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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 535 - 536

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Das vergessene Rumänien
Date
1912-06-01
Page
Seite 535 - 536 (sequence 2)
Language
German
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535 Revue der Ereignisse. 536 auch in Rumänien. Und noch andere dazu, die nicht sein können, wo noch ein Recht von Staatsbürgerschaft besteht. Furchtbar sind die Leiden der rumänischen Juden. Furchtbar die Verwüstungen, die die Grausamkeit der Machthaber im geistigen und sittlichen Leben der rumänischen Judenheit angerichtet hat, wiewohl sich diese im ganzen noch wacker hält. Und sehr aufrichtig hat jüngst ein rumänischer Deputierter im Parlamente gesagt: „Ich denke, wir haben die Juden schon genug beschränkt. Es bleibt uns nun nichts mehr zu tun übrig, als sie aus dem Lande zu jagen ..." Es wäre an der Zeit, auch diesem zweiten Ehren- Schauplatz europäischer Zivilisation erhöhte Aufmerksam keit zu z uwenden. * * * Und wieder die „Times"* Es war ja vorauszusehen, dass die Proteste der namhaftesten Intellektuellen der verschiedenen europäischen Länder gegen die Rlutbeschuldigung die massgebenden kreise in Russland nicht angenehm berühren werde. Namentlich die Kundgebungen aus den verbündeten Staaten Frankreich und England waren recht unerwünscht. Darum erhielt auch die offiziöse „Kossija" den Auftrag, die grosse Pariser Protestversammlung als eine Zusammenkunft entsprungener jüdischer Sträflinge, die schlimmere Verbrecher als die Apachen seien, hinzustellen. Mit der feierlichen Erklärung der englischen Intellektuellen, — unter ihnen der Spitzen der Geistlichkeit, der Richterschaft und der literarischen Welt — konnte man allerdings nicht so bequem fertig werden. Da mussten schon der erprobte russische Generalkonsul in London, Baron A. II e y k i n g , und seine gefügige Willensvoilstreckerin, die „Times"'', in Aktion treten. In einer Zuschrift an sein Organ bezeichnet der Herr Baron den Protest der englischen Intellektuellen als einen \ ersuch, die englische öffentliche Meinung gegen Russland aufzuhetzen. Die Beschuldigung des Ritualmordes richte sich nicht gegen die jüdische Gesamtheit, sondern gegen eine geheime jüdische Sekte, der Beilis vermutlich angehöre, und die ,,die tahmidische Lehre zum Extrem des Ritualmordes fortgebildet hat". Es bat eigentlich keinen Sinn, über die unerhörte Beleidigung der Juden, die in dieser „Einschränkung" der Beschuldigung liegt, noch Worte zu verlieren. Höchstens verlohnt es sich der Mühe, darauf aufmerksam zu machen, dass hier von einer offiziell russischen Stelle der Beilis-Prozess als eine Rituahnord-Affäre anerkannt wird, während man in Russland selbst das Ritualmordmotiv iiusserlich aus dem Verfahren auszuschalten sich bemüht, um die Verteidigung zu schwächen. Im ganzen muss man dem Baron Heyking Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er tut, was er kann und als Vertreter des heute in Russland herrschenden Systems nun einmal muss. Was soll man aber zu den „Times" sagen, die immer tiefer und tiefer in — die Arme Heykings und seiner Auftraggeber sinken? Dass sich die Mehrheit ihrer Aktien in russischen Händen befindet, und dass sie sich den Russen ergaben, weil sie an Abonnentenschwund zu leiden begannen — ist eine Erklärung, aber auch eine fürchterliche Anklage. Wahrlich, der Herausgeber der „Times" hatte recht, als einziger unter den Vertretern der grossen englischen Tageszeitungen die englische Protestkundgebung nicht zu unterschreiben. Der geistige Adel Englands war keine Gosel 1 scha ft fü r^ilm. ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IM LETZTEN MONAT. IX*). 1 )er Gouverneur von Nisclmi-Nowgorod, Chwostow, protestierte gegen den Besch huss des Messe-Komitees, wonach der Moskauer Jude Raitz das Recht erhielt, auf dem Marktplatz einen Laden zu errichten. Der Gouverneur begründete seinen Protest damit, dass der Marktplatz von Nisclmi-Nowgorod — Dorfrechte habe, daher ein Jude dort keine unbeweglichen Güter erwerben dürfe. — Das Ministerium des Innern wird in der Sache zu entscheiden haben. * * * Die Methode des Gouverneurs von Jekaterinoslaw, die Dauern zu befragen, ob sie ihre Juden hei sich behalten wollen, fand bereits bei den Gouverneuren von Grodno und Gherson Nachahmung. Man presst und hetzt die Bauern zu ungünstigen Meinungsabgaben. Wo dies aber nicht durchzusetzen ist — und das ist doch noch immer die Mehrheit der Eälle — setzt man sich einfach über ihren AVillen hinweg. Gegenwärtig stehen 3000 jüdische Familien in Dörfern des Grodnoer Gouvernements vor der Ausweisung. Im Dorfe Wassilowka, Ghersoner Gouvernement, beschlossen die Bauern den Juden Kosinski auszuweisen, wenn er nicht jährlich 100 Rubel für die Gemeindebedürfnisse zahlen werde. =* * * Im Dorfe Dombrowo in Russisch-Polen wurden 700 jüdische Familien von der .Ausweisung betroffen. Bis vor kurzem wurden die die Juden aus den Dörfern ausschliessenden Gesetze in Russisch-Polen nicht praktiziert. * * * *) Siehe Ost und West Heft 10, 11, 12 Jahrg. XI und Heft 1, 2, 3, 4 und 5 Jahrg. XII. Die Stadt-Duma von Sebastopol bemühte sich um die Erlangung des zeitweiligen Wolmrechtes

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