Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Schamlosigkeit vor dem Tode
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 1)
- Language
- German
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439 Revue der Ereignisse. 440 Schamlosigkeit vor dem Tode. Rumänien hat jüngst den sogenanntßn Judeneid abgeschafft, und — Finnland führt diese Schmach jetzt bei sich ein. Finnländische Richter fordern plötzlich den Schwur in der Synagoge. Diese niederträchtige Beleidigung des jüdischen Stammes und der jüdischen Gotteshäuser muss sich gerade ein Volk leisten, das eben unter den Kosakentritten verreckt, ohne irgendwo in der zivilisierten christlichen Welt Rat und Hilfe Die Anklage im Beilis-Prozesse ist — nicht ausdrücklich aber recht durchsichtig — auf die Annahme des Ritualmordes gegründet. Der Verteidigung aber wird es natürlich benommen sein, vom Ritualmord zu sprechen. Deshalb wurden ihr ja auch alle einschlägigen Exporten abgelehnt. Der Gouverneur von Kiew verbot den Zeitungen, Artikel gegen den Sachverständigen Sikorski, der un Sinne eines Ritualmordes aussagte, zu drucken. Man befürchtet, dass es trotz eventueller Freisprechung Beilis' zu einer Art indirekten Nachweises des durch einen unbekannten Täter erfolgten Ritualmordes kommen könnte, und glaubt, dass auf diesen Eventualerfolg hingezielt wird. (Nach Schluss des Blattes.) Die Verhandlung, die bereits auf den 30. Mai angeordnet war, ist plötzlich auf den Herbst* vertagt worden. Die Geschworenenbank gefiel nämlich den „echten Russen" nicht und sie wussten es dahin zu bringen, dass von Petersburg aus die Vertagung erfolgte. * * * Der Reichsrat nahm bei Besprechung der Vorlage zur Reform des Gerichtswesens einen vom Justizminister Schtscheglowitow befürworteten Vorschlag an, dass Juden keine Friedensrichter werden können. * * * Der Senat nahm den Vorschlag des Justizministers Schtscheglowitow, wonach die ministerielle Genehmigung für jüdische Advokaten auch für jüdische Advokaturgehilfen zu gelten habe, fast ohne Debatte an. Dieser Beschluss soll sogar rückwirkende Kraft erhalten. * * * Die Regierung schickte T Kriwoschein, der das Departement für Agrikultur leitet, nach Turkestan, zu finden. Nachdem es im Jahre 1910, als die Auflösung seines Landtages schon beschlossene Sache war, dort noch eine Komödie der Juden-Emanzipation aufgeführt hat, um die öffentliche Meinung Europas für sich zu gewinnen, versucht es jetzt offenbar mit der entgegengesetzten Methode. Oder soll damit gar dem russischen Herrn imponiert werden? Es ist wohl das traurigste in der 'Welt, wenn ein Volk in Hässlichkeit stirbt. gestattet. um der dortigen Judenschaft, die in der Baurhwoll- Industrie eine Rolle spielt, entgegenzuwirken. * * * Eine Gruppe jüdischer Kaufleute in Charkow, denen man infolge der sogenannten Nationalisationsbestrebungen in vielen Banken den Kredit einschränkte, wandte sich an die Verwaltung mit der Bitte, ihr die Gründung einer eigenen Bank zu gestatten. Diese Bitte wurde abgeschlagen. * * * Auf eine Anzeige der „echten Russen", dass man den jüdischen Kaufleuten bei Erlangung der „ersten Gilde" ungesetzliche Erleichterungen verschaffe, ordnete der Generalgouverenur von Kiew eine Untersuchung an. Bei dieser Gelegenheit soll auch Material darüber gesammelt werden, wie lange es in Kiew grosse jüdische Geschäfte gibt. * * * Das Finanzministerium erklärte, dass jüdische AYeinhändler ohne Patent nur denjenigen Wein verkaufen dürfen, den sie in eigenen, nicht gepachteten Weingärten ziehen und in Läden feilhalten, die sich in eigenen Häusern auf eigenem Grund und Boden befinden. Weinhändler, die diesen Bedingungen nicht entsprechen, müssen bis 1. Juli 1912 liquidieren. * * * Zwei Zionisten, Dr. Sapir und Student Schwarz, hatten vor fünf Jahren eine harmlose Agitationsbroschüre, die damals von der Zensurbehörde nicht beanstandet wurde, erscheinen lassen. Die Broschüre wurde jetzt konfisziert und die beiden Genannten wurden vom Odessaer Gerichte wegen „Aufreizung einer Bevölkerungsgruppe gegen die andere" zu sechs und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IM LETZTEN MONAT. VIII*). Nachdruck mit Quellenangabe ») Siehe Ost und West Heft 10, 11, 12 Jahrg. XI und Heft 1, 2, 3, 4 Jahrg. XII. * * *