Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Juden von Fez
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 481 - 482 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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481 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Jaden von Fez. 482 tränkte sie in den reissenden Gebirgsbächen. Man zwängte ihnen lächerliche und hinderliche Kleidung auf, Hess sier barfuss gehen, dass sie sich die Sohlen in dem glühenden Sand der Strassen verbrannten. Man behandelte sie wie Kinder, denen man etwas erlaubte, um es im nächsten Augen-: blick zu verbieten. Trotz alledem blieben sie in Marokko .und liebten das Land sogar. Das Mellah von Fez liegt in einem Winkel dieser sonderbarsten aller Städte Afrikas eingekeilt. Wenn man von Süden kommt, muss man ein paar Lehmmauern, die voller Risse sind, übersteigen, und gelangt auf den wunderschönen alten Friedhof. Wie alt er ist, weiss niemand mit Sicherheit anzugeben: die Juden von Fez sind Orientalen, die nicht wissen, dass auch die Zeit Wert besitzt. Dreihundert Jahre sagt man. Viele Grabsteine sind in das hohe Gras gesunken, von Efeu überrankt. Zypressen und Oelbäume stehen wie schweigende Schildwachen, und zwischen den braunen Haifagräsern glühen Mohnblumen und verwilderte Rosen. Grüne schmale Eidechsen huschen erschreckt in den Schatten, wenn der Fuss durch das Gras raschelt, und unter den Steinen lauert tückisch der Skorpion, diese Geissei Nordafrikas. Die Strassen des Judenviertels sind eng, aber sie sind kühl« Die Häuser zeigen eine glatte, nahezu fensterlose Front- Kiii vergitterter Holzbalkon ist schon ein Luxus, den sich nur reiche Leute gestatten. Nach dem Hof hinauf, auf dem gewöhnlich ein paar Bäume schaukeln, sind sie um so prächtiger. Denn es ist orientalische Sitte, seinen Reichtum zu verbergen, und mancher Besitzer von „vielen Beuteln" ist nicht von den Bettlern zu unterscheiden, die im Dunkel der Strassen lauern und auf den erschreckten Vorübergehenden einspringen. Nur eine Verzierung zeigt wohl jedes Haus, mögen seine Lehmmauern noch so zerbröckelt sein. Ueber der Tür befindet sich eine geschlossene Hand, primitiv mit blauer Farbe angemalt, über der meistens das Jahwezeichen thront. Doch ist dies kein religiöser Brauch, sondern nur finsterer afrikanischer Aberglaube: die Furcht vor dein bösen Blick, die Angst vor der Beschreiung. Die jüdischen Frauen und Mädchen gehen ebenso verschleiert wie die Mohammedanerinnen; nur innerhalb des Ghettos schlagen sie den Schleier meist -zurück. Sie haben, so lange sie jung sind, längliche, bernsteingelbe Gesichter, langgezogene Brauen, schmale Nasen und einen kleinen Mund. Leider altern sie schnell, schon mit dreissig Jahren sind sie Matronen. Dann werden sie dick, streuen sich, die Falten auszufüllen, dicke Schichten Reispuder ins Gesicht, schmieren sicli scheussliche Zinnoberfarben auf die Wangen und färben das ergraute Haar mit Hennah schmutzigrot. Die Frauen der wohlhabenden Stände tragen die marokkanische Tracht: weite Pluderhosen, weisse bestickte Obergewänder, weisse Strümpfe und Schuhe aus Saffianleder. Dazu sind sie mit Ringen, Ketten, Arm- und Knöchelreifen überladen, dass man die Annäherung einer Frau von weitem hört. Die Mädchen der Armen — und fast alle sind sie arm — tragen ein lose fallendes Gewand, über das eine Flut entfesselter Haarsträhnen rieselt. Ihre Glieder sind schlank wie die der Gazellen, und sie schreiten mit grossen, kühnen Schritten dahin wie die Jungfrauen des alten Testaments, während die reichen Frauen ängstlich da-hertrippeln, und unter der Last der Kleider und des Schmuckes seufzen. Die Bildung der Jüdinnen ist höher als die der Mohammedanerinnen, ihr Wissensdrang grösser als der Quell, aus dem sie schöpfen können. Denn innerhalb der Familien herrschen noch patriarchalische Sitten, die als lebendes Altertum in unsere Zeit reichen. Den Beschäftigungen der Männer sind Grenzen gezogen. Es ist stets ein Vabanquespiel, im Orient Kaufmann zu sein. Denn der Himmel ist hoch und der Schuldner ist weit, und der Kadi gibt einem Juden, dessen Ansprüche kein Konsul unterstützt, nur selten recht. Die grossen Handelsleute des Orients sind selten Juden, fast immer Armenier, die man in Europa zu den Christen rechnet. Alle Juden, die man im Orient spricht, jammern, dass sie ihre Kraft nutzlos in Spielereien vertrödeln müssen. Alle Juden Marokkos hofften deshalb auf die Franzosen, die in Algier und Tunis — mag man noch so viel an ihrer Kolonisation?tätigkeit auszusetzen haben — menschenwürdige Zustände schufen. Und nun, da sie Herren der Hauptstadt sind, bricht irgendwo in dieser rätselhaften orientalischen Seele der fanatische Religionshass aus. Die Labyrinthgassen des Mellah sind voll von einer heulenden, mordenden Menge, die im Amoklauf daherstürmt und wie die verlöschende Glut noch einmal grell emporlodert. Es war die Rache, die Marokko an Frankreich nahm, eine Rache, deren Folgen sich bald bemerkbar machen werden t R. K. Neu m a n n. Breslau. Frau Paul ine Bloch geb. Schottland er sei. Ang. hat der Alliance Israelite Universelle testamentarisch ein Legat in Höhe von M. 1000 ausgesetzt. Wir machen unsere geehrten Mitglieder darauf aufmerksam, dass die Zustellung von „Ost und West44 spätestens am 6. eines jeden Monats erfolgen muss. Sollte die Zustellung bis dahin nicht erfolgt sein, so bitten wir dringend, bei dem zuständigen Bestellpostamt zu reklamieren, das verpflichtet ist y die Nachlieferung zu bewirken. iiiM Metbfe ^a^Oatht^taulbpreiß terJhttfa^.SMt ^Dresden i$ti. miMM V <3otdeneHl£daUie (DfÜJeuffc^e^hisWuno pof en 19tL Malern ^tleitutm ^^i^iä^^m^^^ ppc2?" _ ft^rramÖfti)^) Cigarettetv r^-^&k^^ &QA $tüth.