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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 525 - 526

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die Ideal-Büste Spinozas
Date
1912-06-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 1)
Language
German
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525 526 EINE IDEAL-BUESTE SPINOZAS. Von Arno Xadel. Als Georg Wienbrack, einjungerdeutscherBild- Genien bewacht und gefördert, dass es ja die hauer der Gegenwart, Constantin Brunners Schrift Gestalt annehme, die ihm gebührt, dass es form- ,,Spinoza gegen Kant1' las, aus welcher er erfuhr, wie es jenem heiligen Manne erging, der von seinen Glaubensgenossen als Ketzer geächtet und verflucht, von den Andersgläubigen als „der verruchteste Teufel", als der „degenerierte Jud" angespieen ward, der aber, nachdem er wie ein vollendet, rund und dennoch sprühend wie alles Ewige, dem Auge sich zeige. Ein schönes, edles, geist- und kraftstrotzendes Werk mehr ist in der Welt. Wenn wir vor unseren Abbildungen das rein Technische, die Form überhaupt, bedenken, drängt toter Hund in einer toten jungen Zeit dagelegen, sich uns vorerst unwiderstehlich die Idee auf, dass als nie erlöschender Geist in reinen, mutigen ein Bildhauerwerk bei all seiner Beschränktheit und guten Geistern wieder auflebte, sich erhob und über die armselige Welt leuchtete, da trieb es ihn hinzu seinem Lehrer, zu Brunner. Er lief in die Nacht hinaus, zu dessen Wohnung. Die fand er verschlossen, da die Insassen verreist waren. Da trieb es ihn nach der Bank hin, am gespenstisch - lieblichen See, wo sein Lehrer zu sitzen pflegt. Und da rang es in ihm nach Luft, nach Schöpfung, nach Geschaffenem, nach dem Stoff, der alles in sich birgt; er weinte, er heulte, er schaute sich um nach Gott und Teufel, um mit ihnen zu rechten, zu kämpfen, und endlich machte er sich auf, jagte einem lebendigen Gedanken gleich nach seiner Werkstätte, packte da einen Tonklumpen und wühlte und knetete in ihm und holte aus der Materie Stück für Stück die Seele heraus, mischte Geist und Liebe bei und sprach immer wieder: ich will dich bannen, ich will dich bannen, und grub sich mit seinen Händen in den 'Ion hinein, als wäre er sein eigen Herz und — als die Sonne die ersten sanften Strahlen zu den wachenden Fenstern der Menschen sandte, da stand wohl vor einem halbtoten Künstler sein Werk etwa in der Form da, wie wir es in der ungeglätteten, furchtbar , und milde dreinblickenden grossen Skizze vor uns haben. — Diese ewig sentimentale, ewig erhabene Fabel spielte sich also, wie es in der Ordnung ist, tatsächlich ab, ein neues Bildwerk war - für alle Zeiten geschaffen. Und es wurde von guten GEORU AVIEXBKACK. Spinoza^ Büste. (Halbfertiger Kopf.) doch viel, viel mehr sei als eine Malerei; dass das Dreidimensionale dem Leben, welches wir als das Unendlich- Dimensionale bezeichnens können, näher stehe als das Flächenhafte. Der Spinoza Wienbracks ist ein ganzes Werk, einmal nur vorhanden; was wir jedoch hier vor uns haben, das sind viele Spinozas, viele Statuen. Aus jeder blickt uns ein anderes ganzes, leibhaftiges Werk an. Diese aber sind nur Ergebnisse der Wirklichkeit. Wenn wir nämlich vor dem Original unsere Stellung beliebig, oft kaum merklich, verändern, erhalten wir sofort ein anderes Kunstwerk. Und diese vielen Möglichkeiten sind es, die uns den ganzen Charakter des Dargestellten enthüllen. Wenn wir nur genug dichten können, das heisst, wenn wir von der jeweilig angeschauten Figur den nur ihr eignenden Gedanken abzuziehen vermögen, dann haben wir die trefflichste Lebensbeschreibung der abgebildeten Persönlichkeit geliefert, die aber unbeschadet * der Wahrhaftigkeit ein gut Teil der Seelengeschichte des Darstellers in sich hat aufnehmen müssen. Zwei Leben flössen zu einem neuen dritten zusammen, das höhere durch und durch organische Leben wurde zum. Sinnbild des Fleischlichen, ein Schatten-, ein Steinleben erstand, das aber dennoch alles wirkliche Leben überdauert und zu allem wirklichen Leben in immergleicher Anspannung redet, es über sich erhebend und veredelnd. Wir sprechen BERLIW

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