Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6. Juni 1912. XII. Jahrg. DIE BERUFLICHEN UND SOZIALEN VERHAELTNISSE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND. Niemand wird von der Statistik der Weisheit letzten Schluss verlangen. Jeder kennt ihre Mängel und den hauptsächlichsten, dass sie durchaus nur auf dem Relativen beruht, sozusagen aus lauter Analysen besteht, kein Atom Synthese im Leibe hat. Und doch wird man sie bei ernster Betrachtung kaum unterschätzen dürfen — als eine nicht immer zulängliche, aber doch meist mit guten Absichten und auch sonst gut ausgerüstete Gehilfin des materiellen Wissenschaftsbetriebes einerseits und des praktischen, wegsuchenden Lebens andererseits. Als solche Gehilfin ist sie auch für die jüdische Gemeinschaft, die ja unter den verschiedensten Lebensbedingungen geradezu von Frage zu Frage geworfen wird, von grosser Bedeutung. Es ist das Verdienst des Bureaus „für Statistik der Juden'', dies erkannt und demgemäss eine umfassende statistische Arbeit eingerichtet zu haben, die in den Veröffentlichungen des Bureaus gipfelt. Durch die letzte Veröffentlichung — „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland" von Dr. oec. publ. Jakob Segall*) — hat es sich aber'ganz besonders den Dank der deutschen Judenheit verdient. Es ist ganz selbstverständlich, dass eine Untersuchung der beruflichen und sozialen Verhältnisse irgend einer Bevölkerungsmasse vor allem auf deren Bevölkerungsbewegung Rücksicht nehmen muss. Denn wie verschieden auch für verschiedene Beobachter der Zusammenhang zwischen den beiden Gebieten im allgemeinen und in besonderen Fällen sein mag — die Tatsache irgend eines Zusammenhanges ist gegeben und einleuch- *) Verlag von Max Schildberger (Inhaber Arthur Schlesinger). 1912. Berlin W 62. tend. Daher hat Dr. Segall jedenfalls recht getan, die Untersuchung über die Bevölkerungsbewegung an die Spitze seiner Arbeit zu setzen. Wenn man sich die jüdischen Bevölkerungszahlen Deutschlands von 1871 bis 1905 ansieht, so ist auf den ersten Blick festzustellen, dass die jüdische Bevölkerung an Wachstum hinter der nichtjüdischen zurückblieb. Im Jahre 1871 machten die Juden noch 1,25, im Jahre 1905 aber nur mehr 1 Prozent der Reichsbevölkerung aus. Günstig waren die siebziger Jahre. Der wirtschaftlichen Entfaltung nach dem Kriege entsprach ein grösserer Geburtenüberschuss und ein starker Zuzug ausländischer Juden. Aber Ende der siebziger Jahre und in den achtziger Jahren trat, hauptsächlich infolge der wirtschaftlichen Depression, der Umschwung ein. Viele Tausende deutsche Juden, hauptsächlich Männer, wanderten aus. Der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung, der in dem Jahrfünft 1875—80 7,88 Prozent betragen hatte, sank in dem Jahrfünft 1880—85 in jähem Absturz auf 0.21 Prozent herab. Von der Mitte der neunziger Jahre ab trat dann wieder infolge der starken Zuwanderung ausländischer Juden eine gewisse Erholung ein. Aber die Zuwachsprozente blieben dennoch weiter ganz erheblich hinter denjenigen der Reichsbevölkerung zurück. So betrug der Zuwachs in den letzten zwei Jahrfünften vor 1905 bei dieser 13,59 und 7,58, bei den Juden nur 3,33 und 3,58. Daraus geht schon hervor, dass die neuere Zuwanderung die grosse Abwanderung während der achtziger Jahre nicht zu kompensieren vermochte. Und es wird dies noch klarer, wenn man die Auswanderer und die Einwanderer gegenüberstellt. Diese, meist aus Russland und Galizien, sind gewöhnlich früh verheiratet und kommen,