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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 531 - 532

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die Ideal-Büste Spinozas
Date
1912-06-01
Page
Seite 531 - 532 (sequence 4)
Language
German
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531 Arno Xadel: Eine Ideal-Büste Spinozas. 532 nun von einer Ideal-Büste. Und so mögen die Gelehrten entscheiden, ob dieses Bildwerk dem irdischen Spinoza entspreche oder nicht. Wir jedoch wollen uns vor das Kunstwerk als Geniessende, als Lernende hinstellen und lesen und deuten, wie es uns und der vor uns blühenden Wahrheit gegeben ist Der Zauberer, der die Führung übernimmt, der weise Verwandlungskünstler, ist der Schatten. Umflort er die Augen und die linke Wange, dann haben wir eine Schmerzensgestalt vor uns, Spinoza, wie er tiefinnerlich weint und leidet. i,0", sprechen die hoch erhobenen Augenbrauen, „was sehe ich vor mir! Die Menschen sind schuldlos wie das Gras, wie das Tier, und leiden mehr, als die Gottheit zu sinnen imstande ist." Der geschlossene, wundervoil geschwungene, schmale, unsinnliche Mund schliesst sich machtvoll vor den Ausgeburten des Bösen in der Welt, er vermag nichts gegen den Geist des Dunkels, der durch Nachtgespinste das herrliche Antlitz des Denkers verdüstert. Jetzt aber schwinden die Irrwische, das Licht flutet auf das geisterhafte Gesicht, legt es vor uns in seiner wunderbaren bleichen Nacktheit bloss. Wir sehen ein übermenschliches Wesen, zeugenden Sinn überall, das ganze Gesicht: Auge. So blickt es allerorten auf uns, so empfinden wir in einsamer Natur oder in menschenfremder Entrückung die lebende Materie, den flutenden Gott in allem. Nun stellen wir uns zur Seite, und siehe da: der Geist hat sich mild verwandelt, er sieht mit heiligem Ernst in die Ferne. Wie menschlich er ist! Wir erblicken Pupillen, wir sehen eine fein-höckrige, starke Nase, die auf hohe Empfänglichkeit schliessen lässt, das zarte Profil des Mundes, dem auch Süssestes entströmen mag, das köstliche Kinn, wie ein teures Schmiedewerk in vollkommener Schönheit gebildet. Wir treten wieder zur Seite, sodass wir einen Teil der rechten Wange wahrnehmen, — und das Mitleid, die Erhabenheit, die Strenge und die Milde vereinigen sich zu einem gütigen Denken in einem grossartigen Naturkunstwerk, in einem unvergleichlichen Gefäss, das wir mit dem vielsagenden Worte Haupt bezeichnen. Das ist wahrlich ein Haupt, ein Haupt-Werk, ein Werk, in dem das Wichtigste, das Still-Geistige, das letzte Leben, das Untragische, sich vollzieht. Von hier aus zeigt sich auch die prächtige Lockenumwallung, die an die Göttergestalten der Griechen erinnert. (Die grosse Stirnlocke würde man allerdings gern missen. Der Künstler täte gut, sie im Marmor fortzulassen; die Stirn käme dann als unbewölkter halber Himmel zu weit schönerer Geltung, und die Weichheit, die infolge der vielen vorhandenen Rundungen und der zu zarten Behandlung des Fleisches der Plastik nicht mangelt, würde dann nicht unterstrichen erscheinen.) Und wie dieses Bildwerk all dies in sich einschliesst, all dies wonnig jedem Bittenden hergibt, sehen wir in ihm nicht nur die äussere und innere Form einer einzigen, bestimmten Gestalt. Wenngleich wir in ihm die besten authentischen Darstellungen Spinozas zu einem echtesten, äusserst ähnlichen Porträt des Philosophen vereinigt sehen, finden wir in ihm vor allem auch denjenigen, der ein Leben lang an ihm wie an keinem anderen Denker sich erbaut hat, — Goethe. Namentlich in einer Wiedergabe des halbfertigen Kopfes und vielleicht noch mehr im Profilstück erkennen wir die Züge des weisesten deutschen Dichters. Wrer aber den Künstler darauf hinweisen wollte, dass das werdende, sich formende Leben nur die Gestaltungen der Vergangenheit durchfahre, der möge sich damit trösten, dass in jedem bedeutsamen Kunstwerke das Unbeschreibliche getan ist. Wer weiss weniger von Zeit, wer vereinigt die Zeiten mehr als der Künstler. Fragen wir uns nun, was diesem packenden Werke seine Eigenart verleiht, so gelangen wir bald zu folgendem bereits angedeuteten Ergebnis. Das Lebendige des Steines ist es. Von dem in Abbildungen glücklicherweise erhaltenen Entwürfe, in dem das Blut des Geistes geradezu ins nahe Urelement sich ergiesst, in dem die Verwandtschaft der scheinbar rohen Materie mit dem lebendigsten Leben offenbar wird, so dass wir einen Augenblick ins Chaos zu blicken meinen, von diesem einzigen Entwurf, das ein Kunstwerk für sich darstellen würde, ist das Leben fast unmittelbar in das vollendete Bildnis hinübergeflossen. Und ist es die tiefste Sehnsucht aller Künstler, das Spielerische, das Ziermässige der Kunst, vergessen zu machen, Kunst, Religion, Religion durch Kunst Leben werden zu lassen, so haben wir hier eine unter günstigen Umständen entstandene Arbeit vor uns, die die restlose Erfüllung des Angestrebten darbeut. Spinoza werden wir nunmehr nie anders als durch Wienbrack sehen. Den Bildhauern aber, die grosse Männer bilden, die Denkmäler schaffen wollen, wird aufs neue klar werden, dass nur das vollkommenste, das sogenannte ideale Leben, das einzige wahrhaftige ist.

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