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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 533 - 534

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Sie sollten sich schämen
Date
1912-06-01
Page
Seite 533 - 534 (sequence 1)
Language
German
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533 534 REVUE DER EREIGNISSE. Sie sollten sich schämen. Eine ganz merkwürdige Entscheidung hat sich der Senat der Wiener Universität geleistet. Er relegierte drei jüdische Studenten, weil sie jede Erklärungantisemitischer Studenten, dass Juden keine Ehre haben und daher satisfaktionsunfähig seien, mit einer Ohrfeige beantworteten. Nun braucht man ja gewiss kein Freund von Ohrfeigen zu sein, auch nicht an den „Ehrbegriffen''' der akademischen Kreise viel Gefallen zu finden, aber man nmss sich doch in die Lage der Wiener jüdischen Studenten versetzen. Sie wurden von den antisemitischen Studenten angestänkert, forderten sie, erhielten aber keine Satisfaktion. Sie wandten sich an den Senat. Der wollte nichts von der Sache wissen, das wären private -Angelegenheiten, ausserhalb der Universität, die kümmerten ihn nicht. Hierauf gingen die Studenten zu Gericht und suchten dort Schutz für ihre beleidigte Ehre. Er wurde ihnen aber auch von den Richtern — ehemaligen antisemitischen Studenten — verweigert. Erst da entschlossen sie sich zum letzten Mittel, zur Ohrfeige. Und einen solchen Akt fast der Notwehr, notabene ausserhalb der Universität begangen, bestraft ein akademischer Senat mit — Relegierung! I )erselbe Senat, der vor nicht langer Zeit antisemitische Studenten, die jüdische Studentinnen schlugen, straffrei liess! Männer der Wissenschaft, der deutschen Wissenschaft! Sie sollten sich schämen. . . . * * * Polen und Irland. Der Polenklub in der russischen Duma sandte anlässlich der Annahme von „Homerule" im englischen Unterhause an die irischen Abgeordneten ein Begrüssungstelegramm, in dem es unter anderem heisst: „Niemand kann besser als die Polen verstehen, wie gerecht Ihre Forderungen, und wie heilig ihre Ideale sind. Niemand kann sich mehr als die Polen mit Ihrem Triumphe freuen, der ein gleichzeitiger Triumph der allmenschlichen Ideale von Wahrheit und Gerechtigkeit ist." Nun hat man endlich den Schlüssel in der Hand, um auch die Polen zu verstehen: In Warschau, wo es mehr als 300 000 Juden gibt, die dort ein. fleissiges Arbeitsleben und ein bemerkenswertes selbständiges Kulturleben führen, fand ein jüdischer . Blumentag zugunsten jüdischer Krankenvereine statt. Darob ein fürchterlicher Spektakel in der polnischen Presse, die nicht ertragen konnte, dass Tausende jüdischer Blumenverkäuferinnen die Stadt durchzogen und hunderttausende Blumen, zuweilen auch an Christen, verkauften. Ja, wenn man Wahrheit und Gerechtigkeit zu wahren hat. . . . In einem westgalizischen Städtchen, Siendiszow, rief man den einzigen Arzt des Ortes, Dr. Gurko, nachts zu einer Frau, die in Geburtswehen lag. Er wollte nicht kommen. Man stellte ihm die Gefahr vor. „Kein Unglück, wird's eine Jüdin weniger auf der Welt geben/' antwortete er. Des Morgens um "MJhr, als schon äusserste Gefahr war, kam eine jüdische Frau Erbstein noch einmal zu dem Arzt, um ihn zum Besuche der Kranken zu veranlassen. Er empfing sie mit einer Ohrfeige und einem Stoss, von dem die Frau noch heute krank ist. Sie klagte. Die Verhandlung fand in Ropczyce statt. Der Richter sprach den Angeklagten frei und verkündete, — dass er die Anklägerin wegen nächtlichen Ueberfalls auf den Arzt der Staatsanwaltschaft anzeigen werde. . . . Ein Lemberger jüdisches Tageblatt, das den Fall besprach, wurde konfisziert. ... Es geht doch wirklich nichts über die all mensch liehen Ideale von Wahrheit und Gerechtigkeit. * * * Das vergessene Rumänien. Bekannterrnassen hat der Berliner Kongress des Jahres 1870 dank den Bemühungen Lord ßeaconsfiekls, Rumänien die Unabhängigkeit nur unter der Bedingung gewährt, dass es allen seinen Bürgern die Gleichberechtigung gewähre. Rumänien entzog sich diesem Auftrag dadurch, dass es die Juden als Fremde erklärte. Bei dieser Auslegung liess es sich, wie man erzählte, durch ein Memorandum von jüdischer Seite helfen, in dem ausgeführt war, dass die Juden keine Rechte verdienen, weil sie aus Oesterreich und Russland zugelaufene Fremde seien. Dieses Memorandum, das man bisher für legendär hielt, hat sich jetzt als geschichtliche Tatsache erwiesen. Zwei junge jüdische Journalisten Kossen nämlich eine Broschüre erscheinen, in der sie dreizehn angesehene jüdische Männer als Verfasser jenes Memorandums nannten. Darauf erhob einer von diesen dreizehn, der noch am Leben ist, Bresciner in Bukarest, Anklage gegen die beiden Journalisten. Doch wies sein Anwalt nicht etwa die Beschuldigung der Angeklagten mit Entrüstung zurück, sondern gab den Tatbestand zu und stellte sich nur1 auf den Standpunkt, dass die Verfasser des Memorandums nichts Unrechtes getan, vielmehr patriotisch gehandelt hätten. . . . Natürlich kann das Urteil des rumänischen Gerichtes, das den einen der beiden Journalisten zu einem Monat Gefängnis verurteilte, den verehrlichen Herrn Bresciner und seine toten Genossen für die Mit- und Nachwelt nicht umstempeln. Es kommt auch gar nicht darauf an, sich über derlei Leute zu entrüsten, — solche „Ausnahmemenschen" bat's leider immer und überall gegeben. Der Fall ist vielmehr durch das Urteil des Gerichtes interessant, hauptsächlich aber dadurch wichtig, dass er die rumänische Judenfrage, die man über Russland so leicht vergisst, wieder in Erinnerung bringt. In manchen Hinsichten ist die Lage der Dinge in Rumänien schlimmer als in Russland. Hier ist wenigstens die Staatsbürgerschaft der Juden nicht in Frage gezogen und man kann auf einen Wechsel des Systems hoffen, der auch die Lage der Juden bessert. Dort aber, in Rumänien, hausen hunderttausende Juden als Fremde, die nicht unter dem Schutze eines fremden Staates stehen" und auf die eine eigene, unmenschliche Fremdengesetzgebung zugeschnitten ist. Alle Beschränkungen, die es in Russland gibt, bestehen

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