Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Amerikanisch-jüdische Sorgen
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 435 - 436 (sequence 2)
- Language
- German
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435 Revue der Ereignisse. 436 erfanden, dient ihnen weiter als probates Mittel. Zwar hat die „grand jury" ein Urteil gefällt, das Mortimer Schiff und seiner Frau vollständige Genugtuung gibt und für Hurst und seinen Anhang vernichtend ist, — aber das stört natürlich die dunklen Ehrenmänner ganz und gar nicht in ihrer Arbeit. Ihre gelbe Presse hetzt gegen Jacob Schiff — die .bezeichnenderweise der russischen Regierung verhassteste Persönlichkeit — als Bankier und gegen den Richter Rosalski als Richter. Und die Hetzen tun ihre Wirkung. Wie sehr, zeigt sich u. a. auch darin, dass gegen Rosalski schon drei Bombenanschläge gemacht wurden. — Die jüdische öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ist sich des Ernstes der Lage bewusst, vertraut aber auf die schon gewonnene starke Position im Lande. ■ In Kanada ist das Unglaubliche geschehen: Das Unterhaus hat das die Kingston - Universität betreffende Gesetz samt der Klausel, nach welcher NichtChristen nicht Professoren und Beamte der Universität werden können, mit ungeheurer Mehrheit angenommen. Das heisst: In einem amerikanischen Staate ist das Prinzip der Gleichberechtigung der Juden auch gesotzlich durchbrochen. Es ist selbstverständlich, dass ein solcher Parlamentsbeschluss eine gewaltige Aufregung unter den Juden, aber auch in weiten christlichen Kreisen hervorrufen musste. Speziell die Juden haben alle Unterschiede der Partei zurückgestellt und einen leidenschaftlichen Kampf gegen die betreffende Klausel, die noch den Senat zu passieren hat. begonnen. Die Leitung der Universität versuchte, den Sturm durch einen abschwächenden Wortlaut der Klausel zu beschwichtigen. Aber da es sich nur um eine nichtssagende Aenderung handelt, fiel die Judenschaft nicht darauf herein und führt den Kampf mutig weiter. Sie hofft, dass die die Juden beleidigende Klausel schliesslich doch im Oberhause zu Falle kommen wird. Im ganzen sieht es danach aus, als ob es den amerikanischen Juden doch nicht zu leicht gemacht werden wird, sich ihre Positionen in der neuen Welt auszubauen. * * * Jüdische Emigrationspolitik. Das grösste materielle Problem der jüdischen Gegenwart ist unstreitig die Emigrationsfrage. Diese Erkenntnis ringt sich angesichts der ungeheuren jüdischen Wandeningen, die irgend einer richtunggebenden Regelung dringend bedürfen, immer mehr durch. Insbesondere in dem Lande, das ja in erster Linie die Auswandererströme entsendet, — in Russland. Dort hat sich in den letzten Jahren eine jüdische Emigrationsgesellschaft gebildet, die bisher schon manches im kleinen geleistet hat, und, was das wichtigste ist. das grosse Ziel nicht aus dem Auge verliert, eine interterritorielle Vereinigung, bzw. einen Weltkongress für das jüdische Emigrationswesen zu schaffen. Jetzt geht sie daran, eine Konferenz der russländischen Komitees für den Monat Mai nach Wilna einzübenden. Es wäre nur zu wünschen, dass sie der Konferenz nicht einen allzu einleitenden Charakter gibt, sondern die Schaffung einer starken russisch-jüdischen Organisation als eine Hauptaufgabe anstrebt. Denn diese neue Kraft wird dann die alten allzu bedächtigen Kräfte leichter anziehen können, als dies heute kleine zusammenhanglose Gruppen zu tun vermögen. Wie man weiss, ist im amerikanischen Judentum die Stimmung dem geplanten Emigrationskongresse gegenüber nicht besonders freundlich. Man sagt, aus Furcht, dass der Kongress die in den Vereinigten Staaten stark hervortretende Opposition gegen die jüdische Einwanderung noch mehr anwachsen lassen könnte. Eine Furcht, die wohl unbegründet ist. Denn es soll ja gerade eine der Hauptaufgaben des Kongresses werden, der planlosen Anhäufung von Einwanderern in den Vereinigten Staaten entgegenzuwirken und die Frage anderer Emigrationsziele zu diskutieren. Wobei ganz besonders auch an die Länder Vorderasiens, die jetzt einem neuen Leben entgegenzugehen scheinen, gedacht wird. r I m übrigen darf man nicht glauben, dass in Amerika die Grösse des Problems unterschätzt und seiner Behandlung ausgewichen wird. Man beschäftigt sich vielmehr dort schon lange mit der Frage der Verteilung von Einwanderern über das flache Land hin. Und gerade jetzt ist wieder eine neue Gesellschaft, die „Americain Emigration and Distribution League" gegründet worden, die in diesem Sinne wirken will. Auch weist z. B. das Newyorker ,,Jüdische Tagblatt'*' auf die Wichtigkeit der an den Panama-Kanal anstossenden Länder für eine jüdische Handels- und Industrie-Kolonisation hin. .Andererseits wird, und zwar ebenfalls in dem genannten Blatte, der interessante Standpunkt vertreten, dass die Massenansammlungen von Juden in den grossen Städten, also namentlich in Newyork, den Juden nur zuträglich seien. Erstens würden sie dadurch ein Machtfaktor, mit dem jede Regierung des Landes rechnen müsse. Zweitens sei das Vorhandensein einer jüdischen Masse Voraussetzung für grosse jüdische Kulturleistungen, was die bisherige Geschichte der jüdischen Gemeinschaft beweise. Kurz, es ist zu hoffen, dass die Delegation, die von der russisch-jüdischen Emigrationsgesellschaft im Herbst nach Amerika geschickt werden soll, um die amerikanischen Juden für eine grosse gemeinsame Aktion zu interessieren, schliesslich doch nicht ohne Erfolg bleiben wird. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, den Gedanken populär zu machen. Bedauerlich ist nur, dass sich in dem zweiten grossen jüdischen Auswanderungslande neben Russland, in Oesterreich - Galizien vorläufig auch nicht die geringste Neigung zeigt, dem Beispiel der russischen Juden zu folgen, und Stellen für das Studium der Emigrationsfrage und praktische Inangriffnahme der nötigen Arbeit, im Verein mit den anderen interessierten Faktoren zu schaffen. Und-doch wird sicherlich früher nichts dauerndes in bezug auf das Schicksal der östlichen Judenheit erreicht werden, bis diese nicht auch selber an sich denken und für sich handeln lernt. * * *