etwas Gewinnendes und Versöhnendes, das die Fanatiker der extremen Richtungen entwaffnete, das die Vertreter der Geistes- oder Geldaristokratie zwang, ihren starren Kopf vor ihm zu beugen, das die armen russischen Juden von Paris zu ihm als zu ihrem Vater aufblicken liess. Zadoc Kahn war, was wohl von keinem anderen Rabbiner in gleichem Masse zutrifft, der populärste Jude seines Landes, hatte zwar vielleicht Gegner, aber keinen Feind in der so bunt zusammengesetzten Judenheit Frankreichs, und als er starb, gerade in dem Augenblick, da durch die Trennung von Kirche und Staat die hundertjährige Verfassung des französischen Judentums aufgehoben werden sollte, da sagten und fühlten alle, dass ihr unersetzlicher Führer ihnen genommen sei. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, Zadoc Kahn an der Stätte seines Wirkens kennen gelernt hat und ihm