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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 363 - 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Zu den Gemälden von Lesser Ury
Date
1912-04-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 2)
Language
German
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363 Karl Bayer: Zu. den (icmülden von Lesser Ury. 364 Jonathan dem David brüderliche Treue. Mit zum Schwüre erhobener Linken spricht er auf den blonden Freund ein. seine Rechte umklammert in nervöser Gespanntheit dessen Hände, und verzückt erhebt der schwärmerische Jüngling, dem so bald ein trauriges Ende beschieden ist, die Augen, während David seinen Worten mit festem Blick in die Perne lauscht. Auch hier wieder umschatten — um der Komposition das Gleichgewicht zu halten — hochaufsehiessende Bäumchen die eine Seite des Bildes, diese Bäume, die Lesser Ury mit einer ganz persönlichen Note wiederzugeben weiss und durch deren zartes Gefieder stets ein poetisch träumerischer Hauch weht. Da die Bilder hauptsächlich des Abends bei künstlicher Beleuchtung zur Geltung kommen sollen, so sind sie in kräftigen, satten Farben gemalt. Wenn aber der Schein der Lampen in dem neuen Saale auf diese grossen Flächen strahlen - wird, dann werden sie als erhabene Künder des Mottos zu den daselbst in ernster Tätigkeit versammelten Brüdern sprechen: in Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht. Karl B a y e r. THEATER. Lia Rosen als Jüdin von Toledo. Ton Felix Stössinger. Nachdruck verboten. In der abgelaufenen Berichtszeit ist kein einziges neues Werk eines jüdischen Autors auf Berliner Theatern dargestellt worden. Und ich hätte heute an dieser »Stelle nichts zu sagen, wenn sich nicht noch knapp vor Redaktionsschluss eine junge Schauspielerin, von der man seit Jahren in literarischen Kreisen spricht, in die vorderen Reihen Berliner Bühnenkünstler durch die Bewältigung einer an« spruchsvollen Rolle gedrängt hätte. Ich meine Lia' Rosen vom Deutschen Theater, die nicht so sehr aus der Not des Schi 11 ert heaters, das doch eine Ritscher hat, sondern aus eigener, sich mimisch austoben zu müssen, im Volks - hause in der Bismarckstrasse Grill - parzers „Jüdin von Toledo" unter grossem Beifall zum ersten Male gespielt hat. Dieses Drama, das als Ganzes misslungen, in einzelnen Szenen von ausserordentlicher rein künstlerisch-theatralischer Wirksamkeit ist, hat den Namen seines' Dichters aufs engste mit der Vorstellung modernen Empfindens verschwistert. Nächst der Penthesilea von Kleist ist die Jüdin Rahel vielleicht das modernste Geschöpf der klassischen Literatur. P]s ist nun gewiss nicht das Höchste, ein nur modernes Kunstwerk zu schaffen. Je grösesr es ist, umso zeitloser wird.es dastehen, unabhängig von der Stimmung und der geistigen Lia Rosen.. Disposition einer begrenzten Zeit. Aber das, Avas wir als modern bezeichnen, nämlich das Neuhinzugekommene der letzten 50 Jahre, ist in auffallender Stärke mit der Vorahnungskraft des Künstlers in diesen beiden Gestalten dargestellt worden, ohne dass sie mit geringerer Typisierung für diese Bereicherung hätten büssen müssen. Penthesilea ist wie Rahel die Urmutter aller modernen Mä dchenges ta 1ten;beide, so ungleich sie sind, haben sich von keinem der Ge schöpfe, die sie fort zeugend ins Lebei riefen, überwachsei lassen. Sie sind unübertroffen in der Gestaltung wie ir der Natur unr musterhaft rclurcl die Reinheit der dichterischen Emp ■ findung, die sit schuf. Das ist jV gerade das Wunderbare, dass ihre Dichter die Hysterie, die sexuelle Perversion das WeibchenhafU und Krarike dar stellten, ohne e> mit in die Dar Stellung als -krankt Säfte ihres Orga nismus fliessen zu lassen. Rahel ist völlig von der Persor ihres Dichters gelöst; Penthesilea steht nur in ihren Dunste.. Hier ist das Pathologische nicht pathologisch und das Hysterische nicht hysterisch dargestellt, wie in der von Flaubert und Wilde abhängigen Kunst. Besonder merkwürdig ist es. dass Grillparzer dieses Weibchen eine Jüdin sein lässt. Auch darin ist eine Vorahnung modernen

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