Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Histoire de la littérature Judéo-allemande [Rezension]
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 477 - 478 (sequence 2)
- Language
- German
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477 Literarische Rundschau. 478 ..(Haskalah") tritt plastisch hervor. Ganz so wie später, da der reiche und tiefe Perez besprochen wird, das ekstatischphantastische Wesen des Chassidismus. Der grösste Teil des Buches ist übrigens den grossen Meistern, den Klassikern der jungen jiddischen Literatur widmet. Und hier enthüllt sich der Hauptfehler des Buches, der allerdings gerade für das westjüdische Publikum fast zum Vorzug wird: dass nämlich die Dichter in den Proben ihrer Kunst ertrinken, dass die individuelle literarische Wertung der dichterischen Persönlichkeiten hinter der Chrestomathie zurücktritt. Wozu noch als zweiter Missstand hinzukommt, dass sich der Autor ganz unnötigerweise das Jahr 1800 als Zeitgrenze setzt. In einer Literaturgeschichte, die ohnehin zum allergrössten Teile Zeitgenossen oilt und gelten muss, durften, nebst vielen anderen. Gestalten wie Asch und Pinski nicht deshalb ausfallen, weil sie erst nach 1890 zu Worte kamen. Ich schätze Schalom Asch nicht ob des Rufes, den er im Westen geniesst. Perez z. B. hatte nicht das ,. Glück", in den etwas gross auf getanen Mund unseres Diesseits zu kommen, und doch wird Asch noch lange an sich und in sich zu arbeiten haben, um ihn einzuholen. Was ich an Asch schätze, ist gerade das, was er war, ehe ihn Berlin (und Petersburg) liebend umfing, und sofern er es auch danach geblieben ist: der Zyklop, der wie sinnlos mit Fels- 1)locken um sich wirft, die sich aber im Fallen wie durch ein Wunder zu lebenden, seelenvollen Gestalten umformen. ♦So mag ich ihn und so tritt er mir wieder, wenn auch stellenweise angekränkelt, in der Skizzensammlung „Fun shtodt un dorf"2) entgegen. Echtester und bester Asch ist die kleine Skizze „A get" (Eine Scheidung). Zwei Eheleute, die das Gesetz zur Scheidung verurteilt, weil ihre Verbindung länger als zehn Jahre kinderlos blieb, gehen auseinander. In stiller, gequälter Liebe sie, in Zärtlichkeit und Mitleid er. Wunderbar ist da die Wucht des Schicksals zu einem Idyll verklärt. Weniger reif, aber gährender, wilder, packender, von einer grausigen Eindruckskraft ist „Erd" (Erde), — die düstere Geschichte einer auf unfruchtbarer, unheimlicher Scholle hausenden abergläubischen Bauernschaft und der siegreichen Mutterliebe einer Bäuerin zu ihrem missgeborenen Kinde. Eine liebevolle Arbeit ist „A chejndl" (fast unübersetzbar; gemeint ist ein lieblicher Zug in einem Frauengesichte). Peinlicii dagegen wirkt eine originelle und im tiefsten Grunde echte Liebesgeschichte durch eingestreute plntte Gebildeten-Weisheit. Asch, Avie er mir nicht gefällt. . . . Drei Erzählungen, die der Dichter als „biblische Motive" bezeichnet, passen nicht in die Sammlung, aber sind Sachen, die man nicht vergessen kann. Er zeigt liier eine ganz besondere Fälligkeit, biblische Milieus in ihrer Einfachheit und Einfalt und doch mit Humor und gewissermassen auch spannend zu zeichnen. Man gerät dadurch unwillkürlich auf kultur- und sprachphilosophische Gedanken, die dann natürlich nicht zur Sache gehören. Noch weiter allerdings kann man durch die ebenfalls nicht in die Sammlung passende Skizze „In a karnawalsnacht'4 („In einer Karnevalsnacht") entführt worden. Das ist wieder echte Zyklopenarbeit, grandiose Epik in breiter Entfaltung. Aber man kommt nicht zu ihrem ruhigen Genüsse: ob des gewollten Momentes darin, ob der gewaltsamen Hereinzerrung des christlichen Mythos. Der arme Asch steht ja nicht allein damit. Um so mehr wäre darüber zu sagen. Aber das wird wohl anderwärts als in einer literarischen Kritik geschehen müssen. Von Asch dem Dramatiker habe ich nie soviel gehalten, wie von Asch dem Erzähler und Träumer. Aber ich war immer zufrieden, in seinen dramatischen Werken manchmal eine geschickte Theaterhand oder, was mir noch weit lieber war, wiewohl es ja ein Abbruch sein soll, warme, innige Lyrik zu finden. Nur in seiner „Familie Grossglück",:J) die mir in deutscher Uebersetzung vorliegt, kann ich durchaus nichts entdecken, was mich freuen könnte. Der Gedanke (das Eindringen einer derben Emporkömmlingssippe in die Positionen einer degenerierten vornehmen Familie) *) Scholem Asch. Fun shtodt un dort. Verlag „Progress". Warschau. Xew-York. 1911. 3) Schalom Asch. Die Familie Grossglück. Komödie in drei Akten. S* Fischer Verlag. Berlin 1909. (Auf dem Buche tet nirgends augegeben oder angedeutet, dass es sich um eine Uebersetzung handelt. Asch ist doch kein deutscher Dichter ist alt. Und die Fabel ist zu armselig, das Milieu zu verwässert, als dass sich das Alter daran verjüngen könnte. Zu den älteren Jungen gehört auch D a v i d P i n s k i,4) dessen „Der ojzer" („Der Schatz") man vor z.\vei Jahren im Berliner „Deutschen Theater" so geräuschvoll zu Grabe trug. Ich weilte damals fern von Berlin. Aber ich kenne das Stück im Originale und bin tief überzeugt — und mit mir sind es viele andere — dass es einfach das Opfer von allerlei gerade damals sich verdichtenden bewussten und unbewussten Abneigungen geworden ist. Wenn einer in der jungen jiddischen Literatur den Xamen eines Dramatikers verdient, so ist es gerade Pinski. Fr schreibt wohl auch Skizzen, und sie sind in ihrer bedächtigen Ausarbeitung ganz wertvoll. Aber der grosse Zug fehlt. Den hat er nur als Dramatiker. Seine „Familje Zwi" ist trotz vieler Fehler und Normwidrigkeiten ein mächtiges dramatisches Werk. Und auch das Buch, das mir jetzt in einer sehr guten, wenn auch nicht irrtumfreien deutschen Uebersetzung (von Fega Frisch) vorliegt, „Jakob der Schmied", darf sich sehen lassen. Einen Kerl, Avie diesen Schmied, vermag nicht jeder auf die Bühne zu bringen. Nicht jeder hat die Kraft, diese Vereinigung von düsterer sinnlicher Glut, heissem. kindlichem Streben nach reiner Liebe, und einfacher, edler Menschengüte lebenswarm darzustellen. Und noch obendrein um diese wuchtige Mittelpunktsfigur eine ganze Reihe von ordentlich und fein gezeichneten Begleitgestalten zu gruppieren! Vielleicht ist die Erotik des Stückes für manche zu deutlich. Aber die Luft ist doch rein —- nicht zum mindesten dadurch, dass sich eben das grosse Geheimnis des Weltalls hinter der Riesen-Erscheinung des Schmiedes läuternd aufreckt. Bescheidenere Aufgaben stellt sieh M o r d echa j S p e k t o r ,5) der schon der älteren Dichtergeneration angehört und dessen gesammelte Werke soeben zu erscheinen beginnen. Der erste Band zeigt ihn von seiner besten Seite, als Novellenschreiber. Da braucht er nicht seiner anderweitigen Spezialität, dem Abfassen grosser, allzugrosser Romane obliegen, sondern kann ungestört seine Vorzüge entfalten, als da sind: eine entwickelte Fabulierungsgabe. innige Hingabe an das Detail und eine wirklich gute, nicht leichtsinnig verwaltete Sprache. Die Tugend eines empfindlichen Sprachgewispens verdient eine besondere Hervorhebung deshalb, weil sie in der jiddischen Literatur gerade in den vorletzten Zeitläuften seltener geworden war. Erst in der allerletzten Zeit ist sie wieder mehr hervorgetreten. Sowohl in bewusster als unbewusster Anwendung. Ich finde sie auch, wenn auch unter manchen ungerechtfertigten Erschwerungen, in einem Werke geübt, das eine mehr als gewöhnliche Beachtung verdient. Es ist dies die ebensowohl hebräisch als jiddisch erscheinende1 Sammlung jüdischer Sagen und Legenden aus Talmud und Midraschim,(i) die von J. Ch. R a w n i t z k i und dem berühmten neuhebräischen Dichter Ch. B i a 1 i k bearbeitet und geordnet ist. Mit dieser Sammlung hat sich das neue jiddische Schrifttum einer Pflicht erinnert, die das älteste und ursprünglichste ganz ausschliesslich erfüllte. Die alten Sagen und Legenden — eine im Westen leider fast ganz unbekannte Welt der Schönheit — sind aus den mittelalterlichen Frauen-Andachtsbüchern, wo sie noch obendrein in durch die Entwicklung überholter Sprache gedruckt sind, herausgeholt und dem ganzen Ostjudentum in Obhut gegeben worden. Dabei erinnere ich mich an das, was ich oben sagte, als ich von Aschs biblischen Erzählungen sprach: dass die hervorragende Eignung des jiddischen Idioms für die Darstellung einer längst verschollenen Kindheitswelt viel Stoff zum Sinnen und Grübeln gibt. Aber ich erinnere mich sofort wieder auch, dass an dieser Stelle nur von Literatur gesprochen, nicht aber über Gott und die Welt, Menschen und Völker, Altertum und Neuzeit philosopihiert werden darf. Und ich will daher zufrieden sein, wenn der Leser nach dem Wenigen, was ich ihm in Anknüpfung an verschiedene Bücher über das Thema sagen konnte, die Empfindung hat, vor der jiddischen Literatur als vor einer ebenso merkwürdigen als bedeutsamen Erscheinung zu stehen. Mathias Ach er. 4) David Pinski. Jakob der Schmied. Schauspiel in 4 Akten. Thontor-Verlag Eduard Bloch. Berlin. a) M. Spektor. Tog un nacht. Alle werk, I. Warschau 1912. Verlag „Pogress". ') Di jidische agodes. Bearbeitet von .T. Ch. Uawnitzki und Ch. X. Bialik. Verlag „Morijah", Odessa. 5672 (14)12).