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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 565 - 566

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Ein interessanter Stammbaum
Date
1912-06-01
Page
Seite 565 - 566 (sequence 2)
Language
German
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Die Mutter dieses Rabbi Simson hiess Miriam, sie war, wie einst Novella d5Andrea — eine sehr seltene Erscheinung unter den Juden damaliger Zeit — Professor, veritabler Professor, der Talmudwissenschaft natürlich. „Sie hielt viele Jahre hindurch, hinter einem Vorhang in einem besonderen Zelte sitzend, vor einer grossen Zahl gelehrter Hörer Vorträge über Halacha und Thosaphoth." Ihr Bruder war R. Perez aus Konstanz; der Vater war Rabbi Salomo Schapira (Speier). „Und von seinen Vorfahren, bis auf Raschi zurückgreifend, war die Thoragelehrsamkeit nicht gewichen." Mit diesem lapidaren Satz schliesst das kleine Manuskript. In knappen, schlichten Worten entrollt es vor uns die Wanderung einer jüdischen Familie in nahezu 700 jährigem Verlaufe, vom Oberrhein nach Wolhynien, dann über Wilna, Krakau, Lemberg, Frankfurt a. M. nach Amsterdam und Hannover. In vielen alten jüdischen Familien haben sich ähnliche „ Jichus-Briefe" erhalten. Es wäre verdienstlich, wenn die Besitzer, dem Beispiele des Herrn Julius Frensdorf folgend, sie der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten wollten. * * * Während ich die Korrektur dieser Zeilen mache, vernehme ich mit Schmerz, dass Herr Julius Frensdorf am ersten Schabuoth-Tage imAIter von 60 Jahren verstorben ist. UNTER PROSELYTEN. (Ein Tagebuchblatt.) Von S. An-ski, St. Petersburg. I. „Stefan!'* In der Tür erscheint ein bejahrter Bauer in einem abgenützten Pelzrock, eine alte Fellmütze unter dem Arme. Ein gewöhnliches Bauerngesicht, verbittert und abgeplagt, mit einem schüttern, fahlblonden Kärtchen. Demütig und gehorsam bleibt er stehen. Er ist ein Knecht bei meinen Bekannten im Städtchen N. an der Wolga, zu denen ich für einige Tage auf Besuch gekommen war. Ich sehe ihn mir genauer an und bemerke einige eigenartige Züge. Seine Demut ist nicht die übliche äusserliche des Knechtes, vielmehr eine tiefere, innerliche, die aus den Augen strahlt, im ganzen Körper sich ausdrückt. Der Kopf ist ein bisschen nach einer Seite geneigt, die Haltung gebeugt, aber nicht wie unter einem schweren Joch. „Stefan, gehst du morgen früh ins Bethaus?" fragt die Hausfrau. „Sollte natürlich gehen ... Wie denn anders? Ist doch Sabbat/' antwortet er leise, indem er die 331icke erhebt. Eine echt jüdische, tiefe, gottesfürchtige Demut spricht aus ihnen. Ich wundere mich nicht darüber, dass Stefan mit Bethaus und Sabbat zu tun hat. Denn ich weiss schon, dass Stefan — ein Bauer aus dem Gouvernement Saratow — zur Sekte der „Juden gewordenen4' (,,Judeistwujuschzie") gehört. Die sich selbst „1 Voselyten"' nennen und für wahre Juden halten. Stefan dient schon zehn Jahre bei meinen Bekannten, und diese haben mir viel von seiner Frömmigkeit und tiefen, naiven Ergebenheit für das Judentum erzählt. Jetzt hat ihn die Hausfrau gerufen, um ihn zu bitten, dass er mich morgen, am Sabbat, in das Proselyten- Bethaus führe. „Ich höre!" antwortet Stefan mit der üblichen kurzen Dienerphrase, streift mich im Vorbeigehen mit einem freundlichen Blicke und geht still hinaus. II. Von der Sekte der „Juden Gewordenen" hatte ich so viel wie nichts gewusst, ehe ich nicht mit ihren Anhängern in N., deren es da einige hundert Familien gibt — gewesenen Bauern aus dem Gouvernement Saratow — zusammentraf. Sie sind durchaus arme Arbeiter: Fuhrleute, Handwerker, Marktkrämer, leben still und ordentlich, betrinken sich nicht und beobachten die jüdischen Religionsgesetze und -brauche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit. Sie haben ihre eigenen Bethäuser und Schulen, ihre eigenen Lehrer und Schächter. Diejenigen unter ihnen, die etwas

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