Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Aufruf für die marokkanischen Glaubensgenossen
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 1)
- Language
- German
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479 •480 «jVVVV«'*'* .....""WfW MITTEILUNGEN 'v4 aißdem Deutschen Bureau der m Alliance Jsraelite Universelle ma nr o'TiP ^K-ier SERuM.N 2^. iHPy a«nien»ur9erair^S _. AUFRUF FUER DIE MAROKKANISCHEN GLAUBENSGENOSSEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Nachstehenden Aufruf hat das Central-Comite der Alliance Israelite Universelle an sämtliche Komitees der Alliance ergehen Jassen: Paris, den 23. April 1912. Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Von der furchtbaren Katastrophe, die unsere Glaubensgenossen in Fez heimgesucht hat, sind Sie durch die Tageszeitungen' bereits in Kenntnis gesetzt worden. Das jüdische Stadtviertel mit einer Bevölkerung von über 10 000 Seelen wurde der Plünderung preisgegeben; die Häuser wurden sodann von den Rebellen in Brand gesteckt, so dass nunmehr unsere armen Brüder mittellos und ohne Unterkunft dastehen. Von den Getöteten wurden bereits 50 aufgefunden; 34 liegen schwer verwundet im Stadtspital. Von den Geretteten wurden etwa 5000 im Palast des Sultans aufgenommen und mit den für die ersten Tage nötigen Lebensmitteln versehen. Sie müssen aber ohne Verzug anderswo untergebracht werden, da sie sonst, zusammengepfercht wie sie sind, einer anderen Gefahr, nämlich einer Epidemie, ausgesetzt sind. Diesen, von einem Tag zum andern in das schrecklichste Elend gestürzten Brüdern, von denen viele sich im Wohlstand befanden, ist es für uns eine heilige Pflicht, zu Hilfe zu kommen. Dazu sind aber enorme Geldmittel nötig. Gleich nach Empfang der ersten Mitteilungen über diese herzzerreissenden Gewalttätigkeiten hat das Central-Comite telegraphisch hunderttausend Francs nach Fez überwiesen. Dieser Betrag wird aber kaum ausreichen, um die gegenwärtige Not lindern zu können. Wir müssen noch dafür sorgen, dass den Israeliten in Fez zur Wiedererrichtung ihres Heims, zu ihrem Broterwerb geholfen werde. Zur Erfüllung dieser Pflicht jüdischer Solidarität rechnen wir auf die Mitwirkung sämtlicher jüdisch fühlender Herzen. Wir bitten Sie daher freundlichst, an das Wohltätigkeitsgefühl unserer geehrten Mitglieder Ihres Comites appellieren und unter ihnen eine Sammlung zugunsten unserer verunglückten Glaubensbrüder veranlassen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Präsident gez.: Leven. Die Beiträge sind an die Zentralleitung, 45 rue La Bruyere in Paris, zu richten. Die Namen der Spender werden in Ost und West" veröffentlicht. DIE JUDEN VON FEZ. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Die Drangsale, welche die Juden in Marokko erleiden niussten, bleiben nicht hinter den Greueln der spanischen Inquisition zurück. Die aus Spanien flüchtenden Juden siedelten sich an der Nordküste Afrikas an, fanden hier aber schon jüdische Kolonien vor, die bereits vor der islamischen Invasion bestanden hatten. Heute kann man die beiden Typen nicht mehr auseinander halten. Die gemeinsame Not kittete4 die Juden zusammen. Sie flohen von der Küste und dem flachen Lande in die Städte, wo sie in enge Viertel zusammengedrängt wurden. Bei Todesstrafe war es ihnen, unter früheren Sultanen, verboten, das Ghetto, „Mellah" im Marokkanischen, nach Sonnenuntergang zu verlassen. Keine Demütigung blieb ihnen erspart. Herrschte Pest, so waren die Juden verantwortlich: eine Metzelei folgte. Wenn der Regen ausblieb, die Ernte verdarb, eine räuberische Beduinenschar die Stadt stürmte, stets wälzte man die Schuld auf die Juden —und da? Volk wusch seine Hände in Blut. Man stürzte sie von den Felsen oder er-