Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Der jüdische Adel in England
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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367 Der jüdische Adel in England. 368 fit AEURS-OU JE M'ATTAfHfl tächeX ig/ Wappen des Sir Ge^ orge Henry Lewis. von den zwölf jüdischen Baronets ist mir kein einziger bekannt, der nicht Fühlung mit den grossen j iidischen Massen hat, und der sich nicht an der jüdischen Volkspolitik oder Philanthropie beteiligt. Xoblesse oblige. Der j üdische Baron oder Baronet in England weiss, da;is er bestimmte Verpflichtun gen den Juden gegenüber hat und es muss anerkannt werden, dass er nach der Lage der Dinge den Verpflichtungen, die ihm sein Adel auferlegt, nachkommt. Daher die Erscheinung, dass selbst die verbitterten Elenden und Armen in Whitechapel die jüdischen Adeligen ebenso hochschätzen und auf sie stolz sind, wie die vom Schicksal mehr begünstigte jüdische Mittelklasse. Die Beteiligung der jüdischen Adeligen in England am jüdischen Leben verleiht der englischen Judenheit ihren aristokratischen Charakter und trägt sehr viel zur Herausbildung einer jüdischen Adelskaste bei. Jahraus, jahrein werden zwei bis drei verdiente und wohlhabende jüdische Männer in England in den persönlichen oder in den erblichen Adelsstand erhoben. Wollen diese Jungen" Adeligen von ihren jüdischen Kollegen für voll genommen werden, so müssen sie in jüdischen Angelegenheiten mittun. Das ist jetzt Tradition. Diese Tradition hat kein Geringerer geschaffen als der grosse Sir Moses Montefiore. Die Königin Viktoria, die den unvergesslichen jüdischen Patrioten in den erblichen Adelsstand erhoben hatte, Hess in sein Adelsdiplom schreiben: „für seine grossen Verdienste um das jüdische Volk Eingeweihte wollen wissen, dass die Königin damit einem Wunsche des Geadelten nachkam. Sir Moses wollte, dass das ganze jüdische Volk: Anteil an seinem Ruhm und seiner Anerkennung habe. Und bis auf den heutigen Tag ist Sir Moses Montefiore allen jüdischen Adeligen in England ein Vorbild. Der jüdische Adel in England ist nicht mehr so jung, wie man allgemein annimmt. Noch achtzig Jahre vor der eigentlichen Judenemanzipation: gab es schon vereinzelte jüdische Adelige, resp.'adelige Juden. So z. B. war der jüdische Militärarzt Sir Adolphus in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wegen wissenschaftlicher Verdienste in den Adelsstand erhoben worden. Das gleiche gilt von dem Historiker' F. C. Palgrave. Ein anderer Jude in England, Sir Augustine Coronel, Diplomat von Beruf, ist schon Mitte; des siebzehnten Jahrhunderts zum Sir kreiert worden. Doch der jüdische Adel in England in seiner jetzigen Gestalt beginnt in-der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. 1837 wurde der damalige Sheriff Montefiore vorerst in Wappen des Sir den persönlichen und' 1841 Mr.. Isaak A. Sassoon.' 'Lyon Goldsmid In den erblichen Ädel- Wappen des Baron Wandsworth» Wappen des Sir Marcus Samuel. stand erhoben. 19 Jahre später ist auch Montefiore der erbliche Adel verliehen worden. Moses Montefiore war gerade von seiner russischen Mission zurückgekehrt, als die Königin si?h beeilte, seine erfolgreichen Bemühungen und Verdienste um die Ost-Juden mit der Verleihung des erblichen Adels zu vergelten. Dieses Faktum ist, wie gesagt, nicht ohne Einfluss auf die späteren jüdischen Nobiiitierten geblieben. 1847 folgt die Nobilitierung Anthony Rothschilds. 1870 finden wir schon einen jüdischen Edelmann, Sir George Jessel als englischen Justizminister. Der Baronet als letzter Grad des erblichen Adels hat keinen Sitz im House of Lords und nur „Barone" (natürlich auch die höheren Adeligen) des vereinigten Königreiches haben in diesem hohen Hause Sitz und Stimme. Das erste jüdische Mitglied dieses Hauses war Lord Nathaniel Rothschild, der im Jahre 1885 wegen grosser politischer und finanzpolitischer Verdienste von der damaligen Regierung zum englischen Peer, als Baron des vereinigten Königreiches kreiert wurde. Das war so gekommen: ein englischer Staatsmann hatte in Erfahrung gebracht, dass der Kbedive von Ägypten seine Suez-Kanal-Aktien verkaufen wolle* Der BeMtz des Suez-Kanals war für England wegen seiner indischen Besitzungen eine Lebensfrage^ und die englische Regierung hatte sich schon seit längerer Zeit bemüht, sich die Herrschaft über den Kanal zu sichern. Nun war der grosse Moment gekommen. Da die englische Regierun g eine solche Transaktion ohne die vorherige Genehmiguni des Parlaments nicht unternehmen konnte und die Gefah; bestand, dass Frankreich mittlerweile von dem Vorhabe] des Khedive ei fahren könnte, wandten sich die damaliger Leiter der englischen Politik an Nathaniel de Rothschild und legten ihm nahe, die Summe von vier Millioner Pfund Sterling vorzustrecken. Diese Riesen summe musste raschestens zur Stelle sein. Selbst einen Rothschild dürfte es kein leichtes gewesen sein, sie ii barem Gelde in kurzer Zeit aufzutreiben. Aber er bot die Wichtigkeit der Angelegenheit erkennend, alles au und stellte der englischen Rederung wirklich innerhal 48 Stunden den Betrag von 80 Millionen Mark zur Verfügung. Wegen dieses Verdienstes wurde er zum Peer erhoben. Da das Haus Rothschild grosse jüdische Traditionen hat, musste der erste jüdische Lord in England allen anderen jüdischen Peers zum Vorbild werden. Und so haben die zwei Familien Montefiore und Rothschild dem jüdischen Adel in England teilweise ihr Siegel 'aufgedrückt. Schön ihre Wappen' sind charakteii>tisch. Sowohl Rothschilds wie; Montefiores Wappen tragen das alte jüdische Wappen des Sir Charles James.